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Der Nachwuchs flieht aus Berlin-Hohenschönhausen - mit dramatischen Folgen für unseren Kietz

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MATTHIAS HEESESTEINMETZ
Matthias Heese-Steinmetz
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Ich bin Vizepräsident des Wartenberger Sportvereins in Berlin-Hohenschönhausen. Wir haben etwa 500 Mitglieder, die Hälfte davon sind Kinder und Jugendliche. Wir sind damit einer der Vereine mit den jüngsten Mitgliedern im Kiez.

Das muss in Hohenschönhausen schon was heißen, denn 40 Prozent der jungen Menschen zwischen 18 und 25 Jahren sind in den vergangenen fünf Jahren von hier weggezogen. Die Zahl überrascht mich. Unserem Kietz geht der Nachwuchs aus. Und wir spüren das auch ganz konkret.

Gerade für die Fußballmannschaften der A- und B-Jugend fällt es uns derzeit extrem schwer, genügend Spieler zu finden.

Sie sind zwischen 16 und 18 Jahre alt. Eine Mannschaft mussten wir deshalb bereits streichen, eine andere hat geradeso genügend Spieler, um mit voller Stärke bei Spielen aufzulaufen. Das kann aber keine dauerhafte Lösung sein. Wenn einer krank wird oder sich verletzt, haben wir ein Problem.

Sie sind die Zukunft

Doch ich habe den Eindruck, dass die Politik unsere Nachwuchssorgen nicht teilt. Eigentlich müsste Hohenschönhausen alles dafür tun, um für junge Menschen attraktiv zu bleiben.

Sie sind die Zukunft - nicht nur für unseren Verein, sondern für den gesamten Kiez. Doch stattdessen behandelt man Vereine wie uns, die junge Menschen gezielt ansprechen, wie zweite Ware.

Ein Beispiel sind die Nebenflächen der Sportanlage.

Der bürokratische Aufwand der betrieben werden muss, um diese pflegen zu lassen, ist enorm hoch und zeitintensiv.

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Wer sich jetzt fragt, warum wir nicht selbst Hand anlegen: Können wir aus versicherungstechnischen Gründen nicht. Deswegen bleibt uns nicht anderes übrig, als immer wieder beim Bezirksamt nachzuhaken, doch bitte etwas häufiger im Jahr die Nebenflächen zu pflegen zu lassen.

Das klingt absurd, ist aber leider der alltägliche bürokratische Wahnsinn, der unsere Arbeit extrem erschwert. Wir möchten als Verein kein Sonderbehandlung, sondern erwarten einfach mehr Unterstützung von Seiten der Politik.

Denn unsere 65 Ehrenamtlichen engagieren sich Tag ein Tag aus mit voller Hingabe für diesen Verein und die Jugendarbeit. Bei mir sind es locker 20 Stunden pro Woche - neben meinem Vollzeitjob als Anlagenfahrer in einem Elektronikkonzern. Da ist es umso frustrierender, wenn man im Bezirksamt auf jemanden trifft, der streng nach Vorschrift arbeiten muss und eben nicht über den Tellerrand schauen kann/darf.

Vereine geraten unfreiwillig in einen Teufelskreis

Durch den Bürokratieirrsinn der Stadt geraten Vereine unfreiwillig in einen Teufelskreis.

Uns verlassen Mitglieder, wenn wir unsere Anlagen nicht so nutzen können, wie wir sie eigentlich nutzen müssten. Das bedeutet für uns weniger Mitgliedsbeiträge, von denen wir weniger Ausrüstung und Trainerstunden finanzieren können und was vermutlich dazu führt, dass mehr Mitglieder den Verein verlassen.

Mehr zum Thema: Selbst in Berlin-Hohenschönhausen geht die Angst vor steigenden Mieten um

An anderen Stellen in Hohenschönhausen sieht man bereits, welche Folgen die Blockade-Haltung und Bürokratie haben können. Im Herzen Hohenschönhausens steht das Sportforum, die größte Sportstätte in Berlin, nach dem Olympiapark. Das Sportforum könnte ein Aushängeschild für die ganz Stadt sein. Stattdessen lässt man es verrotten und plant Wohnanlagen.

Das ist sehr schade, denn generell ist Hohenschönhausen ein schöner Kiez mit so vielen Kontrasten zwischen alten Dorfkernen, Neubauquartieren und seinen vielen Seen und Parkanlagen, Ich lebe hier seit über 16 Jahren - und das sehr gerne und auch gut. Und ich möchte, dass es so bleibt.

Der Text wurde aufgezeichnet von Jürgen Klöckner.

Die HuffPost berichtet eine Woche aus Berlin-Hohenschönhausen. Hier findet ihr die bereits erschienen Beiträge:

Stadtteil der Extreme: Warum die HuffPost diese Woche aus Berlin-Hohenschönhausen berichtet

"Hier droht der Exodus": Wie ein Viertel in Berlin-Hohenschönhausen vor steigenden Mieten warnt

Tatort Plattenbau: Ein Polizist zeigt uns die wahren Probleme in Berlin-Hohenschönhausen

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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