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Wie das Morgen im Kopf beginnt

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Im Jahre 1980 kam es zwischen zwei amerikanischen Zukunfts-Forschern zu einer spektakulären Wette. Einer von ihnen war der Biologe Paul Ehrlich, der ein Jahrzehnt vorher den Weltbestseller „Die Bevölkerungsbombe" veröffentlicht hatte. Darin beschrieb er, wie sich die Menschheit durch heuschreckenartige Vermehrung zwangsläufig selbst ausrotten wird. 1980 nun prognostizierte Ehrlich eine unmittelbar bevorstehende Rohstoff-Hunger-Katastrophe, der spätestens ab 1990 Abermillionen von Menschen zum Opfer fallen würden. Doch diesmal fand Apokalypse-Ehrlich einen mutigen Kontrahenten, der der alarmistischen Prognose öffentlich widersprach. Julian Simon, ein System-Ökonomen, der sich durch ketzerische Thesen zu Technologie- und Rohstofffragen einen Namen gemacht hatte. Er wettete um tausend Dollar, dass fünf Rohstoffe, die Ehrlich als besonders „bedroht" ansah, nicht knapp werden würden.
Und gewann. Am Stichtag im Jahr 1990 waren alle Rohstoffpreise gefallen, im Schnitt um fast die Hälfte. Ehrlich schickte im Oktober knurrend einen Scheck über 576.07 Dollar.

Die Geschichte dieser Zukunftswette (aufgezeichnet vom Historiker Paul Sabin im Buch „The Bet") ist bis heute exemplarisch für unsere Zukunfts-Debatte. In ihr stehen sich zwei große Narrationen, zwei Welt-Konzepte konträr gegenüber:

Die apokalyptische Zukunft, in der Knappheit und Katastrophe unvermeidbar sind und die Menschheit sich längst auf dem Selbst-Ausrottungskurs befindet.

Und die adaptive Zukunft, in der Menschen lernen, durch Technologie, Systeme, Erkenntnis und Vernetzung ihre Situation zu verbessern.

Die Auseinandersetzung zwischen beiden Denkweisen ist nichts anderes als der große Ideologie- und Glaubensstreit unserer Zeit - er prägt alle Debatten, Diskurse und politischen Weltbilder.

In Deutschland ist die Debatte weitgehend entschieden. Zwei Drittel der Deutschen, so eine neue Umfrage, glauben, dass es der kommenden Generation schlechter gehen wird als ihnen selbst. Fast drei Viertel glauben, dass sich „die Probleme auf diesem Planeten immer mehr verschärfen" - und die meisten von ihnen nahezu unlösbar sind. In einer Sonder-Ausgabe der ZEIT zu Beginn dieses Jahres unter dem Titel „Vorsicht, Gute Nachrichten", glaubten 75 Prozent, dass „es den Menschen in der Dritten Welt immer schlechter geht". 91 Prozent glaubten, „dass die Umwelt immer mehr verschmutzt wird". 72 Prozent meinten, dass „die Kriminalität immer mehr zunimmt".

Heute liegt die Geburtenrate der gesamten Welt - von Schweden bis Burkina Faso - bei rund 2,4 Kindern pro gebärfähiger Frau, Tendenz weiter fallend. Also 0,3 Punkte über der Erhaltungsgrenze. Der islamistische Iran hat eine Geburtenrate von 1,84 Kindern, sogar das bitter arme Bangla Desh wird in den nächsten Jahren die „Erhaltungsquote" von 2,1 Kinder pro Frau nach unten durchbrechen (wer sich für die exakten Daten interessiert, dem empfehle ich die wunderbaren Videos des Weltstatistikers Hans Rosling, etwa „The River of Myths" auf Gapminder.com): Um 2050 wird die Erdbevölkerung zu schrumpfen beginnen, davor wird sie ihren Zahlen-Zenit zwischen 9 und 10 Milliarden Menschen erreichen. Eine Menschenzahl, die unser Planet durchaus ernähren kann - auch mit den heutigen landwirtschaftlichen Methoden. Auch in vielen anderen Feldern gibt es positive Nachrichten: Die bittere Armut hat sich allein in den letzten 15 Jahren halbiert. Die Kriminalitätsraten fallen mit wenigen Ausnahmen überall auf der Welt, selbst in den Problemstädten. Und viele Umweltentwicklungen zeigen, dass es in Sachen Natur auch wieder aufwärts gehen kann.

Woran liegt es, dass unsere Zukunftsbilder einer so massiven „Bias", einer Negativ-Verzerrung unterliegen? Offenbar fürchten wir uns umso mehr, je mehr wir in einer relativ sicheren und komfortablen Umwelt leben. Hat dieses „Fortschritts-Paradox" mit unseren evolutionären Prägungen zu tun? In meinem neuen Buch „Zukunft Wagen" gehe ich diesen Fragen nach: Wie konstruieren und komponieren wir in unserem Kopf Zukunftsbilder? Wie funktionieren Erinnerungen an "bessere Zeiten", die es angeblich früher gab? Wieso empfinden wir an apokalyptischen Bildern anscheinend eine gar nicht so geheime Lust („Doomsday-Porn")? Wo irren wir gewaltig, wenn wir uns die Zukunft vorstellen? Und vor allem: Wie können wir gelassener mit all dem medialen Getöse, den Ängsten und Befürchtungen und apokalyptischen Dämonen umgehen? Wie gewinnen wir die Wette auf die Zukunft?

Matthias Horx, Zukunft Wagen: Über den klugen Umgang mit dem Unvorhersehbaren. DVA, München, 22,99 €