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Mein Baby ist völlig normal

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mutter stillen

Mir wieder immer wieder klar, warum wir dauernd Angst haben, dass mit unseren Babys etwas nicht stimmt. Erst gestern habe ich wieder so eine Werbeanzeige in meiner Lokalzeitung gesehen.

Der Text lautete: "Braucht ihr Baby Hilfe beim Schlafen?"

Ich erschauderte ... Ich sah mir das Bild mit dem süßen Baby an, das friedlich in seinem Bettchen schlief. In mir stieg wieder das alte Gefühl der Hilflosigkeit auf, das ich bei meinem ersten Baby hatte. Damals fragte ich mich: "Warum schläft MEIN Baby nicht? Was stimmt denn nur nicht mit ihm?"

Uns Müttern wird oft eingeredet, dass wir unsere Babys zu oft stillen und dass wir sie verziehen, wenn wir sie zu oft im Arm halten. Freunde und Familienmitglieder, die es allesamt nur gut meinen, machen uns ständig darauf aufmerksam, dass unser Baby ja SCHON WIEDER trinkt?!

Babys brauchen auch nachts Nahrung

Ich möchte jetzt einmal all diejenigen, die das Bedürfnis verspüren, unsere Erziehung zu kommentieren und zu kritisieren, nur um eine einzige Sache bitten: Haltet bitte einfach mal die Klappe!

Ja, mein Baby schläft keine einzige Nacht durch. Und das liegt nicht daran, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Sondern daran, dass es für Babys wichtig ist, nachts gestillt zu werden, da sie 20 Prozent ihres Tagesbedarfs an Nahrung nachts aufnehmen. [1] Also haltet bitte einfach mal die Klappe!

Ja, mein Baby schreit, wenn ich es nicht in den Arm nehme, sobald es aufwacht. Und ich bin nicht der Meinung, dass sein Weinen eine Form des "Protestes" ist. Mein Sohn WEINT einfach. Es ist erwiesen, dass Babys, die "lernen" sollen, von selbst einzuschlafen, sogar dann noch einen erhöhten Pegel des Stresshormons Cortisol aufweisen, wenn sie bereits aufgehört haben zu weinen und eigentlich ganz ruhig und friedlich wirken [2].

Ich habe meine Kinder sogar bis ins Kleinkindalter gestillt, wenn sie geweint haben. Also haltet bitte einfach mal die Klappe!

Auf die Bedürfnisse des Babys reagieren

Manchmal wache ich morgens auf und bin so müde, dass ich einfach nur heulen könnte. Ich kann meine Augen nur mit Zahnstochern offen halten und kein Kaffee der Welt vermag meine Qualen zu lindern. Doch für mich ist das der einzig richtige Weg, denn ich bin eine Mutter, die ihre Kinder auch nachts stillt und die nichts von Dingen wie "Anpassung der Reaktion an das Schreien des Babys", "Schlaftraining" oder "kontrolliertem Schreien" hält.

Also haltet bitte einfach mal die Klappe und hört auf, mir einreden zu wollen, dass es irgendeine andere Bezeichnung dafür gibt, dass mein Baby einfach nur WEINT. Es ist seine einzige Möglichkeit zu kommunizieren.

Ich hatte mich bereits im Vorhinein auf einiges eingestellt. Ich wusste, dass mein Baby mehrmals pro Nacht aufwachen würde, doch mir war nicht klar, dass das so lange anhalten würde.

Zum Glück habe ich tolle Frauen kennengelernt, die ihre Kinder auch nachts stillen. Das gab mir die Bestätigung, dass ich nicht verrückt bin. Ich tue einfach nur das, was wir Mütter immer schon getan haben ... wir reagieren auf die Bedürfnisse unserer Babys.

Meine Umfrage [3] mit über 8.000 Frauen kam zu dem Ergebnis, dass mehr als 25 Prozent aller Stillkinder zwischen 0 und 24 Monaten regelmäßig zwischen vier und sechs Mal pro Nacht aufwachen. Also haltet bitte einfach mal die Klappe und versucht mir keine falschen Vorstellungen davon einzureden, was für Stillkinder angeblich normal ist.

Co-Sleeping ist nicht gefährlich

Ja, ich stille meinen Sohn in den Schlaf. Ja, mein Sohn schläft bei mir im Bett und ich werde meist gar nicht richtig wach, wenn ich ihn stille. Und nein ... es ist nicht einfach nur eine schlechte Angewohnheit. Also haltet bitte einfach mal die Klappe.

Wenn man sich an die wissenschaftlich erwiesenen Richtlinien hält, ist es überhaupt nicht gefährlich, sein Kind im eigenen Bett schlafen zu lassen [3].

Ja ich weiß, mein Sohn ist klein. Er befindet sich seit Monaten in der 5. Perzentile der Wachstumskurve. Er ist wie sein Vater schmal gebaut (hier kommt die Genetik ins Spiel). Also haltet bitte einfach mal die Klappe!

Und ja, mein Baby ist toll! Mein Sohn ist ein wundervolles kleines Baby. Er kuschelt die ganze Nacht mit mir und er wacht regelmäßig auf, damit er ausreichend Milch bekommt. Wenn ich ihn nicht im Arm halte, schläft er meist eher nur kurz, weil er gerne in meiner Nähe ist.

Mein Sohn entwickelt sich so, wie er sollte

Mein Sohn befindet sich jetzt in der Bindungsphase und deshalb will er am liebsten ständig bei mir sein. Er entwickelt sich also genau so, wie er sollte!

Der wichtigste Grundsatz der Theorie zur Bindungsphase lautet, dass ein Kind zu mindestens einer Hauptbezugsperson eine Bindung aufbauen sollte, damit es sich sozial und emotional normal entwickeln kann und damit es vor allem lernt, seine eigenen Emotionen zu regulieren [4]. Also haltet bitte einfach mal die Klappe!

Ja du hast recht, es sieht tatsächlich so aus, als würde er rund um die Uhr an meiner Brust hängen. Und ich bin dankbar dafür, denn genau deshalb kommt bei mir auch ausreichend Milch. Wie viel Milch produziert wird, hängt nämlich davon ab, wie viel konsumiert wird [5].

Manchmal will mein Sohn alle 20 Minuten gestillt werden. An anderen Tagen kommt er vier Stunden ohne Stillen aus. Doch ich weiß, dass er jeden Tag genau das bekommt, was er braucht, wenn ich ihn je nach Bedarf stille. Außerdem passt sich meine Milchproduktion auf diese Weise auch an seine Bedürfnisse an. Also haltet bitte einfach mal die Klappe!

Ich weiß, ihr könnt oft nicht verstehen, warum mir das Stillen so wichtig ist. Und mir fällt es schwer, es zu erklären, weil ich einfach nur so ein Gefühl in mir habe, das ich vorher nicht kannte ...

Lasst mich meinen eigenen Weg finden

Wie er mich ansieht, wenn ich ihn stille. Wie ich vor Stolz fast platze, wenn ich sehe, wie er wächst und ich mir denke: "Und das alles nur durch meine Milch!" Wie gesund er ist. Dass er sich sofort beruhigt, wenn ich ihn stille, weil er sich verletzt hat, weil er gerade schlechte Laune hat oder weil er krank ist.

Ich weiß, dass ich ihn immer stillen kann und dass es immer funktioniert. Wir sind über das Stillen miteinander verbunden. Er beruhigt sich dadurch. Über das Stillen gebe ich ihm Nahrung und Sicherheit.

Es wird die Zeit kommen, in der er nicht mehr gestillt werden muss. Doch es gibt mir ein gutes Gefühl, zu wissen, dass ich seine Bedürfnisse auf die absolut natürlichste Art stillen konnte. Eben genau so, wie wir Mütter es schon immer getan haben.

Bitte lasst mich einfach meinen eigenen Weg finden, indem ich auf die Signale meines Babys achte und indem ich auf meinen Mutterinstinkt vertraue und mein Kind stille.

1. Kent JC, et all. Volume and frequency of breastfeedings and fat content of breast milk throughout the day. Pediatrics. 2006; 117(3):387-395.

2. Middlemiss W, Granger D, Goldberg W, Nathans L. Asynchrony of mother-infant hypothalamic-pituitary-adrenal axis activity following extinction of infant crying responses induced during the transition to sleep. Early Human Development. 2012; 88:227-232.

3. Meg Nagle. Boobin' All Day...Boobin' All Night. A Gentle Approach To Sleep for Breastfeeding Families. Sunshine Coast: Meg Nagle; 2015.

4. Holmes J. John Bowlby & Attachment Theory. Makers of modern psychotherapy. London: Routledge; 1993

5. http://www.parentingscience.com/infant-feeding-schedule.html

Meg Nagle, IBCLC (The Milk Meg) ist Mutter und Autorin. Außerdem hält sie Vorträge und berät Familien bei Fragen zum Stillen. Mehr über Meg erfährst du unter www.themilkmeg.com.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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