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Fakten zu Flüchtlingen? Ja, bitte!

10/10/2015 16:45 CEST | Aktualisiert 10/10/2016 11:12 CEST
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Es könnte zum Unwort des Jahres werden - Flüchtlingskrise. Seit geraumer Zeit gibt es wohl kein anderes Thema, welches die Gemüter so sehr erhitzt. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die vorgeben, sie hätten Angst um ihre Zukunft, ihre Sicherheit und ihr Eigentum, auf der anderen Seite diejenigen, welche ankommende Geflüchtete herzlich willkommen heißen. Ein Faktencheck.

Warum nach Deutschland? Warum zu uns? Die waren dich schon sicher, als sie europäischen Boden betreten haben.

Diese Aussage ist teilweise richtig. Ja, in Europa gibt es derzeit keine kriegerischen Handlungen. Sicher sind hier ankommende Menschen allerdings noch lange nicht. Sicherheit bedeutet, sich um elementare Lebensgrundlagen keine Sorgen machen zu müssen. Und dies ist in einigen europäischen Ländern nicht der Fall.

Beispielsweise werden Geflüchtete in Ungarn von staatlicher Seite sehr selten unterstützt. Alle Hilfe geht von Freiwilligen und so genannten NGOs, also Nicht-Regierungs-Organisationen, aus. Allerdings können diese durch die Politik der Orban-Regierung ihre Arbeit nur schwerlich verrichten. Die Geflüchteten werden oftmals in Lager gebracht, zu welchen weder Helfer noch Presse Zutritt haben.

Somit kann man über die dortige Behandlung der Menschen nur Vermutungen anstellen. In Deutschland bekommen Geflüchtete etwas weniger als Hartz4. Dies teilt sich auf in die Kosten für die Unterbringung, für Verpflegung und in ein Taschengeld in Höhe von maximal 143 Euro. Auch wenn es in diesem Jahr 437 Angriffe auf die Unterkünfte von AsylbewerberInnen gab, können sie hier besser leben als anderswo.

Der deutsche Staat unterstützt Flüchtlinge nicht zu sehr, andere europäische Staaten leisten schlichtweg zu wenig Unterstützung.

Die sollen froh sein, dass sie überhaupt ein Dach über dem Kopf haben!

Jeder Mensch, der vor Terror und Zerstörung flieht, ist froh, wenn er eine trockene Unterkunft zur Verfügung gestellt bekommt. Jedoch sollte in Europa ein Mindestmaß an Menschenwürde, auch in den Unterkünften der Geflüchteten, vorhanden sein.

Umfunktionierte Turnhallen mit 600 Betten, ohne die Gewährleistung von Privatsphäre, sind keine Alternative. Ja, auch Deutsche finden nicht sofort eine Wohnung. Aber es herrscht in Deutschland auch ein akuter Wohnungsleerstand.

Viele Gebäude werden gar nicht mehr genutzt und die Eigentümer weigern sich, diese zur Verfügung zu stellen. Aus diesem Grund werden mittlerweile auch Zwangsenteignungen durchgeführt, da im Grundgesetz der Bundesrepublik der Grundsatz "Eigentum verpflichtet" verankert ist.

Aber es werden auch Deutsche aus ihren Wohnungen geworfen!

Das stimmt. Das Problem hierbei sind allerdings nicht die Geflüchteten, sondern das Geschäft, was Vermieter mit ihnen machen wollen. Der Staat zahlt für die Unterbringung von Flüchtlingen viel Geld.

Das Problem sind also nicht die Menschen, die hierher fliehen, sondern diejenigen, die aus dem Elend anderer Profit zu schlagen versuchen.

Wir werden überrannt! Das Boot ist voll!

Nein, das Boot ist nicht voll, im Gegenteil. 2005 lebten 82, 5 Millionen Menschen in Deutschland, im Jahr 2014 waren es nur noch 81,2 Millionen. Ein Zuzug ist zwangsweise nötig, um das deutsche Sozialsystem am Laufen zu halten.

Aber die deutsche Politik ist kinderfeindlich, deswegen kriegen die Deutschen keine Kinder mehr.

Das ist falsch. Deutschland erhöht fast jährlich das ausgezahlte Kindergeld, Eltern werden von vielen Betrieben unterstützt, ebenfalls gibt es steuerliche Vorteile für kinderreiche Familien. Das Problem ist nicht, dass der deutsche Staat zu wenig für die Kinder tut, das Problem liegt eher daran, dass viele junge Menschen heutzutage eher die Karriere als die Familie in den Vordergrund stellen sowie an einem unerreichbaren Perfektionsanspruch. Dies schlussfolgert eine Untersuchung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung.

Bald haben wir keine deutsche Kultur mehr!

Deutschland war schon immer ein Einwanderungsland, und das ist gut so. Angst um deutsche Kultur muss niemand haben. Ebenfalls ist die Angst vor einer angeblichen Islamisierung unbegründet.

Diverse Umfragen unter Geflüchteten zeigen deutlich, dass ein großer Teil wieder in ihre Heimat zurückkehren will. Jedoch kann nicht gesagt werden, wann das sein wird. Fakt ist, dass diese Menschen in Deutschland leben. Fakt ist, dass Integration auch nur von beiden Seiten aus funktionieren kann.

Niemand verlässt seine Heimat aus Spaß oder für ein Taschengeld von 143 Euro. Niemand nimmt eine tausende Kilometer lange Reise auf sich, um am Ende monatelang mit wildfremden Menschen eine Unterkunft teilen zu müssen.

Wir wissen doch gar nicht, wer in unser Land kommt, die sind doch alle nicht registriert.

Auch diese Annahme ist falsch. Die meisten Geflüchteten werden bei ihrer Ankunft in Deutschland registriert. Die Gefahr besteht darin, dass einige sogenannte Hassprediger versuchen, diese Menschen für ihren Glauben zu instrumentalisieren.

Dies geht allerdings in den seltensten Fällen von Menschen mit Migrationshintergrund aus, sondern vielmehr von Deutschen, welche zum Islam konvertiert sind. Die wenigsten Islamisten sind von Geburt an Muslime.

Also liegt das Problem doch am Islam!

Nein, eben nicht. Der Islam an sich ist eine Religion, welche den Frieden lehrt. Er wird jedoch oftmals dazu benutzt, um Menschen für seine eigene Gesinnung zu gewinnen. Aus diesem Grund werden Textstellen des Koran absichtlich falsch übersetzt oder falsch gedeutet, schlicht aus dem Grund, um diejenigen zu radikalisieren, welche ohnehin anfällig für manipulative Methoden sind.

Die Religion ist in diesen Fällen nicht der Grund für den Hass, sondern lediglich das Mittel zum Zweck.

Die Flüchtlinge sind aber kriminell! Die schlagen sich oft gegenseitig! Das macht doch niemand, der vor Krieg flieht!

Die menschliche Psyche ist sehr schwierig zu analysieren. Oftmals können wir uns nicht in die Lage anderer Menschen versetzen, da wir nicht das erlebt haben, was sie durchmachen mussten. Es kommt zwangsweise zu Auseinandersetzungen, wenn Menschen, die sich untereinander nicht kennen, auf unbestimmte Zeit und auf engstem Raum miteinander auskommen müssen.

Dieses Phänomen kann man schon in gutbürgerlichen Haushalten beobachten - selbst Ehepartner, welche seit 20 Jahren miteinander verheiratet sind und einander bestens kennen, brauchen ihren Freiraum.

Während sich hier der Unmut oft in Fremdgehen und Geheimnissen vor dem Partner bemerkbar macht, wird in Massenunterkünften für AsylbewerberInnen mit gewaltvollen Auseinandersetzungen geantwortet. Auch das kommt unter Ehepaaren vor, aber zum einen ist häusliche Gewalt noch immer ein Tabuthema, zum anderen wird darüber aufgrund des fehlenden öffentlichen Interesses nicht berichtet.

Schlägereien in Geflüchtetenunterkünften lassen sich schlichtweg besser verkaufen als ein Haushaltsstreit der Müllers. Hinzu kommt, dass Flüchtlinge in den meisten Fällen einer Residenzpflicht unterliegen, sie dürfen also die Stadt beziehungsweise die Gemeinde, in welcher sie leben, nicht verlassen.

Das verkompliziert die Problematik nochmals. Das soll Gewalt in Einrichtungen für Geflüchtete nicht verharmlosen, es soll nur erklären, warum es überhaupt dazu kommt.

Es gibt immer wieder neue Geschichten, welche entweder aus dem Kontext gerissen oder komplett erfunden wurden, um den Hass gegen Geflüchtete noch weiter zu schüren. Leider lässt sich ein nicht geringer Teil der Bevölkerung durch rechtsradikale Hetzerinnen und Hetzer indoktrinieren.

Wirkliche Fakten scheinen hier allerdings niemanden zu interessieren. Anstatt sich über Quellenangaben zu informieren, wird bedenkenlos jede noch so absurde Geschichte in den sozialen Netzwerken geteilt. Glücklicherweise gibt es einige Menschen, die sich dem entgegenstellen und die verbreiteten Geschichten überprüfen.

Die Initiative "mimikama - Zuerst denken, dann klicken" leistet seit geraumer Zeit einen hohen Anteil an der Aufklärung diesbezüglicher Falschmeldungen.

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