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Was ich gern gewusst hätte, bevor mein Bruder starb

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PLAYING WITH KIDS
Matthew Hall
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Vor einem Jahr starb mein Bruder Patrick an einer Überdosis Heroin. Ich muss wohl nicht extra betonen, dass das vergangene Jahr ziemlich hart war. Nie zuvor habe ich einen so furchtbaren und stechenden emotionalen Scherz verspürt. Und noch immer ziehen sich die Nachwirkungen durch alle Bereiche meines täglichen Lebens.

Seit Patricks Tod habe ich viel über Trauer gelesen. Ich habe Artikel darüber gelesen, wie man einen solchen Verlust verarbeitet, ich habe Erfahrungsberichte von Personen gelesen, die liebe Menschen an die Sucht verloren haben. Ich weiß nicht, ob diese Berichte hilfreich waren.

Einige waren es, glaube ich, aber was ich durch diese Berichte vor allem gelernt habe, ist, dass Trauer vor allem etwas überaus Notwendiges und Persönliches ist. Das Gewicht dieser Last kann nicht geteilt werden, jedenfalls nicht so, dass es einen Unterschied ausmachen würde.

Und ich habe erkannt, dass diese Ratgeber vor allem deshalb ihr Ziel verfehlen, weil sie zu spät kommen. Wie sinnvoll ist ein Handbuch zum Schwimmen lernen, wenn du erst einmal in den tiefen Ozean gestoßen wurdest?

Mit 16 versuchte er zum ersten Mal, sich das Leben zu nehmen

Aus diesem Grund sind die Hauptleser dieser Artikel und Ratgeber idealerweise auch nicht diejenigen, die heute im gleichen Boot sitzen wie ich, sondern die Menschen, die sich dort befinden, wo auch ich mich befand, bevor mein Bruder starb. Die Hauptleser dieser Ratgeber sind die Menschen, die den Kampf mit der Sucht kennen.

Die, die den frustrierenden Kreislauf von Therapie und Rückfall kennen, der die Hoffnung immer wieder aufkeimen lässt, obwohl man gleichzeitig sehr wohl weiß, dass der Tod immer im Schatten lauert und zuschlagen kann, wenn die Sucht am Ende den Krieg gewinnt. Ich wünschte, ich hätte das gewusst, bevor mein Bruder starb.

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Patricks Kreislauf aus Selbstzerstörung und Genesung reicht 15 Jahre zurück, mindestens. Als er das erste Mal versuchte, sich das Leben zu nehmen, war er grade 16 Jahre alt. Als ihm das erste Mal Anti-Depressiva verschrieben wurden, war er noch nicht einmal in der Pubertät.

Als er 28 Jahre alt war, hatte er bereits mehr als ein halbes Dutzend stationäre Therapien und unzählige andere Formen von Psychotherapien hinter sich. Jede förderte eine andere Diagnose zutage und sah eine andere Behandlungsmethode vor.

Über die Jahre hatten wir alle irgendwie den Glauben verloren

Das Muster war vorhersehbar. Immer, wenn er ganz unten war, bat er um Hilfe. Er fand ein neues Therapieprogramm, einen neuen Therapeuten, eine neue Hoffnung. Alles war dieses Mal anders. Der neue Therapeut würde sagen, dass die vorherigen Therapeuten falsch gelegen hätten. Es würde eine neue Medikation geben, die erste Zeit würde hart werden.

Aber Patrick würde es schon schaffen. Die Therapie würde anschlagen und allen neue Hoffnung schenken. Dann würde etwas im Therapieplan schief laufen und noch bevor irgendjemand das genaue Problem würde ausmachen können, hätte Patrick bereits wieder die Reißleine gezogen und die Therapie abgebrochen. Raus aus dem Therapiesystem, nur um den Kreislauf dann wieder von neuem zu beginnen.

Das war unglaublich frustrierend für alle. Über die Jahre hatten wir alle irgendwie den Glauben verloren. Den Glauben an die Ärzte und ihre Fähigkeiten, zwischen einer psychischen Erkrankung und einer reinen Sucht unterscheiden zu können. Den Glauben an Patrick und seine Fähigkeit, sich auch einmal an einen Plan zu halten und ihn zu befolgen. Den Glauben an uns selbst, weiter Unterstützung und beistand geben zu können.

Es geht nicht um Schuldzuweisungen

Über die Jahre habe ich den Glauben an die Therapiesysteme und an die institutionelle Selbstüberschätzung, die diese Systeme am Leben erhält, verloren. Ich war davon überzeugt, dass niemand wirklich wusste, wovon er sprach, dass viele professionelle Therapiezentren korrupt wären und dass viele Therapeuten sich für Götter hielten und man ihnen nicht trauen durfte.

Ich glaube nicht, dass wir als Gesellschaft eine Antwort auf die Sucht haben. Und ich gehe noch einen Schritt weiter: Ich glaube auch, dass wir viel weniger über die psychische Gesundheit wissen, als wir zugeben mögen. Auch die eingeschlossen, die in diesem Bereich arbeiten.

Aber hier geht es nicht um meine persönlichen Gefühle bezüglich einer Therapie. Ich gebe auch zu, dass ich hier voreingenommen bin, weil ich selbst erst vor kurzem einen lieben Menschen an diese Krankheit verloren habe. Es geht auch nicht um Schuldzuweisungen.

An diesem Tag habe ich erkannt, wie sehr er geliebt wurde

Erst am Tag von Patricks Beerdigung habe ich aufgehört, einen Schuldigen zu suchen. An diesem Tag habe ich erkannt, wie sehr er geliebt wurde. Freunde, Abhängige, Ärzte, Therapeuten, Lehrer - sie alle waren gekommen, um zu zeigen, wie viel Patrick ihnen bedeutet hatte.

Da begriff ich, dass niemand schuld daran war, dass die Therapien keinen Erfolg gezeigt hatten. Viel wichtiger war, dass die Menschen sich bemüht hatten. Dass Patrick ihnen so wichtig war, um die Zeit und Energie aufzubringen, um letzte wertvolle Quellen zu mobilisieren (das gilt besonders für andere Abhängige), damit ihm geholfen werden konnte.

Wir sind alle nicht perfekt, wir sind alle Menschen. Wichtig ist, dass wir nicht auf alles eine Antwort haben, sondern dass wir so gut es geht versuchen, anderen zu helfen. Patrick hat das versucht. Seine Therapeuten haben es versucht. Wir alle haben es versucht.

Wenn man einmal im Zweifel für den Angeklagten entscheidet, auch wenn es sich um Suchtkranke handelt, dann wird die Welt ein kleines bisschen weniger zynisch.

matthew hall

Während der Rest der Welt Patrick vor einem Jahr verloren hat, hatte ich ihn schon viel früher verloren. Mir geht es da so wie vielen anderen Angehörigen von Suchtkranken. Ich fühlte mich manipuliert und wenig geschätzt.

Also hatte ich mich emotional von Patrick abgeschottet, nachdem ich mich wieder einmal verbrannt hatte. Ich wünschte, ich hätte das nicht getan, denn dieser Selbsterhaltungstrieb hat mir kein bisschen geholfen.

Es gab keinen speziellen Zeitpunkt. Wahrscheinlich ist es sogar so, dass unsere Beziehung bereits Risse zeigte, als ich noch in der High School war. Es war nicht so, dass wir nicht miteinander auskamen, es war vielmehr so, dass ich über die Jahre Abwehrmechanismen entwickelt hatte, um Patrick auf Distanz und meine Gefühle geschützt zu halten.

Enttäuscht zu werden, schmerzt weniger als der Tod

Ich schrieb ihn ab, ich beantwortete keine SMs mehr, ich beschränkte Unterhaltungen auf die Themen Sport und Musik. Ich sagte mir, dass nur Patrick selbst sich helfen könne. Vielleicht wäre alles, was er brauchte, nur echte Liebe und der Versuch, sich zur Abwechslung mal selbst aus dem Dreck zu ziehen.

Ich stellte mich mental so oft auf schlimme Nachrichten ein, dass alles zu einem einfachen Prozess wurde, frei von jeglichen Emotionen. Es war so, wie das Sicherheitsvideo in einem Flugzeug zu schauen. Ich durchlief die einzelnen Schritte, aber sein Kampf berührte mich nicht.

Wenn ich alles noch einmal machen könnte, dann würde ich das tun. Ich wäre offen für ihn und würde mich noch mehr bemühen. Enttäuscht zu werden schmerzt weniger als Reue und noch viel weniger als der Tod.

Wenn ich alles noch einmal machen könnte, dann würde ich das tun

Und letztendlich hat nichts von alldem etwas genützt. Als der Anruf kam, hat es mich kalt erwischt. Ich wusste sofort, was geschehen war, als meine Mutter kurz scharf ausatmete, bevor sie zu sprechen begann. Aber deshalb tat es nicht weniger weh. Wir waren alle schutzlos.

Deshalb bereue ich es so, Patrick aufgegeben zu haben. Das letzte Jahr seines Lebens war das glücklichste, das er je gehabt hatte. Und ich hatte meistens keinen Anteil daran. Wenn sich meine Familie und Freunde an das Jahr erinnern und ihre Geschichten teilen, dann winde ich mich mit einer Mischung aus Liebe, Eifersucht und Schuld.

Wenn wir uns sahen, dann bewahrte ich meistens meine zynische Distanz, ich schützte mich selbst, um nicht wieder enttäuscht zu werden.

Wenn ich alles noch einmal machen könnte, dann würde ich das tun. Ich wäre offen für ihn und würde mich noch mehr bemühen. Enttäuscht zu werden schmerzt weniger als Reue und noch viel weniger als der Tod.

Das Heroin hat in einem schwachen Moment gewonnen

Patricks Selbstzerstörungskreislauf ging von gefährlich-aber-kontrollierbar bis hin zu tödlich ab dem Moment, in dem er Heroin ausprobierte. Heroin ist anders. Und wenn ich nur eine Lehre aus Patricks Tod ziehen kann, dann ist es das.

Heroin ist ein Killer. Heroin tötet ohne Ausnahme, effizient und verächtlich. Es schlich sich an meinen Bruder heran und tötete ihn in einem Motel mit der halben Dosis, die er eigentlich eingeplant hatte.

Denn er war seit einem Jahr clean und sein Körper war das Heroin nicht mehr gewohnt. Er hatte seine Brille noch auf, er hatte noch nicht einmal seine Zahnbürste ausgepackt. Heroin ist eine Epidemie.

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Patrick hat in den Jahren vor seinem Tod fast ein Dutzend Freunde an das Heroin verloren. Er kannte die Gefahr. Und er wusste in 99 Prozent der Fälle mit ihnen umzugehen.

Aber das eine Prozent hat sich das Heroin genommen und in einem schwachen Moment gewonnen. Und wir alle haben verloren.

Wir müssen jetzt aktiv werden

Wir müssen dieses Stigma abschaffen. Wir dürfen Abhängige nicht länger wie Aussätzige behandeln, wir müssen ein Mittel gegen die Sucht finden, so wie wir auch Mittel gegen andere Epidemien gefunden haben.

So schrecklich es auch ist, wir müssen jetzt aktiv werden, es gibt immer noch Hoffnung. Der Anfang muss sein, die Menschen davon abzuhalten, Heroin überhaupt zu nehmen.

Rezeptpflichtige Schmerzmittel werden von Ärzten viel zu oft verschrieben und von Patienten in ihrer Gefahr unterschätzt. Studien legen nahe, dass 75 Prozent der Heroinabhängigen über rezeptpflichtige Schmerzmittel in die Sucht abgerutscht sind.

Wahrscheinlich hast du diese Mittel auch schon einmal genommen. Jemand, den du kennst, hat diese Mittel vielleicht schon einmal missbraucht. Sie können abhängig machen, aber niemand prangert es an, weil sie unter der weißen Bevölkerung weit verbreitet sind.

Wir brauchen ein gesteigertes Bewusstsein

Aber den Zugriff zu diesen Opioiden zu erschweren, löst das Problem nicht. Diese Taktik hat das Problem der Heroin-Überdosierungen in der Vergangenheit eher noch vergrößert, als es beseitigt.

Eine größere Fokussierung auf eine Verbesserung des Verschreibungsprozesses ist hier von Nöten, und ebenso ein gesteigertes Bewusstsein für die Gefahren von rezeptpflichtigen Schmerzmitteln in unseren Hausapotheken.

matthew hall

Eine weitere Lehre verbinde ich besonders eng mit Patrick: Wir müssen das Stigma abschaffen. Wir dürfen Abhängige nicht länger wie Aussätzige behandeln. Wir müssen die Abhängigkeit so behandeln, wie wir auch jede andere Epidemie behandeln: Mit leidenschaftlichem Pragmatismus und wissenschaftlichem Ernst.

Die Gefahren eines Rückfalls zu eliminieren ist genauso wichtig, wie Rückfälle überhaupt auszuschließen. Wir müssen den Zugriff auf Gegenmittel bei einer Überdosis, z.B. Naloxon, erweitern. Wir müssen Menschen davor schützen, bei der Meldung einer Überdosis selbst mit rechtlichen Konsequenzen rechnen zu müssen.

Wir müssen in die Forschung für und in die Verbreitung von Information zu evidenzbasierten Therapieprogrammen investieren, sowie auch in Schutzimpfungen. Wir müssen Abhängige überall behandeln und ihnen mit unserer Hilfe auch überall begegnen, und nicht nur in den gutbürgerlichen Vororten, wo dieses Problem relativ neu ist.

Uns bleiben nur noch die menschlichen Beziehungen, wenn uns die Welt einmal alles nimmt


Wenn ich die letzten Tage, Wochen und Monate vor Patricks Tod noch einmal durchleben könnte, dann wüsste ich eine Sache ganz sicher, und zwar, dass ich ihn anrufen würde. Ich würde versuchen, ihn zum Lachen zu bringen.

Ich würde ihn wissen lassen, dass ich ihn liebe, obwohl er so viel Mist gebaut hat. Und zwar nicht nur, weil das von mir meinem Bruder gegenüber erwartet wird. Ich liebe ihn, weil er es wert ist. Er ist es wert, dass man für ihn kämpft.

Ich würde das alles nicht tun, weil ich der Meinung bin, dass es ihn retten würde. Ich würde es tun, weil uns nur noch die menschlichen Beziehungen bleiben, wenn uns die Welt einmal alles nimmt.

Und in diese Beziehung hätte ich mehr investieren sollen. Ich wünschte, ich hätte gewusst, wie sehr ich meinen Bruder vermissen würde.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Huffington Post USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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