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Was eine Transsexuelle allen homophoben Menschen sagen will

Veröffentlicht: Aktualisiert:
TRANS
Mattie Lents
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Gedanken zur Gender-Identität und Transition, basierend auf meiner eigenen Erfahrung.

Vor kurzem haben mich ein paar User in den sozialen Medien angeschrieben und mir offenbart, dass sie (möglicherweise) transsexuell sind. Sie baten mich um Rat. Da ich gerade schwer beschäftigt bin, mit meiner eigenen Identitätskrise, haben mich diese Anfragen ganz schön herausgefordert.

Wie kann ich helfen? Wie kann ich meine eigenen Probleme von ihren unterscheiden, um objektiv zu bleiben? Ich habe bisher nicht mal Judith Butler gelesen. Und ich bin kein Therapeut.

Aber ich habe tief in meiner eigenen Psyche gegraben, Fehler begangen, mich der bitteren Realität gestellt und schließlich ein paar Entscheidungen getroffen, die mein Leben zum besseren verändert haben.

Ich schreibe diesen Text für alle, die allein schon von der Vorstellung von Trans-Menschen verwirrt oder sogar verärgert sind. Ich schreibe ihn für Freunde, Familien und Verbündete, die ihre Mitmenschen gerne unterstützen möchten.

Die ersten Anzeichen traten auf, als ich zwei Jahre alt war

Ich schreibe ihn für all die Trans-Menschen, die die Realität aus einem anderen Blickwinkel betrachten wollen. Vor allem aber schreibe ich ihn für alle, die wegen ihres eigenen Geschlechts verwirrt sind und Orientierung brauchen.

Zunächst möchte ich euch meine Hintergründe schildern. Ich wurde 1987 als biologischer Mann am Geburtstag meiner Mutter in Houston, Texas, geboren. Die ersten Anzeichen, dass ich mich mit meinem Gender nicht wohlfühlte, traten auf, als ich zwei Jahre alt war.

Ich habe gesagt, dass ich, wenn ich groß bin, eine Mama werden würde, kein Papa. Ich habe mich ins Zimmer meiner Schwester geschlichen und ihre Kleider anprobiert. Ich lief mit einem Handtuch um meinen Kopf gewickelt herum und bat, dass man mir die Haare kämmen sollte.

Mehr zum Thema: Transgender Promis: Diese Stars wurden im falschen Körper geboren

Ich war ein sprunghaftes, unruhiges Kind. Meine Mutter meint, das erste Mal, dass sie mich ruhig und konzentriert gesehen habe, war in der Ballettklasse. Als ich das Tütü meiner Schwester mitbrachte, es allen zeigte und es zum Balletttanzen anziehen wollte, meinte mein Vorschullehrer, man sollte mich zum Psychiater schicken.

Dieses Verhalten sei für einen Jungen nicht akzeptabel. Sie haben sich alle Sorgen gemacht, weil ich mich nur mit Mädchen anzufreunden schien. Das könnte zum Problem werden.

Wir ließen den Psychiater hinter uns und kamen niemals mehr zurück

Ich erinnere mich, wie ich beim Psychiater saß und er mich nach meinem Alltag im Kindergarten ausfragte. Ich erzählte ihm, dass ich mich anders fühlte als die anderen Kinder. Wie ich gerne Vater-Mutter-Kind spielen wollte, aber von den anderen weggeschubst wurde, wie viel Angst ich vor den Spielen der Jungs hatte, und wie ich manchmal Selbstmordgedanken hatte.

Er brachte mich raus, bat meine Mutter ins Zimmer und teilte ihr mit, dass ich in ernsthaften Schwierigkeiten stecken würde. Ich müsse mich behandeln lassen, wahrscheinlich mit Medikamenten, und möglicherweise in einer Klinik.

Meine Mutter war schockiert. Nach einigem Hin und Her waren sie und mein Stiefvater sich einig, dass meine Diagnose und die Behandlung mir wahrscheinlich nicht guttun würden. Wir ließen den Psychiater hinter uns und kamen niemals mehr zurück.

Bis heute bin ich ihnen für diese Entscheidung zutiefst dankbar, denn der Gedanke daran, wie ein transsexuelles Kind in den 90ern in Texas wohl als psychisch krank behandelt worden wäre, beunruhigt mich.

Akzeptiere die manchmal herrschenden Gegensätze zwischen dir und der Gesellschaft

Das hier ist nicht der richtige Kontext, um meine ganze Geschichte zu erzählen. Aber ich wollte euch den Anfang schildern, um zu zeigen, wie früh unkonventionelle Gender-Formen auftreten können. Für viele Skeptiker ist es schwierig, einen Zweijährigen zu beurteilen, wenn er Puppen, Kleider und Ballett liebt.

Es war schwierig für meine Eltern - das ist es manchmal heute noch - zwischen ihrem Wunsch, mich tun zu lassen, was mich glücklich machen würde, und dem Drang, mich in traditionell männliche Verhaltensmuster zu zwingen, abzuwägen, damit ich sicher und sozial akzeptiert werde.

Aus ihrem Konflikt konnte ich wertvolle Schlüsse ziehen, auf Basis derer ich Ratschläge geben kann, wie man sich solchen Herausforderungen stellt:

Akzeptiere die manchmal herrschenden Gegensätze zwischen dir selbst und der Gesellschaft.

Wenn wir vor dem Hintergrund der Anfeindungen und Feier der Trans-Revolution feststellen, dass die Wahrnehmung unserer Identität nicht konform ist mit den kulturellen Gender-Normen, kann es passieren, dass wir uns allzu sehr auf die Fragen konzentrieren: "Bin ich transsexuell? Oder ist das was anderes?"

Diese Fragen sind meist angefüllt von Emotionen - Angst, Aufregung, Verwirrung. Aber der Impuls, einen Identbegriff für unsere Erfahrung zu finden, ist manchmal von recht eingeschränkten Gender-Ideen dominiert, die die Realität nicht wirklich wiedergeben. Was ich versuche, zu sagen, ist: Bevor du das Wort trans für dich selbst annimmst, schau dir erstmal so genau wie möglich das Phänomen Gender an.

Es gibt zahlreiche Variationen von Gender

Diese Erforschung ist wichtig, weil sie dich davor schützen wird, Gender-Aspekte anzunehmen, zu denen du eigentlich keine Beziehung hast. Wenn du glaubst, es gibt nur zwei Gender - Mann und Frau - dann wirst du den Eindruck haben, dich in deinem sozialen Auftreten für eines entscheiden zu müssen. Aber das musst du nicht.

Es gibt zahlreiche Variationen von Gender und das Thema ist hochkomplex. Es gibt genauso viele Möglichkeiten, ein Mann zu sein, wie es Männer gibt, und genauso viele eine Frau zu sein, wie es Frauen gibt.

Die scheinbar klare Dichotomie der biologischen Geschlechter zerfällt nach einigem Hinterfragen. Es gibt zum Beispiel Menschen, die intersexuell geboren werden - sie verfügen über die männliche und weibliche Anatomie.

Das ist weit geläufiger, als man denkt - etwa 1,7 Prozent der Bevölkerung wird intersexuell geboren, also etwa genauso viele, wie rothaarig auf die Welt kommen. Menschen werden mit einer äußerlichen Vagina geboren, aber mit Hoden im Körperinneren anstatt von Eierstöcken. Mit vergrößerten Klitorides und teils oder ganz verschlossenen vaginalen Öffnungen.

Wir stammen alle von der Erde

Ich kenne einen gut aussehenden Cis-Mann, der in der Schule gehänselt wurde, weil ihm Brüste wuchsen, die er sich später hat entfernen lassen. Ich kenne eine Cis-Frau, die sich einer Hormontherapie unterzog, weil der hohe Testosterongehalt in ihrem Körper während der Pubertät dazu führte, dass sie maskuline Züge entwickelte.

Die Geschichte des binären biologischen Geschlechts ist weitgehend eine Fiktion, beeinflusst von Repression und sogar Eliminierung aller möglichen Variationen.

Im Vergleich mit Gender unterliegt das biologische Geschlecht stärkeren sozialen Mechanismen. Wir teilen unsere Kinder in zwei parallele Kulturen ein, die sie auf gegensätzliche Arten formen, um das Narrativ der fundamentalen Unterschiede zwischen Mann und Frau zu festigen.

Genaugenommen stammt niemand vom Mars oder von der Venus. Wir stammen alle von der Erde. Und viele der Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, die wir erleben, sind Mechanismen zur sozialen Organisation. Sie sind ursprüngliche Formen der Spezialisierung.

Variationen zwischen Sex und Gender sind kein zeitgenössisches Phänomen

Eine Arbeitsunterscheidung, die aufgrund der physischen Realität von Schwangerschaft, Geburt und Stillen erzeugt wurde - die körperlichen Eigenschaften, die Kinder gebären und ernähren versus der Muskelkraft und physischen Dominanz, die oft als Vorteil gesehen wurden.

Die Variationen zwischen Sex und Gender sind kein zeitgenössisches Phänomen. Sie herrschen schon seit Anbeginn der Menschheit und zeigen sich nicht nur bei Menschen, sondern bei Lebewesen aller Art.

Ich drohe wieder, abzudriften. Ich würde gerne konkrete, einfach zu verstehende Ratschläge geben. Aber Gender-Studien als Phänomen sind extrem relevant - sogar notwendig - um das eigene soziale Geschlecht zu erforschen, oder um das unserer Mitmenschen zu verstehen.

Und erst, wenn du dich mit diesen Fragen beschäftigt hast, glaube ich, dass du bereit bist, dich auf den schwierigen Weg der Transition zu begeben.

Ich rate Menschen also, die Frage zur Transition erst mal nach hinten zu stellen und sich erst mal den Gender-Aspekten zu widmen, mit denen sie sich identifizieren können.

An alle, die sich überhört fühlen: Erhebt eure Stimmen!

Was findest du aufregend an einem Leben als Mann? Willst du mehr Muskeln und physische Stärke? Dann fang an, Gewichte zu stemmen! Iss das richtige - stopf dich mit Proteinen voll. Du magst kurzes Haar? Geh zu einem coolen Friseur und lass dir endlich deine Traumfrisur schneiden.

Hast du es satt, dass man über deinen Kopf hinweg spricht, weil du als Frau wahrgenommen wirst? Ich habe es satt. Es stört mich, dass je weiblicher ich erscheine, meine Meinung in ernsten Gesprächen umso weniger wert ist, während ich an einer Bar stehend plötzlich umso mehr Aufmerksamkeit bekomme. An alle, die sich überhört fühlen: Erhebt eure Stimmen!

Umgekehrt gefragt, was findest du aufregend an einem Leben als Frau? Wurde dir als Kind beigebracht, dass du emotionslos-monoton sprechen sollst und du hast die Nase voll davon? Lass deine Stimme ein Lied sein! Magst du Gärtnern, Pflege, willst du deinen Körper kreativ präsentieren? Lerne, mit Make-up umzugehen und probier dich ein wenig aus.

Experimentiere mit deiner Kleidung - was ist schon der wesentliche Unterschied zwischen einem kurzen Kleid und einem langen, ärmellosen Shirt? Nachdem ich das alles gesagt habe - wenn du mit Make-up und Highheels ausgehen willst, dann MACH ES! Willst du dein Haar lang wachsen lassen? JA!

Such dir Orte, an denen du ganz du selbst sein kannst

Macht es dir Freude, für andere zu sorgen und sie zu pflegen? Mach es einfach. Koch jemandem eine leckere Mahlzeit. Sag jemandem, dass du ihn oder sie liebst. Protestiere gegen eine Kultur, die alle Emotionen außer Wut mit Schwäche gleichsetzt.

Diese Möglichkeiten sind nur die Spitze des Eisbergs. Wir können selbst herausfinden, wie wir leben wollen. Und wenn du zufällig an einem Ort lebst, an dem dich einige dieser Dinge in Gefahr bringen könnten, solltest du vorsichtig sein.

Such dir Orte, an denen du ganz du selbst sein kannst. Und übrigens - solltest du eine Cis-Frau sein, die all diese Ideen von Weiblichkeit komisch findet, zieh dein eigenes Ding durch! Das sind nur Konstrukte, die wir entweder annehmen oder verwerfen können.

Das gleiche gilt für Cis-Männer - wenn du das Fitnessstudio hasst und dich lieber um deine Kinder kümmern willst, musst du nicht gleich deine Gender-Identität über den Haufen werfen. Wir können unsere Gender-Rollen selbst kreieren.

Therapie war ein wichtiger Bestandteil meiner Transition

Nun, an alle, die sich mit diesen Fragen beschäftigt haben - an alle, die sich getraut haben, die restriktiven Gender-Konzepte auseinanderzunehmen, aber immer noch einen Stich tief in ihrem Innern verspüren, wenn sie in den Spiegel sehen und wenn andere bestimmte Pronomen für sie verwenden: Ich empfehle, euch mit jemandem zu besprechen, der das Konzept von Gender-Variationen akzeptiert.

Therapie war ein wichtiger Bestandteil meiner Transition. Vergiss das Stigma. Eine Therapie in Anspruch zu nehmen bedeutet nicht, dass du krank bist, sondern dass du ein Mensch bist, der sein wahres Selbst innerhalb einer Gesellschaft leben will, die von falschen Ideen besessen ist.

Wenn du dir Sorgen machst wegen des Geldes, such dir kostenlose Beratungsstellen oder Gruppen. Wenn nichts in deiner Nähe ist, such dir eine Online-Therapie. Die Welt ist voll von wunderbaren Menschen, die dir gerne ihre Hand reichen, wenn du um Hilfe bittest.

Und wenn du in Zusammenarbeit mit deinem Therapeuten feststellst, dass die einzige Möglichkeit, die dich voranbringt, ist, deinen Körper zu verändern, dann ist das eine Tatsache. Schieb die Urteile derer, die das nicht verstehen, beiseite.

Finde Verständnis für diejenigen, die anders sind als du selbst

Ich rate dir, die Sache langsam und bewusst anzugehen. Beginne mit Maßnahmen, die weniger invasiv sind, und schau nach, ob sie dir wirklich die Erleichterung verschaffen, nach der du suchst. Ich habe zum Beispiel damit angefangen, mein Haar lang wachsen zu lassen und mir die Gesichtsbehaarung weglasern zu lassen.

Eine Zeit lang glaubte ich, dass eine Geschlechtsumwandlung nötig wäre, damit ich meinen Frieden finde. Ich kenne einige Leute, auf die das zutrifft - die sich extrem unwohl fühlten mit ihren Geschlechtsteilen, manche wollten sogar, dass niemand sie berührt und sie fanden extreme Methoden, mit denen sie sie verstecken konnten oder nicht einmal mehr an sie denken mussten.

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Wenn ich nun meine Ängste darüber, was andere denken, oder ob ein Mann jemals meinen Körper schätzen kann, beiseite schiebe, stelle ich fest, dass ich mein Aussehen so lieben kann, wie es ist - und das ist alles, was ich brauche.

Indem ich mein Hormonlevel verändert und angefangen habe, die Merkmale meines Körpers zu betonen, die eher meiner Gender-Identität entsprechen, sowie eine soziale Transition vollzogen habe, habe ich Frieden mit mir selbst geschlossen und einen Zustand des Glücks gefunden, von dem ich vorher nur träumen konnte.

Egal wer du bist, egal, wo auf deinem Weg du dich befindest, ich will dich dazu ermutigen, weiter zu gehen. Finde Verständnis für diejenigen, die anders sind als du selbst. Und ich feiere alle, die eine unendliche Variation von Gender frei und voller Freude ausdrücken. Deine pure Existenz ist eine Offenbarung, ein Geschenk für uns alle.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei medium.

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