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Was passieren muss, damit die Digitalisierung keine Arbeitsplätze kostet

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INDUSTRIE40
dpa
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Vor einigen Jahren wurde in Deutschland der Begriff Industrie 4.0 geprägt. Mit dieser Bezeichnung sollen die großen Veränderungen betont werden, die von der Digitalisierung und Vernetzung industrieller Produktion zu erwarten sind.

Strukturelle Veränderungen in der Wirtschaft sind nichts Außergewöhnliches. Erfindungen von neuen Produkten oder neuen Produktionsprozessen erleben wir fast täglich. Manche Innovationen haben das Potential zu größerem.

Industrie 1.0 zum Beispiel war nicht nur der Übergang von der Manufaktur zur industriellen Fertigung. Damit einher ging auch der Übergang von der Feudal- zur Industriegesellschaft - mit großen gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen.

Mit der Arbeiterklasse entstand eine neue gesellschaftliche Gruppe, die sich in Gewerkschaften und einer neuen Partei, der SPD, organisierte, um ihre Interessen gegenüber den Unternehmern und in der Politik besser vertreten zu können.

Gestaltungsaufgabe für Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gewerkschaften

Die zweite industrielle Revolution hatte große Auswirkungen auf die Gesellschaft. Durch die Massenproduktion und sinkende Kosten waren Konsum und Wohlstand kein Privileg mehr, sondern ein Massenphänomen. Etwas weniger sichtbar waren die Auswirkungen der dritten industriellen Revolution, der Automatisierung.

Durch die Automatisierung vor allem von einfachen Tätigkeiten fielen viele Arbeitsplätze in der Produktion weg. Der Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft wurde beschleunigt.

Ob die vierte industrielle Revolution ähnliche Veränderungen nach sich zieht wie die ersten drei, wird sich erst am Ende zeigen. Sie hat aber das Zeug dazu. Deshalb ist es nicht nur eine Aufgabe der Unternehmen, sich an diesen Strukturwandel anzupassen.

Industrie 4.0 ist vielmehr eine gesamtgesellschaftliche und gesellschaftspolitische Gestaltungsaufgabe für Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gewerkschaften. In der Plattform Industrie 4.0 haben wir alle gesellschaftlich relevanten Akteure an Bord, die sich auch mit Fragen der Veränderung der Arbeit sowie der Aus- und Weiterbildung beschäftigen.

Ziel ist es, die Transformation zu einer digitalisierten und vernetzten Produktion so zu gestalten, dass eine große Teilhabe gewährleistet werden kann.

Es entstehen neue Arbeitsplätze und andere Formen der Beschäftigung

Bislang war die Beschäftigungsbilanz jeder industriellen Revolution gesamtwirtschaftlich positiv. Gilt dies auch für die vierte industrielle Revolution? In einer vieldiskutierten Studie kommen Wissenschaftler der Universität Oxford zum Ergebnis, dass 47% der Erwerbstätigen in den USA in Berufen arbeiten, die in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit automatisiert werden könnten.

Nach Einschätzung des Zentrums für Europäischen Wirtschaftsforschung (ZEW), die eine etwas andere Herangehensweise als die amerikanischen Forscher gewählt haben, weisen 12% aller Arbeitsplätze in Deutschland Tätigkeiten auf, die sich mit einer hohen Wahrscheinlichkeit in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren automatisieren lassen.

Durch die Digitalisierung entstehen aber auch neue Arbeitsplätze und andere Formen der Beschäftigung. Sachverständige gehen davon aus, dass der strukturelle Wandel auf dem Arbeitsmarkt - sofern er gut gestaltet ist - sogar zu mehr Arbeitsplätzen führen kann.

Gleichwohl wird sich die Struktur der Beschäftigung, werden sich Berufsbilder und Arbeitsmärkte, verändern. Bereits heute ist fast jeder von der Digitalisierung betroffen: rund 81% der Erwerbstätigen arbeiten bereits mit Computern.

Mehr Flexibilität und Methodenkenntnisse

Bei fast 10% aller Erwerbstätigen geht die Nutzung sogar schon heute über die reine Anwendung von Computern hinaus und umfasst Programmieren, Entwicklung, Systemadministration und vieles mehr.

Neu entstehende Beschäftigungsfelder sind tendenziell anspruchsvoller und komplexer. Mehr und bessere Qualifizierung ist für die Beschäftigten zentral; auch die Anforderungen an Führungskräfte werden sich ändern.

Stark von Routine geprägte Tätigkeiten werden in Zukunft weniger gefragt sein. Dafür wird es mehr auf Flexibilität und Methodenkenntnisse beim Einsatz von digitalen Technologien ankommen.

Entscheidend sind folgende Aspekte:

Erstens: Wir müssen Beschäftigte bei diesen neuen Veränderungen mitnehmen, ihnen Unsicherheiten und Ängste nehmen. Zum IT-Gipfel im November wird die Plattform Industrie 4.0 Handlungsempfehlungen und Lösungsansätze für die Aus- und Weiterbildung entwickeln.

Insbesondere werden Best-Practice Beispiele für erfolgreiche sozialpartnerschaftlich initiierte Aus- und Weiterbildungskonzepte in Betrieben vorgestellt - über alle Unternehmensgrößen hinweg. Im Bereich der Weiterbildung gibt es bereits gemeinsame Lösungen. Sie finden Anwendung in Betrieben, Lernfabriken oder Berufsschulen.

Zweitens muss die duale Berufsausbildung mit den neuen Anforderungen Schritt halten. Deutschlands duale Ausbildung ist ein Vorbild für viele Länder. In den Berufsschulen entsteht das Know-how von Fachkräften, die genau wissen, was in der Praxis im Betrieb gefordert wird.

Doch unsere Berufsschulen werden den hohen Anforderungen einer digitalisierten Wirtschaft oft nicht gerecht. Minister Gabriel fordert deshalb 1 Mrd. Euro in eine Ausstattungsinitiative "Industrie 4.0 braucht auch Berufsschulen 4.0" zu investieren.

Die Berufsschulen müssen über eine moderne Ausstattung und Infrastruktur verfügen. Voraussetzung dafür ist eine zuverlässige Breitband- (oder alternativ Glasfaser) und WLAN-Anbindung mit hoher Datenübertragungskapazität für die konkreten Berufsschulen.

Die Kapazität muss hoch genug sein, damit mehrere Schulklassen gleichzeitig auf das Internet zugreifen können und eine hohe Datenverarbeitung möglich ist (Upload in eine Cloud beispielsweise). Eine Vernetzung zwischen den Lernorten Betrieb und Berufsschule wäre möglich.

Zum Einstieg brauchen wir zudem ein Ausstattungsprogramm "1000 Berufsschulen 4.0". Hier geht es darum, die Berufsschulen für den digitalen Unterricht der zukünftigen Fachkräfte aufzustellen.

Welche Ausrüstung fachlich sinnvoll ist, hängt von den dualen Berufen ab, die an der jeweiligen Berufsschule unterrichtet werden. Beispielsweise könnte dies für technische oder handwerkliche Berufe technische Simulationen sein, wie zum Bespiel SmartHome, Intelligente Stromnetze (SmartGrid), Steuerungsanlagen für Wasser, Strom und Heizung.

Drittens müssen wir Unternehmer, Führungskräfte und Mitarbeiter von kleinen und mittleren Unternehmen bei der Digitalisierung mitnehmen. Dazu wollen wir ihnen die Chancen der Digitalisierung aufzeigen und das Know-how in den Unternehmen durch Qualifizierung und Information verbessern.

Die in Deutschland regional tätigen, vom BMWi geförderten Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren und das Kompetenzzentrum "Digitales Handwerk" bieten hierzu umfangreiche Sensibilisierungs-, Informations- , Erprobungs- und Schulungsangebote zu Industrie 4.0-Anwendungen und digitalen Technologien.

Viertens: Neue Flexibilitäten bieten sowohl in der individuellen, als auch kollektiven Arbeitsorganisation Chancen, aber auch Risiken, etwa bei der Bestimmung der wöchentlichen Arbeitszeit.

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Die neue Arbeitswelt darf nicht dazu führen, dass Sozial- und Arbeitsstandards der "analogen Arbeitswelt", also die Regeln für gutes Arbeiten außer Kraft gesetzt werden. Sie müssen vielmehr in die neue "Industrie 4.0-Welt" übertragen werden.

Klar ist: Die Digitalisierung wird die Arbeitswelt verändern. Diese Erkenntnis hat sich mittlerweile überall durchgesetzt. Die Herausforderungen der Digitalisierung zu schaffen und deren Chancen zu nutzen, ist die gesamtgesellschaftliche Aufgabe der nächsten Jahre und Jahrzehnte.

Nun müssen Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gewerkschaften zusammenarbeiten, damit die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auch in Zukunft "gute Arbeit" haben.

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