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Wir brauchen keinen „deutschen Islam"

06/03/2015 09:27 CET | Aktualisiert 06/05/2015 11:12 CEST
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„Der Islam gehört zu Deutschland" wurde zum Leitsatz der aktuellen Diskussion über die Zukunft der Muslime in Deutschland. Dabei verwirren immer wiederkehrende Begriffe wie „deutscher Islam", „Staatsislam", „moderner Islam" oder „liberaler Islam" sowohl Teilnehmer als auch Zuschauer der Debatte und lenken von den Ursachen der Probleme ab.

Eine Dekonstruktion der Begriffe ist daher elementar, eine Richtigstellung dieser Begriffe gemeinsam mit Muslimen der Ausgangspunkt für eine auch von Muslimen akzeptierte Antwort.

Dass der Islam schon längst eine Realität für Deutschland ist, wusste man als Muslim bereits im Kindesalter, wenn man zum ersten Mal ein Eid-Gebet besucht hatte - sei es nun in einer Hinterhofsmoschee oder einer mit Minaretten bestückten Zentralmoschee.

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Für Muslime war der Satz "Der Islam gehört zu Deutschland" wie ein Rückschritt

Umso befremdlicher war es aus Sicht eines Muslims, als Christian Wulff den Satz „der Islam gehört zu Deutschland" aussprechen musste. Als er dann auch noch heftige Kritik eingesteckt hatte, stellten sich die Muslime zum ersten Mal bewusst die Frage: „Gehöre ich zu Deutschland?"

Es war also eher ein Rückschritt, weil etwas Vorausgesetztes offen in Frage gestellt wurde. Einige Jahre später stehen wir wieder an einem Punkt, wo die Zukunftsfrage des Islams in Deutschland sich inmitten der gesellschaftlichen und politischen Diskussion befindet.

Nur die Muslime sind überraschend ruhig und scheinen sich eher aus der Diskussion raushalten zu wollen. Nicht unbegründet, wie wir feststellen.

Die Forderung nach einem „deutschen Islam" ist nicht begründet

Die intensiven Diskussionen der politischen Akteure, begleitet von selbsternannten „liberalen Berufsmuslimen", die kaum mehr als eine Handvoll Muslime vertreten und aufgeheizt von gesellschaftlichen Reaktionen wie PEGIDA & Co., geben mehr Fragen auf, als dass sie Antworten geben. Forderungen von einem „deutschen Islam" werden laut, jedoch stellen sich wenige die Frage, was das genau bedeuten soll.

Die Diskussion ist von vornherein zum Scheitern verurteilt, da bis auf marginale Randfiguren, die sich „liberale Muslime" nennen, die breite Masse der Muslime die Diskussion befremdlich findet. Bedeutet die Forderung nach einem „deutschen Islam", dass man bisher nicht der „Leitkultur" und dem Wertesystem in Deutschland entsprochen hat und die Religion daher „deutscher" werden müsse?

Das ist genau so wenig einladend wie auch aufrichtig. Politiker die in einem Satz, das friedliche Miteinander mit der überwältigenden Mehrzahl der Muslime in Deutschland unterstreichen, aber im nächsten Satz die Notwendigkeit für einen „modernen", „liberalen" und „deutschen" Islam beteuern, glauben entweder nicht an das friedliche Miteinander im Land oder haben ein bisher unausgesprochenes Ratio verinnerlicht, welches nichts mit der Situation der hier lebenden Muslime zu tun hat.

Der Begriff „deutscher Islam" ist politisch und vermischt verschiedene Betrachtungsebenen

Die Debatte ist eine Politische und wird nicht von Theologen getragen. Daher ist die Begriffsdefinition „deutscher Islam" auch eine sehr Schwammige und Dynamische. Der aktuellen Diskussion können Merkmale eines „deutschen Islams" entnommen werden, die einen sozialen, kulturellen oder politischen Hintergrund haben, jedoch das theologische Fundament des Islams nicht tangieren.

Auch können diese Merkmale im Widerspruch zueinander stehen, je nach dem, wer die Forderung stellt und welche Absicht dahinter steckt.

In einem Artikel der FAZ beispielsweise konnte man über die „Fünf Thesen für einen deutschen Islam" lesen, in denen die Deutschsprachigkeit des Islam, Freiheit und Toleranz, Coolness der Imame, Identifizierung mit der Deutschen Geschichte und die Akzeptanz der Muslime, dass der Islam eine Minderheitenreligion bleibt, gefordert wird.

Die deutsche Sprache ist für die 3. und 4. Generation keine Frage mehr, diese spricht Deutsch besser als ihre Herkunftssprache.

Was tatsächlich fehlt, sind mehr Imame, die auch auf Deutsch und in der Jugendsprache auf die Jugendlichen zugehen können. Wir sprechen also eher über einen „deutschsprachigen Islam". Diesen Punkt als These für einen „deutschen Islam" anzuführen ist irreführend.

Freiheit und Toleranz mit einem „deutschen Islam" zu verbinden, bedeutet, diese Eigenschaft den Muslimen aus der Türkei, Marokko, dem Balkan, etc. abzuerkennen. Bei 5 Millionen Muslimen in Deutschland wird offen durch Akteure in der Gesellschaft und Politik betont, dass die überwältigende Mehrheit im Land angekommen ist.

Tatsächlich sind diese Menschen auch für Freiheit und Toleranz, begründet eben durch den islamischen Glauben und den damit verbundenen Weg der Mitte. Eine Betonung und Zuordnung dieser Eigenschaften jedoch zum „deutschen Islam" ist eine Ohrfeige für die große Mehrheit der Muslime in Deutschland, da eine Notwendigkeit suggeriert wird.

Auf die Frage, wie man sich mit der Geschichte Deutschlands identifizieren kann, fehlt nicht nur den Muslimen mit nicht-deutschen Wurzeln eine Antwort, sondern auch die deutsche Jugend selbst tut sich mit dieser Frage sehr schwer.

Dass Menschen nicht nur in Deutschland sondern in der ganzen Welt das schreckliche Kapitel der Nazizeit kennen sollten, steht außer Frage. Aber der Schritt zu Identifikation mit der Geschichte ist dann noch ein sehr Großer.

Hingegen ist es zweifellos von großer Bedeutung, dass nicht nur Muslime sondern alle Deutschen die deutsche Lyrik, moderne Philosophie, Psychologie und Gesellschaftskritiken in Berührung kommen, damit die heutige Zeit besser gelesen und die Zukunft nachhaltig geformt werden kann.

Der Diskurs über den Islam in Deutschland muss innermuslimisch sein, angeleitet von islamischen Theologen

Jede politisch angeregte und getriebene Debatte über eine Religion bewegt sich an der Grenze der Freiheitsgrundsätze. So lange eine Religion, den durch Verfassung abgesteckten Rahmen akzeptiert, sollte jeder Diskurs durch die Angehörigen der Religion angeleitet werden, denn nur so wird auch das Ergebnis seitens der breiten Masse Akzeptanz finden.

Der Diskurs erfordert zudem eine Differenzierung zwischen kulturellem Hintergrund und Ökonomie, zwei Aspekte, die einen enormen Einfluss auf die Lebensweise der Menschen haben.

So ist es beispielsweise kein Zufall, dass über 98% der rekrutierten Salafisten, die bereits in den Krieg ziehen, sozial gescheiterte Seelen sind. Eine differenzierte Betrachtung erlaubt uns die Probleme in ihrer Entstehung zu verstehen und somit konkrete Lösungsvorschläge zu erarbeiten, die eben nicht auf Emotionen und politischem Kalkül basieren.

Es ist die Zeit gekommen, an der nun die Muslime das Ruder der Debatte in die Hand nehmen und die Debatte aktiv steuern. Wir brauchen keinen „deutschen Islam" sondern einen Weg, die bestehenden islamischen Glaubensgrundsätze der „Mitte" (itidal) den Menschen zu vermitteln.

Dieser Beitrag erschien in Kooperation mit dem Manifest der Vielfalt

Das Manifest der Vielfalt ist eine deutschlandweite Initiative, die mit dem Ziel verbunden ist, Menschen zusammenzuführen und ihr zivilgesellschaftliches Engagement für den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt in einer pluralen Republik sichtbar zu machen.


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Manifest der Vielfalt



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