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Die nicht mehr ganz so vergessenen Tropenkrankheiten armer Leute und was Deutschland jetzt unbedingt gegen sie tun muss

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Quelle: Mo Scarpelli on behalf of the Sabin Vaccine Institute
Stella Jonathan, 9 Jahre alt, erhÀlt ihre NTD Medikamente von einer Gesundheitsarbeiterin namens Justice in dem Dorf Burangi in Kenia.

In dieser Woche legen die UnterstĂŒtzer der London-ErklĂ€rung zu den NTDs - hier kurz London Declaration genannt- ihren mit Spannung erwarteten vierten Fortschrittsbericht vor. Im Januar 2012 hatte sich eine breite Koalition von Partnern aus Regierungen von Entwicklungs- und IndustrielĂ€ndern, globalen Gesundheitsinstitutionen, Nichtregierungsorganisationen und Unternehmen der pharmazeutischen Industrie in der London Declaration zum Ziel gesetzt, gemeinsam bis zum Jahr 2020 zehn vernachlĂ€ssigte Infektionskrankheiten (Neglected Tropical Diseases; NTDs) einzudĂ€mmen, zu eliminieren oder sogar auszurotten.

Mit ihren vorbeugenden und heilenden Gesundheitsinterventionen erreichen nationale NTD Programme in endemischen LĂ€ndern mit UnterstĂŒtzung der Partner der London Declaration bereits heute hunderte Millionen von Menschen. Deshalb kann man kann hier mit Recht von einer Gesundheitsbewegung historischen Ausmaßes sprechen.

Nur Deutschland hat diese Bewegung bisher kaum erreicht. Zwar gehören hiesige Nichtregierungsorganisationen- wie die Christoffel-Blinden-Mission (CBM) und die Deutsche Lepra und Tuberkulosehilfe (DAHW) sowie die Arzneimittelhersteller Bayer und Merck KGaA zu den aktiven UnterstĂŒtzern der ErklĂ€rung, nicht aber die deutsche Regierung. Besonders das deutsche Entwicklungsministerium sieht in der BekĂ€mpfung der NTDs bisher keine besondere PrioritĂ€t fĂŒr Politik und Forschung.

Das ist nicht nur eine vertane Chance fĂŒr die Aber-Millionen, meist armen Menschen, die in endemischen LĂ€ndern, trotz aller Fortschritte, seit 2012 immer noch von NTDs betroffen sind. Es ist auch eine vertane Chance fĂŒr die deutsche Entwicklungspolitik, im Sinne der Sustainable Devleopment Goals (SDGs) - der Agenda 2030 fĂŒr Nachhaltige Entwicklung - bleibende Wirkungen bei der Verbesserung der Gesundheit und der BekĂ€mpfung der Armut zu erzielen. Dieser Agenda hat sich die deutsche Regierung verpflichtet.

Was sind NTDs?

Ein mageres, fĂŒr sein Alter zu kleines Kind mit Wurmbefall; ein krĂ€nklicher Schuljunge mit Blut im Urin; eine junge Frau, der ein Wurm aus dem Fuß kriecht; ein Mann mittleren Alters mit einem faustgroßen, geschwollenen Hoden; ein MĂ€dchen, das immer wieder ĂŒber entzĂŒndete Augen klagt; eine alte Frau ohne Nase, ohne Finger, mit verkrĂŒppelten wunden FĂŒĂŸen; ein Blinder mit einer Haut, die aussieht wie eine Kraterlandschaft; eine junge Frau mit einer roten Beule im Gesicht; ein mittelalter Mann, am ganzen Körper aufgedunsen, der nach Luft ringt; schließlich eine apathische Frau, die bewusstlos wird und stirbt.

Das sind die Leiden, die Geohelminthosen (Peitschen-, Spul- und Hakenwurmbefall), Schistosomiasis, Drakontiasis, Filariose, Trachom, Lepra, Onchozerkose, Leishmaniose (Orientbeule oder Kala-Azar), Chagas-Krankheit und afrikanische Trypanosomiasis hervorrufen und die dauerhaft einzudÀmmen oder zu eliminieren sich die Partner der London Declaration vorgenommen haben.

Die meisten dieser Übel töten ihre Opfer nicht. Trotzdem gehören einige von ihnen zu den abscheulichsten Krankheiten, die man sich vorstellen kann. Auch deshalb werden Erkrankte hĂ€ufig stigmatisiert und ausgegrenzt. Bei den Armen, die das Pech haben, von einem oder gleich mehrerer dieser Leiden befallen zu sein, verfestigt sich die Armut.

Ein chronisch entzĂŒndetes Bein oder Blutarmut und harte körperliche Arbeit passen einfach nicht zusammen. Blinde BĂ€uerinnen können ihre Felder nicht bestellen. Wenn NTDs bei Erwachsenen so zu chronischem Leid und dauerhafter Behinderung fĂŒhren, fĂ€llt die ErnĂ€hrerin oder der ErnĂ€hrer einer Familie aus.

Wegen ihres Wurmbefalls unterernĂ€hrte, anĂ€mische, Kinder sind oft schlechter in der Schule und haben deshalb geringere Zukunftschancen als ihre gesĂŒnderen MitschĂŒlerinnen und MitschĂŒler. Mehr als eine Milliarde Menschen, die in den vernachlĂ€ssigten lĂ€ndlichen Gebieten und Slums der MegastĂ€dte in tropischen und subtropischen EntwicklungslĂ€ndern leben, sind heute weiter in stĂ€ndiger Gefahr sich mit einer oder gleich mit mehreren dieser Erkrankungen anzustecken.

Millionen erkranken jedes Jahr neu oder leiden bereits an den Folgen chronischer Infektionen. Diese schwerwiegenden gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen der NTDs fĂŒr Einzelne und fĂŒr marginalisierte Bevölkerungen sind deshalb so besonders beklagenswert, weil man sie mit verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig geringem Aufwand fast vollstĂ€ndig unter Kontrolle bringen könnte.

Was kann man gegen NTDs tun?

Eine wirkungsvolle BekĂ€mpfung von gleich fĂŒnf der oben genannten NTDs - der Flussblindheit, der lymphatischen Filariose, der Schistosomiasis, der Geohelminthen (d. h. der Spul-, Haken- und PeitschenwĂŒrmer), sowie des Trachoms - in den Bevölkerungen endemischer Gebiete kann man nĂ€mlich mit ein und derselben Strategie erreichen: der jĂ€hrlichen oder halbjĂ€hrlichen prĂ€ventiven Chemotherapie (PCT) mit Einzeldosen effektiver Medikamente als Massenbehandlung von Kindern und Erwachsenen. Je nach epidemiologischer Situation kann man die PCT integriert auch gleichzeitig fĂŒr mehrere dieser Erkrankungen durchfĂŒhren.

Bei der Kontrolle der Leishmaniosen, der Chagas-Krankheit, der Schlafkrankheit und der Lepra beruht der BekĂ€mpfungsansatz auf einer möglichst frĂŒhen Diagnose und Fallerfassung und einer individuellen Therapie.

FĂŒr NTDs, die durch Insekten, Parasiten oder andere Kleintiere - so genannte Vektoren - ĂŒbertragen werden, kommen noch konkrete Maßnahmen zur BekĂ€mpfung dieser Vektoren hinzu. Und natĂŒrlich stimmt auch fĂŒr die NTDs, was letztlich fĂŒr alle Infektionskrankheiten zutrifft: Verbesserungen der persönlichen Hygiene, der Wasser- und der SanitĂ€rversorgung, der ErnĂ€hrung und des allgemeinen Lebensstandards helfen ebenfalls, sie einzudĂ€mmen.

Der breite Einsatz der beschriebenen spezifischen Maßnahmen zur EindĂ€mmung der NTDs erscheint in den chronisch unterfinanzierten Gesundheitssystemen der endemischen LĂ€nder auch deshalb besonders vernĂŒnftig, weil sie nachweislich zu den kosten-wirksamsten Gesundheitsinterventionen gehören, die heute dort zur VerfĂŒgung stehen. Konkret bedeutet das: FĂŒr einen Euro, den man in die Vorbeugung und Behandlung von NTDs steckt, bekommen die Menschen mehr Gesundheit, als wenn man ihn fĂŒr andere Gesundheitsmaßnahmen ausgĂ€be.

Weil es sich bei Investitionen in die BekĂ€mpfung der NTDs um Investitionen in die Gesundheit der Ärmsten der Armen handelt, tragen sie direkt zu einem Abbau der Gesundheitsungleichheit und zu mehr Gerechtigkeit im Gesundheitswesen. Das auch deshalb wichtig, weil der universale Zugang zu Gesundheitsversorgung ein erklĂ€rtes Ziel der Agenda 2030 ist. Nur wenn die Gesundheitsversorgung auch marginalisierte und benachteiligte Bevölkerungsgruppen erreicht und niemanden zurĂŒcklĂ€sst, kann sie sich im Sinne dieser Agenda auch wirklich universal nennen.

Gleichzeitig wĂŒrde eine erfolgreiche und nachhaltige EindĂ€mmung der NTDs einen wesentlichen Beitrag zur Verminderung der Armut leisten und so die Chancen fĂŒr eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung in den endemischen LĂ€ndern erhöhen. Auch dies sind erklĂ€rte Ziele der Agenda 2030.

Konkrete Fortschritte

In den vergangenen Jahren haben die Regierungen der meisten endemischen LÀnder begonnen, nach WHO- Vorgaben und in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern, Nationale NTD Programme aufzubauen. Im sogenannten Addis Commitment von 2014 haben die Gesundheitsminister von 23 besonders betroffenen afrikanischen LÀndern die Bedeutung der EindÀmmung der vernachlÀssigten Infektionskrankheiten noch einmal besonders hervorgehoben.

Mit ihren Gesundheitsinterventionen - so belegen die regelmĂ€ĂŸigen Fortschrittsberichte der London Declaration - erreichen diese nationalen Programme in endemischen LĂ€ndern bereits heute hunderte Millionen Menschen. Die meisten der zur VerhĂŒtung und Behandlung dieser Erkrankungen benötigten Arzneimittel werden dabei von der pharmazeutischen Industrie umsonst zur VerfĂŒgung gestellt. Im Jahr 2015 allein spendete die Industrie 1,5 Milliarden Therapien.

Trotz großer Fortschritte sind die endemischen LĂ€nder aber noch lange nicht am Ziel, die genannten zehn NTDs wirklich einzudĂ€mmen oder, wo möglich, als Probleme der öffentlichen Gesundheit zu eliminieren. Dazu brauchen sie nun grĂ¶ĂŸere internationale UnterstĂŒtzung und neue Partner.

Ein stÀrkeres deutsches Engagement gegen die NTDs ist dringend geboten

In Deutschland unterstĂŒtzen derzeit zivilgesellschaftliche Organisationen - CBM; DAHW und das 2014 gegrĂŒndete Netzwerk gegen vernachlĂ€ssigte Infektionskrankheiten - DNTDS - sowie die Arzneimittelhersteller Bayer und Merck aktiv die globale Gesundheitsbewegung gegen NTDs, die die London Declaration ausgelöst hat.

Dass sich - im Gegensatz dazu - die deutsche Entwicklungspolitik ihr noch nicht als ein Partner angeboten hat und dem Kampf gegen die NTDS bisher ĂŒberhaupt keine PrioritĂ€t beimisst, kann nur verwundern.

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit blickt nĂ€mlich auf eine stolze Tradition im Umgang mit Tropenkrankheiten zurĂŒck. In Forschung und Praxis waren in den 1980er Jahren Experten der Deutschen Gesellschaft fĂŒr technischen Zusammenarbeit wesentlich an der Entwicklung der heute millionenfach angewendeten Interventionen zur NTD BekĂ€mpfung beteiligt.

Und eigentlich begonnen hat die neue NTD-Bewegung schon im Jahre 2005 auf einer gemeinsam von der Weltgesundheitsorganisation und dem deutschen Entwicklungsministerium (!) ausgerichteten Konferenz in Berlin.

Egal, aus welcher Perspektive man die NTD-BekĂ€mpfung betrachtet. Sie passt auch zu den Zielen der heutigen deutschen Entwicklungspolitik. Sie ist nachweislich armutsorientiert: Ihre Wirkungen fĂŒr die Verbesserung der Gesundheit und der Lebenschancen der Armen in endemischen LĂ€ndern kann man nicht ernsthaft bestreiten.

Gleichzeitig ist sie besonders kosten-wirksam. Zudem ist sie integraler Bestandteil der Agenda 2030 fĂŒr Nachhaltige Entwicklung. Und sie trĂ€gt dazu bei, dass bei der Umsetzung dieser Agenda niemand zurĂŒckgelassen wird.

Im Abschlussdokument des G7 Gipfels 2015 auf Schloss Elmau heißt es: „Wir verpflichten uns zum Kampf gegen vernachlĂ€ssigte Tropenkrankheiten (NTDs). Wir sind ĂŒberzeugt, dass der Forschung eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung und EinfĂŒhrung neuer Mittel zur BewĂ€ltigung von NTDs zukommt. (...)

Wir unterstĂŒtzen gemeinschaftsgetragene Mechanismen zur Verteilung von Therapien und zur anderweitigen PrĂ€vention, Kontrolle und schlussendlichen Ausrottung dieser Krankheiten. Wir werden in die PrĂ€vention und Kontrolle der NTDs investieren (...)."

Es ist höchste Zeit, dass die deutsche Politik diesen schönen Worten nun auch Taten folgen lÀsst.

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