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"Wer nicht sieht, hat Pech gehabt" - so machen deutsche Krankenkassen sehbehinderten Menschen das Leben schwer

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Emir Memedovski via Getty Images
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Das glaubt einem kein Mensch: "Nein, nicht in Deutschland!"

Ein Mann, der von Hartz IV lebt, bittet uns als caritativen Verband um Unterstützung, weil die Krankenkasse keinen Cent zu seiner Brille dazu zahlen wird. Er könne noch gut genug sehen.

Und das bei - 19 Dioptrien auf dem einen Auge und - 15 Dioptrien auf dem anderen. Da sieht man in Wirklichkeit kaum noch was. Tatsächlich hatte die Krankenkasse mit ihrer Entscheidung Recht und zählte leider nicht zu den wenigen Kassen, die ihren Versicherten freiwillig als Leistung einen Zuschuss gewähren.

Seit Frühling diesen Jahres hat sich die Situation etwas entspannt. Jetzt sieht das Krankenversicherungsrecht wenigstens für Menschen mit einer Dioptrienzahl ab - 6 bzw. - 4 bei Hornhautverkrümmung eine Unterstützung vor.

Dumm dran sind die, die keinen finanziellen Spielraum für den Kauf einer Sehhilfe haben

In den "Genuss" eines Zuschusses für ihre Gläser (nicht für das Brillengestell) kommen nach wie vor auch gesetzliche Krankenversicherte bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres. Und die anderen?

Meine Dioptrienzahl liegt um die - 4. Ich brauche eine Gleitsichtbrille. Eine Leistung der Krankenkasse ist für mich nicht vorgesehen. Ist auch nicht schlimm. Wer ordentlich verdient, kann sich seine Brille auch selbst finanzieren. Das macht sich auf dem Konto bemerkbar, ist aber nicht wirklich tragisch.

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Dumm dran sind dagegen diejenigen, die keinen finanziellen Spielraum für den Kauf einer Sehhilfe haben. Das sind nicht nur diejenigen, die von ALG II oder Grundsicherung leben. Das sind auch Studentinnen und Studenten, hinter denen kein finanzkräftiges Elternhaus steht.

Das sind diejenigen, die zwar voll erwerbstätig sind, deren Mindestlohn aber nicht reicht, um auf eine Brille zu sparen. Das sind die Senioren, denen im Heim nur noch ein Taschengeld zur Verfügung steht.

Sie laufen faktisch ins Leere

Nein, auch für sie gibt es keine Ausnahmen Wie die Existenzsicherungssysteme überhaupt keine Ausnahmenregelungen vorsehen.

Und was macht dann die alte Dame, der alte Herr, die eigentlich eine Brille brauchen, aber kein Geld dafür haben? Die Betroffenen kaufen sich keine, weil es einfach nicht geht. Aber was ist dann mit Sturzprophylaxe, was mit Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, wenn ich nicht richtig sehen kann?

Sie laufen faktisch ins Leere. "Ich trau mich schon nicht mehr raus. Ich erkenn die Leute nicht mehr richtig. Und die beschweren sich dann, dass ich sie nicht mehr grüße. Ich hielte mich wohl für was besseres. Dabei hab ich sie einfach auf der Straße nicht erkannt. Bräuchte halt ne neue Brille."

Das Bundesverfassungsgericht hat längst kritisch erkannt, dass es angesichts der Regelsätze für ALG II Empfänger, die mal gerade 2,26 € für therapeutische Geräte und Mittel vorsehen, eng werden kann "wenn Gesundheitsleistungen wie Sehhilfen weder im Rahmen des Regelbedarfs gedeckt werden können, noch anderweitig gesichert sind".

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Auch der Bundesrat hatte Ende 2016 festgestellt, dass die Deckung der Anschaffungskosten für eine Sehhilfe aus dem Regelsatz nahezu ausgeschlossen ist. Jetzt müsste nur endlich der Bundestag zu Potte kommen.

Dass mit der aktuellen gesetzlichen Regelung wenigstens Menschen mit einer Dioptrien in Höhe von - 6 besser dran sind, kann nur ein Zwischenschritt sein. Letztlich müssen alle Personen, die nicht über die nötigen finanziellen Ressourcen verfügen, in die Lage versetzt werden, sich eine Brille kaufen zu können.

Dafür setzen wir uns in einer Petition ein, die bis Ende September läuft.

Vieles hängt in unserem Land davon ab, wie viel Geld ich habe. Das gilt auch für passende Brillen.

So heißt es in der Antwort auf eine Kleine Anfrage an die Landesregierung NRW (Drucksache 16/12567) "Ist Durchblick eine Frage des Geldbeutels - was, wenn man sich keine Brille leisten kann?": "Die Sehfähigkeit (gegebenenfalls mit Sehhilfe) unterscheidet sich nach dem sozio-ökonomischen Status."

Damit wollen wir uns nicht abfinden!

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