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Was wir alle gegen den zunehmenden Extremismus tun können

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LINKER EXTREMISMUS
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Unsere Gesellschaft steht, scheint es, seit Jahren unter Dauerstress. Immer neue Euro-Rettungsschirme, Griechenlands drohender Staatskollaps, ein Auseinanderbrechen der Europäischen Union, die Herausforderungen aufgrund der weltweiten Flüchtlingsbewegungen, seit kurzem die Debatte zur möglichen Islamisierung unseres Alltages, Anschläge, Attentate, Terrorismus - ein sich immer schneller drehendes Hamsterrad rasch folgender Ereignisse.

Dauerstress führt zu Problemen, auch zu solchen, die extrem sein können. Und diese Extreme sind bereits sichtbar.

Es gibt sie, diese hirnlosen Idioten, die mit Benzinkanistern zu Flüchtlingsheimen marschieren. Und es gibt diese Schwachköpfe, die in Leipzig ganze Straßenzüge verwüsten, Polizisten attackieren, Dienstwagen in Brand setzen. Aus dem anfangs dumpfen Gepöbel im Netz ist längst ein gefährlicher Schleier aus Hass und Gewalt geworden, der sich über unser Land legt.

Die Extreme nehmen zu

In dieser irrsinnigen Spirale gibt es immerhin noch Momente, die uns innehalten lassen - das Hamsterrad steht für ein paar Augenblicke still, wenn zum Beispiel eine engagierte junge Politikerin in England auf offener Straße niedergestochen wird und sterben muss, weil sie für die EU eintrat. Und kurzzeitig setzt Nachdenken ein darüber, wie wir seit Jahren zusehends wütender, erhitzter, lauter diskutieren und streiten.

Und wie wir miteinander umgehen, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind. Aber es sind eben nur Augenblicke des Innehaltens. Oder erinnern Sie sich auf Anhieb noch an den Namen der Labour-Politikerin, die in West Yorkshire von einem EU-Gegner ermordet wurde?

Wie also umgehen mit diesen Extremen? Und ist Extremismus aus der linken Ecke nicht genauso schlimm wie der rechte? Oder umgekehrt?

Die Fakten: Die Zahl extremistischer Taten wächst, rechts wie links. Ich lebe und arbeite in einem der schönsten Bundesländer, ich bin in Thüringen zuhause. Und auch hier gibt es Statistiken über Extremismus. Vergangenes Jahr gab es 373 Fälle „politisch motivierter Gewalt von links", so der Fachausdruck. 2010 waren es noch 290 Fälle. Blick nach rechts: 2010 gab es 1.002 Fälle, im gesamten letzten Jahr 1.412. Tendenz also in beiden Fällen: Die Extreme nehmen zu.

Zerstörerisch für unsere Gesellschaft

Und nun? Soll ich als Politiker tatsächlich die Rechnung aufmachen, dass es ja rund viermal mehr rechte als linke Gewalt in Thüringen gibt und man daraus bestimmte Handlungsempfehlungen ableiten kann?

Ich wurde für diese Zeilen angefragt unter der Prämisse, dass "die Politik" (gemeint bin da momentan auch immer ich) ihre Augen nicht vor Linksextremen verschließen darf. Diese Aussage kann ich unterschreiben, auch dick und fett mit Edding, wenn's nötig ist.

Erfasst das den Kern des Problems, also die Schwungmasse für das oben beschriebene Hamsterrad? Aus meiner Sicht ist die Statistik, ob für Thüringen oder anderswo, sicherlich richtig. Aber sollte man wegen 1.412 Fälle rechter und 373 Fälle linker Gewalt nicht 1.785 Vorkommnisse betrachten, die gleichermaßen zerstörerisch sind für unsere Gesellschaft?

Zu beobachten ist doch: Aus Beleidigungen, Hasskommentaren und Morddrohungen in den zum Teil nicht mehr sehr sozialen Netzwerken sind längst Steinschleudern, Molotov-Cocktails, brennende Autos geworden.

Extremismus nützt niemandem

Das ist der Stoff, aus dem der Dauerstress für eine Gesellschaft gewebt ist, die pausenlos begleitet wird von verstörenden Nachrichten in sich fast überschlagender und rasender Hast der Medien, und diese Gesellschaft steht mittlerweile am Rand der Erschöpfung.

Drastisch ausgedrückt: Darum ist es mir wirklich völlig Wumpe, ob Gewalt von Rechts oder Links kommt und wie oft wer gerade wieder für den nächsten Statistik-Fall sorgt - JEDER Fall ist einer zuviel. Und deswegen hat sich nicht nur „die Politik" zu kümmern, das geht uns alle an!
Auch und gerade in der Frage, in welcher Weise wir miteinander diskutieren und streiten. Und auch, in welcher Art darüber berichtet wird.

Einigen, vielleicht schon recht vielen kommt der Dauerstress gerade recht, um loszulegen mit markigen Botschaften und einer einfachen Wahrheit, die sie scheinbar mit Löffeln gefressen haben. Und die Gegenseite reagiert verletzt, wütend, manchmal auch mit Argumenten, die so wuchtig sein sollen, dass der Andersdenkende endlich verstummen möge.

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Gebessert hat sich dadurch bislang nichts. Es ist deshalb wichtig, daran zu erinnern, dass Extremismus, egal wie er gefärbt ist, welchem Gott er folgen soll, immer und überall stets schadet und noch nie genutzt hat - niemandem.

Aus diesem Grund ist es auch wichtig, in unserer erhitzten Debatte schleunigst abzurüsten. Das sind wir uns allen schuldig. Vor allem auch der jungen Mutter zweier Kinder, einer Abgeordneten im englischen Unterhaus, die im Juni im englischen Blackburn Road Medical Centre sterben musste.

Ihr Mörder ist ein Rechtsradikaler - schon wieder die Zuordnung in eine bestimmte Richtung. Vor allem ist er eins: ein Extremist. Und durch Extremismus lebt Jo Cox nicht mehr. Schon allein deshalb sollten wir den Namen dieser Frau nie vergessen.

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