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Die nicht mehr ganz so vergessenen Tropenkrankheiten armer Leute und was Deutschland jetzt unbedingt gegen sie tun muss

05/05/2016 17:26 CEST | Aktualisiert 06/05/2017 11:12 CEST

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Quelle: Mo Scarpelli on behalf of the Sabin Vaccine Institute

Stella Jonathan, 9 Jahre alt, erhält ihre NTD Medikamente von einer Gesundheitsarbeiterin namens Justice in dem Dorf Burangi in Kenia.

In dieser Woche legen die Unterstützer der London-Erklärung zu den NTDs - hier kurz London Declaration genannt- ihren mit Spannung erwarteten vierten Fortschrittsbericht vor. Im Januar 2012 hatte sich eine breite Koalition von Partnern aus Regierungen von Entwicklungs- und Industrieländern, globalen Gesundheitsinstitutionen, Nichtregierungsorganisationen und Unternehmen der pharmazeutischen Industrie in der London Declaration zum Ziel gesetzt, gemeinsam bis zum Jahr 2020 zehn vernachlässigte Infektionskrankheiten (Neglected Tropical Diseases; NTDs) einzudämmen, zu eliminieren oder sogar auszurotten.

Mit ihren vorbeugenden und heilenden Gesundheitsinterventionen erreichen nationale NTD Programme in endemischen Ländern mit Unterstützung der Partner der London Declaration bereits heute hunderte Millionen von Menschen. Deshalb kann man kann hier mit Recht von einer Gesundheitsbewegung historischen Ausmaßes sprechen.

Nur Deutschland hat diese Bewegung bisher kaum erreicht. Zwar gehören hiesige Nichtregierungsorganisationen- wie die Christoffel-Blinden-Mission (CBM) und die Deutsche Lepra und Tuberkulosehilfe (DAHW) sowie die Arzneimittelhersteller Bayer und Merck KGaA zu den aktiven Unterstützern der Erklärung, nicht aber die deutsche Regierung. Besonders das deutsche Entwicklungsministerium sieht in der Bekämpfung der NTDs bisher keine besondere Priorität für Politik und Forschung.

Das ist nicht nur eine vertane Chance für die Aber-Millionen, meist armen Menschen, die in endemischen Ländern, trotz aller Fortschritte, seit 2012 immer noch von NTDs betroffen sind. Es ist auch eine vertane Chance für die deutsche Entwicklungspolitik, im Sinne der Sustainable Devleopment Goals (SDGs) - der Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung - bleibende Wirkungen bei der Verbesserung der Gesundheit und der Bekämpfung der Armut zu erzielen. Dieser Agenda hat sich die deutsche Regierung verpflichtet.

Was sind NTDs?

Ein mageres, für sein Alter zu kleines Kind mit Wurmbefall; ein kränklicher Schuljunge mit Blut im Urin; eine junge Frau, der ein Wurm aus dem Fuß kriecht; ein Mann mittleren Alters mit einem faustgroßen, geschwollenen Hoden; ein Mädchen, das immer wieder über entzündete Augen klagt; eine alte Frau ohne Nase, ohne Finger, mit verkrüppelten wunden Füßen; ein Blinder mit einer Haut, die aussieht wie eine Kraterlandschaft; eine junge Frau mit einer roten Beule im Gesicht; ein mittelalter Mann, am ganzen Körper aufgedunsen, der nach Luft ringt; schließlich eine apathische Frau, die bewusstlos wird und stirbt.

Das sind die Leiden, die Geohelminthosen (Peitschen-, Spul- und Hakenwurmbefall), Schistosomiasis, Drakontiasis, Filariose, Trachom, Lepra, Onchozerkose, Leishmaniose (Orientbeule oder Kala-Azar), Chagas-Krankheit und afrikanische Trypanosomiasis hervorrufen und die dauerhaft einzudämmen oder zu eliminieren sich die Partner der London Declaration vorgenommen haben.

Die meisten dieser Übel töten ihre Opfer nicht. Trotzdem gehören einige von ihnen zu den abscheulichsten Krankheiten, die man sich vorstellen kann. Auch deshalb werden Erkrankte häufig stigmatisiert und ausgegrenzt. Bei den Armen, die das Pech haben, von einem oder gleich mehrerer dieser Leiden befallen zu sein, verfestigt sich die Armut.

Ein chronisch entzündetes Bein oder Blutarmut und harte körperliche Arbeit passen einfach nicht zusammen. Blinde Bäuerinnen können ihre Felder nicht bestellen. Wenn NTDs bei Erwachsenen so zu chronischem Leid und dauerhafter Behinderung führen, fällt die Ernährerin oder der Ernährer einer Familie aus.

Wegen ihres Wurmbefalls unterernährte, anämische, Kinder sind oft schlechter in der Schule und haben deshalb geringere Zukunftschancen als ihre gesünderen Mitschülerinnen und Mitschüler. Mehr als eine Milliarde Menschen, die in den vernachlässigten ländlichen Gebieten und Slums der Megastädte in tropischen und subtropischen Entwicklungsländern leben, sind heute weiter in ständiger Gefahr sich mit einer oder gleich mit mehreren dieser Erkrankungen anzustecken.

Millionen erkranken jedes Jahr neu oder leiden bereits an den Folgen chronischer Infektionen. Diese schwerwiegenden gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen der NTDs für Einzelne und für marginalisierte Bevölkerungen sind deshalb so besonders beklagenswert, weil man sie mit verhältnismäßig geringem Aufwand fast vollständig unter Kontrolle bringen könnte.

Was kann man gegen NTDs tun?

Eine wirkungsvolle Bekämpfung von gleich fünf der oben genannten NTDs - der Flussblindheit, der lymphatischen Filariose, der Schistosomiasis, der Geohelminthen (d. h. der Spul-, Haken- und Peitschenwürmer), sowie des Trachoms - in den Bevölkerungen endemischer Gebiete kann man nämlich mit ein und derselben Strategie erreichen: der jährlichen oder halbjährlichen präventiven Chemotherapie (PCT) mit Einzeldosen effektiver Medikamente als Massenbehandlung von Kindern und Erwachsenen. Je nach epidemiologischer Situation kann man die PCT integriert auch gleichzeitig für mehrere dieser Erkrankungen durchführen.

Bei der Kontrolle der Leishmaniosen, der Chagas-Krankheit, der Schlafkrankheit und der Lepra beruht der Bekämpfungsansatz auf einer möglichst frühen Diagnose und Fallerfassung und einer individuellen Therapie.

Für NTDs, die durch Insekten, Parasiten oder andere Kleintiere - so genannte Vektoren - übertragen werden, kommen noch konkrete Maßnahmen zur Bekämpfung dieser Vektoren hinzu. Und natürlich stimmt auch für die NTDs, was letztlich für alle Infektionskrankheiten zutrifft: Verbesserungen der persönlichen Hygiene, der Wasser- und der Sanitärversorgung, der Ernährung und des allgemeinen Lebensstandards helfen ebenfalls, sie einzudämmen.

Der breite Einsatz der beschriebenen spezifischen Maßnahmen zur Eindämmung der NTDs erscheint in den chronisch unterfinanzierten Gesundheitssystemen der endemischen Länder auch deshalb besonders vernünftig, weil sie nachweislich zu den kosten-wirksamsten Gesundheitsinterventionen gehören, die heute dort zur Verfügung stehen. Konkret bedeutet das: Für einen Euro, den man in die Vorbeugung und Behandlung von NTDs steckt, bekommen die Menschen mehr Gesundheit, als wenn man ihn für andere Gesundheitsmaßnahmen ausgäbe.

Weil es sich bei Investitionen in die Bekämpfung der NTDs um Investitionen in die Gesundheit der Ärmsten der Armen handelt, tragen sie direkt zu einem Abbau der Gesundheitsungleichheit und zu mehr Gerechtigkeit im Gesundheitswesen. Das auch deshalb wichtig, weil der universale Zugang zu Gesundheitsversorgung ein erklärtes Ziel der Agenda 2030 ist. Nur wenn die Gesundheitsversorgung auch marginalisierte und benachteiligte Bevölkerungsgruppen erreicht und niemanden zurücklässt, kann sie sich im Sinne dieser Agenda auch wirklich universal nennen.

Gleichzeitig würde eine erfolgreiche und nachhaltige Eindämmung der NTDs einen wesentlichen Beitrag zur Verminderung der Armut leisten und so die Chancen für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung in den endemischen Ländern erhöhen. Auch dies sind erklärte Ziele der Agenda 2030.

Konkrete Fortschritte

In den vergangenen Jahren haben die Regierungen der meisten endemischen Länder begonnen, nach WHO- Vorgaben und in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern, Nationale NTD Programme aufzubauen. Im sogenannten Addis Commitment von 2014 haben die Gesundheitsminister von 23 besonders betroffenen afrikanischen Ländern die Bedeutung der Eindämmung der vernachlässigten Infektionskrankheiten noch einmal besonders hervorgehoben.

Mit ihren Gesundheitsinterventionen - so belegen die regelmäßigen Fortschrittsberichte der London Declaration - erreichen diese nationalen Programme in endemischen Ländern bereits heute hunderte Millionen Menschen. Die meisten der zur Verhütung und Behandlung dieser Erkrankungen benötigten Arzneimittel werden dabei von der pharmazeutischen Industrie umsonst zur Verfügung gestellt. Im Jahr 2015 allein spendete die Industrie 1,5 Milliarden Therapien.

Trotz großer Fortschritte sind die endemischen Länder aber noch lange nicht am Ziel, die genannten zehn NTDs wirklich einzudämmen oder, wo möglich, als Probleme der öffentlichen Gesundheit zu eliminieren. Dazu brauchen sie nun größere internationale Unterstützung und neue Partner.

Ein stärkeres deutsches Engagement gegen die NTDs ist dringend geboten

In Deutschland unterstützen derzeit zivilgesellschaftliche Organisationen - CBM; DAHW und das 2014 gegründete Netzwerk gegen vernachlässigte Infektionskrankheiten - DNTDS - sowie die Arzneimittelhersteller Bayer und Merck aktiv die globale Gesundheitsbewegung gegen NTDs, die die London Declaration ausgelöst hat.

Dass sich - im Gegensatz dazu - die deutsche Entwicklungspolitik ihr noch nicht als ein Partner angeboten hat und dem Kampf gegen die NTDS bisher überhaupt keine Priorität beimisst, kann nur verwundern.

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit blickt nämlich auf eine stolze Tradition im Umgang mit Tropenkrankheiten zurück. In Forschung und Praxis waren in den 1980er Jahren Experten der Deutschen Gesellschaft für technischen Zusammenarbeit wesentlich an der Entwicklung der heute millionenfach angewendeten Interventionen zur NTD Bekämpfung beteiligt.

Und eigentlich begonnen hat die neue NTD-Bewegung schon im Jahre 2005 auf einer gemeinsam von der Weltgesundheitsorganisation und dem deutschen Entwicklungsministerium (!) ausgerichteten Konferenz in Berlin.

Egal, aus welcher Perspektive man die NTD-Bekämpfung betrachtet. Sie passt auch zu den Zielen der heutigen deutschen Entwicklungspolitik. Sie ist nachweislich armutsorientiert: Ihre Wirkungen für die Verbesserung der Gesundheit und der Lebenschancen der Armen in endemischen Ländern kann man nicht ernsthaft bestreiten.

Gleichzeitig ist sie besonders kosten-wirksam. Zudem ist sie integraler Bestandteil der Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung. Und sie trägt dazu bei, dass bei der Umsetzung dieser Agenda niemand zurückgelassen wird.

Im Abschlussdokument des G7 Gipfels 2015 auf Schloss Elmau heißt es: „Wir verpflichten uns zum Kampf gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten (NTDs). Wir sind überzeugt, dass der Forschung eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung und Einführung neuer Mittel zur Bewältigung von NTDs zukommt. (...)

Wir unterstützen gemeinschaftsgetragene Mechanismen zur Verteilung von Therapien und zur anderweitigen Prävention, Kontrolle und schlussendlichen Ausrottung dieser Krankheiten. Wir werden in die Prävention und Kontrolle der NTDs investieren (...)."

Es ist höchste Zeit, dass die deutsche Politik diesen schönen Worten nun auch Taten folgen lässt.

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