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Brief an meine Eltern - Gedanken eines Zweijährigen!

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Liebe Mama, lieber Papa,

seit etwas über zwei Jahren gibt es Euch an meiner Seite und jeden Tag entdecken wir gemeinsam etwas mehr von dieser Welt. Sie ist so riesig und für mich noch viel riesiger, dass ich Euch sagen muss: Vieles davon verstehe ich noch nicht. Aber ich bin dabei, es zu verstehen.

Jeden Tag entdecke ich mehr. Jeden Tag finde ich mehr, und jeden Tag will ich mehr. Seht es mir nach, habt etwas mehr Geduld mit mir, denn ich will einfach nur begreifen, was da draußen, in Eurer Welt, passiert. Helft mir dabei, indem Ihr mich (hin und wieder auch einfach mal) machen lasst!

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Ich bin einer von vielen in dieser Welt, aber Ihr seid alles für mich! Auf einmal war ich da und Euer Geruch war der erste, der in meine Nase kroch. Eure Stimmen waren mir gleich vertraut, weil ich sie schon seit Wochen kannte. Der Duft Eurer Haut und unser erster Blickkontakt, das war von da an ein ganz tolles Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit.
Ja, ich bin in meine Welt hineingeboren worden, die so ist - wie ich heute bin!

Mein erster Schrei - unser Kennenlernen - war Freude, Hoffnung und Neugier, aber auch ein bisschen Erschöpfung durch die letzten Stunden in meinem alten Zuhause.

Der erste Schritt in dieses Leben begann mit einer wunderbaren Zeit der Nähe und Zuneigung ohne Ende. Riechen, Schmecken und Fühlen - mehr gab es nicht und mehr brauchte ich nicht. Auch wenn ich noch nicht wissen konnte, dass es einen Rhythmus in Eurem Leben gibt.

Wo Ihr wach und aktiv seid oder schlaft oder schlafen wollt. Woher sollte ich das auch wissen? Neun Monate lang habe ich an einem Ort gelebt, der immer dunkel war, der mich umhüllt und versorgt hat, weil ich ja auch gleich wachsen wollte.

So sind wir eine ganze Weile gemeinsam aufgestanden, um zu trinken, zu kuscheln und uns gegenseitig zu beruhigen. Es war egal, wie spät oder früh es war.

Es war auch unwichtig, ob die Sonne schien oder der Mond am Himmel hing. Ich weiß, dass ich Euch mehr als nötig geweckt, gefordert und Nerven gekostet habe. Ich weiß auch, dass ich manchmal nachts hätte ruhiger schlafen sollen, um Mama mehr Energie für den Tag mitzugeben. Doch woher sollte ich das damals wissen? Ich musste es erst lernen.

Wir alle - Mama, Papa, Sonne und der Mond - haben es irgendwann geschafft, und das hat mich sehr stolz gemacht. Jede Gewohnheit muss eben geübt werden.

Inzwischen kenne ich Sonne und Mond. Ich sehe sie, ich grüße sie und ich weiß, was sie mir sagen wollen. Doch nicht immer gelingt es mir, mit ihnen eins zu sein. Wenn abends der Mond durch mein Fenster scheint und die Sterne an meiner Decke funkeln, dann kann es trotzdem sein, dass ich nicht in den Schlaf komme. Ich will Euch nicht ärgern, wenn ich dauernd in meinem Bett stehe und weine, ja sogar brülle.

Nach Mama rufe, sie mich daraufhin hinlegt, ich wieder aufstehe und weiter schreie. Ich will Euch nicht Euren Abend nehmen. Nur manchmal ist es so, dass ich Euch einfach bei mir haben will, wenn ich einschlafe. Weil ich es brauche!

Auch frage ich mich, wieso Ihr beide in einem gemeinsamen Bett schlaft und ich mein eigenes habe. Wieso können wir nicht alle zusammen sein und träumen? Warum muss ich immer wieder in mein Bett gehen?

Okay, Ihr habt mir erklärt, dass ich manchmal zu unruhig schlafe, Kopf und Fußende vom Bett mit Mamas und Papas Bauch verwechsle oder eines eurer Kopfkissen als mein eigenes Bett verstehe. Ja, ich weiß und sehe es auch, dass einer von Euch dann keinen Platz und auch keinen Schlaf hat. Aber versteht mich doch auch, wenn ich einfach nur in Eurer Nähe sein möchte! Denn da schlafe ich manchmal einfach am besten! Und das wollt Ihr doch, oder etwa nicht?

Natürlich will ich auf Euch hören. Natürlich brauche ich meine Grenzen und Regeln, denn ohne sie wüsste ich ja gar nicht, wohin ich gehöre und wer mich beschützt. Trotzdem gibt es Momente, in denen ich anders muss, als Ihr wollt. Wenn die Straße vor unserem Haus ihre Auto-Schätze auspackt, Motorrad-, Bus- oder Baggerduft in der Luft liegt, dann kann ich nicht einfach ins Auto steigen, wie Ihr das wollt.

Hört auf, "Beeil Dich" zu sagen", lasst das "Wir haben jetzt keine Zeit dafür" weg und gebt mir den Moment, denn ich will einfach nur wissen, was da alles passiert! Ich weiß, dass Ihr es oft eilig habt, aber manchmal ist mir die Welt da draußen wichtiger. Dann bleibe ich stehen!

Zeigt mir öfter, was Ihr von mir wollt, statt "Hör auf damit" zu sagen. Kommt zu mir, statt nach mir zu rufen! Sonst rufe auch ich weiterhin laut nach Euch aus meinem Zimmer! Nehmt Euch die Zeit für mich, die ich brauche und lasst alles andere liegen, denn ich brauche Euch in meinem Zimmer! Nicht immer möchte ich alleine spielen, denn ich will Euch zeigen, wie wunderbar die Schubladen aus- und eingeräumt werden und Spielsachen sozusagen zweckentfremdet werden können.

Seht mehr, für was ich mich begeistere und weniger, was ich gerade wieder alles in meinem Zimmer auf dem Boden verteilt und durcheinander gebracht habe.

Manchmal fällt es mir auch schwer, überhaupt irgendetwas von Euch zu berücksichtigen. Das meine ich nicht böse. Meistens bin ich dann so vertieft in die Teebeutel, die ich gerade entknoten will (und auch die der anderen Schachteln) oder in die Toilettenpapierrolle, deren Papier ich einzeln abrupfe und nochmal zerrupfe und nochmal zerrupfe ... und ... ach Ihr wisst schon.

Es kann aber auch sein, dass ich mich höchst konzentriert mit der Reportage auf Youtube "Alles über Baggerbaustellen" auf Mamas Ipad beschäftige. Um das alles zu behalten, muss ich alle Geräusche und Anweisungen um mich herum ausschalten.

Wenn ich etwas tue, dann richtig. Tut Euch selbst den Gefallen und hört auf, mich dabei immerzu unterbrechen zu wollen. Wenn ich meine Antworten bekommen und meine Neugierde befriedigt habe, bin ich wieder voll und ganz für Euch da.

Und ganz besonders wichtig ist mir, Euch zu sagen, warum ich Euch regelmäßig mit meinen Spielsachen das Wohnzimmer, das Schlafzimmer und eigentlich alle anderen Räume auch neu (um-)dekoriere.

Mama, Du weißt, ich kenne und liebe deine Deko-Ecken im Haus, doch wenn ich meine Autos und Kumpels auf der Couch, auf deinem Kopfkissen, in der Küchenschublade oder im Schuh verstecke - Ihr nennt es "liegen lassen" - dann, weil ich Euch damit einen lieben Gruß schicken möchte! Einfach so!

So, als wenn Mama dem Papa einen kleinen Liebeszettel in seine Tasche fürs Büro steckt. Alle meine Sachen außerhalb von meinem eigenen Zimmer sind also versteckte Botschaften an Euch. Ich weiß, es sind einige Botschaften! Soooo lieb hab ich Euch einfach!

Vergesst das bitte nie! Auch wenn ich manchmal "kleine" Anflüge von Ausrastern habe, die so schnell kommen, wie sie wieder gehen. Wenn ich schreie, brülle, bocke oder wenn es nicht anders geht, etwas durch die Gegend schmeiße. "Nein" sagen ist eine meiner wichtigsten Erkenntnisse, die ich bisher gemacht habe.

Ich will und muss es so oft es geht sagen oder manchmal auch herausschreien, weil es einfach sein muss. Ich möchte Euch damit nicht ärgern oder herausfordern. Nein, ich brauch das manchmal, um "abzulassen", um mich "abzureagieren", weil es nicht schnell genug geht oder ich etwas nicht bekomme. Wahrscheinlich nennt Ihr das Ganze dann "Aufmerksamkeit haben wollen", "Grenzen testen" oder "auf stur schalten".

Mittlerweile weiß ich auch, Ihr wollt mir nichts Böses, wenn Ihr mich dann in mein Zimmer steckt und ich nicht rauskommen darf, bis der "Aufschrei" vorüber ist. Ja, irgendwie mag das der richtige Weg sein - auch wenn ich oftmals anders klinge - denn danach nehmt Ihr mich wieder in Eure Arme!

Und alles ist wieder gut ...

Danke für Eure Liebe & Geduld!

Diese Beitrag erschien zuerst auf meinem Blog Maximales.de

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