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Vier Tage blanker Irrsinn: Als Reporter zwischen Polizisten und Demonstranten bei den G20-Krawallen

09/07/2017 14:56 CEST | Aktualisiert 09/07/2017 22:33 CEST

Katerstimmung in Hamburg. Nach vier Tagen heftigen Protests gegen den G20-Gipfel wirken die Straßen in der Hansestadt wie leergefegt. Im Gegensatz zu den vergangenen Tagen herrscht nahezu friedliche Stille.

(Maximilian Marquardts Aufnahmen und noch andere seht ihr im Video oben)

Keine Helikopter, keine Sirenen, keine Explosionen in der Ferne. Lediglich die eingeschlagenen Fensterfronten diverser Geschäfte erinnern an den Ausnahmezustand. Und die Tatsache, dass Geld abzuheben unmöglich ist. In vielen Hamburger Vierteln sind nahezu sämtliche Geldautomaten zertrümmert.

Nach vier Tagen Berichterstattung für die HuffPost wirkt die Ruhe in der Stadt befremdlich - fast schon schmerzhaft. Der Mensch gewöhnt sich eben schnell an neue Situationen. Die Demonstrationen begannen am Mittwoch friedlich mit den Aktionen "1000 Gestalten", "Women´s March" und "G20 - lieber tanz ich" - und endeten in Exzessen der Gewalt.

Ein Augenblick, in dem es schwer war, nicht in Tränen auszubrechen

Die Geschehnisse einzuordnen, fällt jetzt schwer. Es sind zu viele Momentaufnahmen, zu viele Randnotizen, zu viele Eindrücke - schlechte, aber auch zahlreiche gute.

Da wären zum Beispiel die friedlichen Demonstranten, die mit aller Kraft in den vergangenen Tagen versucht haben, die marodierenden Horden von Extremisten davon abzuhalten, Autos anzuzünden und Fenster einzuschlagen. Oder der Moment, in dem sich am Samstagabend ein Aktivist und ein Polizist in den Armen liegen und gemeinsam lachen.

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Ein seltener Moment der friedlichen Verständigung

Dieser Augenblick war nach dem Gewalt-Freitag so emotional, dass es schwerfiel, nicht in Tränen auszubrechen. Vor allem deshalb, weil genau jene Hundertschaft, der der Polizist angehörte, nur wenige Stunden später erneut mit Flaschen und Steinen attackiert wurde.

Wer nun den sprichwörtlichen ersten Stein geworfen hat, ob die Polizei richtig und falsch gehandelt hat, das ist nach den massiven Krawall-Tagen in Hamburg durchaus eine Diskussion wert. Indiskutabel ist das Ausmaß der Gewalt und Zerstörung, die über viele Stadteile Hamburgs hereingebrochen sind.

"Hier wird gerade Geschichte geschrieben, und die Leute wollen ein Teil davon sein", sagte uns ein Demonstrant, den wir am Rande der Hauptkundgebung am Samstagnachmittag interviewen.

Es stößt sauer auf, wenn Medienvertreter von Krieg und Terror sprechen

Der G20-Gipfel in Hamburg ist nun vorbei. In wenigen Tagen wird niemand mehr darüber sprechen - Schnee von gestern, so ist das eben. Von der Geschichte, die geschrieben wurde, haben die Hamburger jedoch mit Sicherheit noch länger etwas.

Zum Beispiel, wenn sie diesen Sommer vor dem Schanzenviertel im Stau stehen, weil der Teer unter der Hitze der brennenden Straßenbarrikaden aufgeplatzt ist und nun die gesamte Kreuzung saniert werden muss. Oder wenn sie sich mit der Autoversicherung darüber streiten müssen, ob der Schaden nun übernommen wird oder nicht.

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Eines der vielen in Brand gesteckten Autos in Hamburg

Was in Hamburg passiert ist, ist schrecklich und tragisch. Doch es stößt sauer auf, wenn manche Medienvertreter und Politiker von Krieg sprechen und sogar Vergleiche zum islamistischen Terror ziehen. Diese Analogien sind nicht nur maßlos übertrieben, sondern auch ein Hohn gegenüber den unzähligen Opfern.

Nein, Hamburg war nicht Krieg, auch nicht kriegsähnlich. Im Krieg sterben Menschen und es fallen Bomben, beides traf nicht zu. Auch wenn das brennende Schanzenviertel, Altona oder die Landungsbrücken in diesen Tagen durchaus mit einem Schlachtfeld zu vergleichen waren. Auch wenn es auf allen Seiten zahlreiche Verletzte gab.

Kriminell, asozial, primitiv

Hinter jedem Journalisten steckt ein Mensch, der mit brenzligen Situationen wie der in Hamburg auf seine Weise umgeht. Vielleicht rühren diese Vergleiche daher.

Das zeigte sich auch Freitagnacht, als ich nahe der "Roten Flora" eine heftige Diskussion mit einem Journalisten eines großen deutschen Politik-Magazins führen musste, der die Ausschreitungen geradezu beschönigte.

"Es ist ein Menschenrecht, auf die Straße zu gehen und den Politikern zu zeigen, dass man sauer ist", schmetterte er mir zwischen Wasserwerfern, Steinhagel und brennenden Barrikaden entgegen.

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Krawall-Tourismus auf der Schanze

Wir schrien uns noch eine Weile gegenseitig an, dann räumten wir beide das Feld - in unterschiedliche Richtungen. Das Recht zu demonstrieren hat jeder. Das Recht, andere Menschen zu verletzen, Eigentum anderer mutwillig zu zerstören und Leid und Chaos in eine friedliche Stadt zu bringen, nicht.

Es ist kriminell, asozial und primitiv - und es hat mit dem Recht auf Demonstration nichts zu tun.

Krawalltouristen und Schaulustige

Viele Aktivisten sprachen nach der Krawall-Nacht davon, dass sie nicht maßgeblich Schuld an der massiven Zerstörung hätten. Es seien unter ihnen zahlreiche Krawalltouristen gewesen, ebenso unzählige Schaulustige, die einfach Spaß an dem makaberen Spektakel hatten, das sich ihnen in Hamburg bot.

Eine These, die zwar nur schwer zu glauben ist, die jedoch tatsächlich ein wenig Wahrheit in sich birgt.

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Krawall-Selfie

Als ich am Samstagabend bepackt wie ein Esel mit zwei Kameras und schwerem Rucksack vom Millerntor in Richtung Schanzenviertel sprintete, wurde ich selbst Zeuge jener Gelegenheits-Gewalttäter.

"Läufst du zum Schulterblatt?", rief mir ein Halbstarker mit seiner Freundin im Laufen zu. "Ja, wieso wollt ihr das wissen? Bleibt da weg!", rief ich ihnen hastig entgegen. Woraufhin sie mir nur erwiderten: "Quatsch nicht Digga, wir wollen dahin, wo die Action ist!"

Wenig später sah ich beide am Ort des Geschehens, wo sie sich an einer Palette aus Holz zu schaffen machten, um diese kurz danach auf eine brennende Barrikade zu werfen. Breit grinsend und jubelnd. Klar, was soll der Mensch sonst an einem lauen Sommerabend im Juli machen, wenn Hamburgs Kneipen und Clubs geschlossen sind?

Der G20 - für manche auch das Geschäft ihres Lebens

Vollkommen absurd auch der Moment, als in der Nähe der Elbstraße eine Hundertschaft Polizisten einen Basketballplatz stürmte. Noch wenige Minuten zuvor waren sie von Demonstranten mit Flaschen beworfen worden. Die Basketballer machten einfach mit ihrem Spiel weiter, während neben ihnen Demonstranten von der Polizei zurückgeschlagen wurden.

Dazwischen immer wieder Flaschensammler mit großen Einkaufswagen und Tüten. Der G20 - für manche sicher auch das Geschäft ihres Lebens.

Im Angesicht solcher Begegnungen (von denen ich an allen Tagen der Proteste zahlreiche hatte), fällt es sehr schwer, eine professionelle journalistische Objektivität zu bewahren.

Vielleicht waren die G20-Prosteste in Hamburg auch genau deshalb so eine Tragödie, weil sie weniger Prostest, sondern vielmehr ein Open-Air mit Krawallen waren. Eine "Großveranstaltung", auf der sich all jene trafen, die mal ein bisschen Krieg spielen oder ein Selfie vor schwer bewaffneten USK-Beamten abstauben wollten, um zu zeigen, was für harte Hunde sie doch sind.

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Einsatzkräfte der Polizei auf dem Vormarsch

Erstmals las ich auf Twitter den Begriff "Riot-Hipster", der das sehr gut auf den Punkt bringt. Ob Selfies, Vollsuff oder unnötige Provokation - all dies schien Vorrang zu haben vor dem Einstehen für Ideale oder dem konstruktiven Protest gegen den G20-Gipfel.

Doch wer braucht schon Ideale, wenn er seiner blinden Zerstörungswut freien Lauf lassen kann? Wer braucht schon friedvollen Protest, wenn er auch Flaschen auf die "Bullenschweine" werfen kann? Wenn er das Privileg genießen kann, eine Stadt zu verwüsten - und anschließend mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in die schöne Zweizimmerwohnung zurückzufahren.

Hasstiraden gegen Journalisten - aber auch viel positiver Zuspruch

Jetzt, einen Tag nach den Ausschreitungen, fällt es mir immer noch schwer, das Erlebte in die richtigen Worte zu fassen. Die Veranstalter der Hauptdemo "Grenzenlose Solidarität" von Samstag schrieben auf ihrer Facebook-Seite von einem vollen Erfolg.

Retrospektiv stellt sich die Frage, wem die Solidarität denn nun letztlich galt. Den Polizisten, den Anwohnern, den Autobesitzern oder den Kleinunternehmern, die sich womöglich mühsam ihren Traum vom eigenen Laden erarbeitet haben, der nun in Trümmern liegt, offenbar weniger.

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Sinnbild der Zerstörung: Zertrümmerte Bankautomaten

Als Medienvertreter waren wir gleich nach den Polizisten die Buhmänner. Waren keine Beamten mehr in der Nähe, schossen sich die Chaoten auf uns ein. Ob Beleidigungen, Handgreiflichkeiten oder Tritte - das Potpourri der Aversionen war so bunt und vielfältig, wie es die Prostete eigentlich hätten sein sollen.

Und das, obwohl wir zu einem konstruktiven Dialog mit den Demonstranten bereit waren. Auch im Netz schwappten uns die Hasstiraden entgegen. Doch jeder einzelne positive Kommentar bestärkte uns, weiter auf Sendung zu bleiben und aus Hamburg zu berichten. Hierfür möchte ich mich von ganzem Herzen bedanken.

Trotzdem: Wie es nun mal bei Katerstimmung so ist, bleibt ein fader Beigeschmack. Denn trotz der versöhnlichen Gesten und vergleichsweise entspannten Stimmung des letzten G20-Tages können die Geschehnisse von vier Tagen Ausnahmezustand nicht rückgängig gemacht werden.

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(jg)