Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Prof. Matthew G. Hannah Headshot

Warum Deutschland ethnische Enklaven braucht

Veröffentlicht: Aktualisiert:
KREUZBERG
Axel Schmidt / Reuters
Drucken

Im Rahmen der Themenwoche beschäftigt sich dieser Beitrag mit der Frage, ob Ghettobildung - insofern sie in Deutschland vorhanden ist - einer gescheiterten Integrationspolitik zuzuschreiben ist.

Aufgrund der historischen Erfahrung der US-Amerikanischen Gesellschaft möchte ich diesbezüglich zwei verwandte Thesen vertreten: erstens, dass "Ghettoisierung" mit "Enklavisierung" nicht verwechselt werden darf, und zweitens, dass die wünschenswerte Alternative zur Ghettosierung nicht unbedingt und allein "Integration" heißt.

Grob gesagt ist ein Ghetto im US-Amerikanischen Gebrauch eine "unfreiwillige Enklave", ein Viertel deren Einwohner meist seit Generationen wenig realistische Gelegenheit haben, in sozio-ökonomisch wesentlich günstigeren Umgebungen zu leben.

Stereotypisch hierfür sind die überwiegend schwarzen Innenstadtviertel. Wie die Forschung zeigt, erfolgt die Ghettoisierung dieser Viertel in frühen Phasen durch interpersönliche sowie institutionelle Diskriminierung seitens der Mehrheitsgesellschaft.

Es ist ein Teufelskreis

Mit der Zeit kommt hinzu, dass die dadurch geschaffene Benachteiligung durch einen Teufelskreis der unterfinanzierten Schulen und schrumpfenden Arbeitschancen reproduziert wird. Dass in Deutschland die Qualität der Schulen und Bildung nicht so stark von lokalen Steuereinnahmen abhängt, nimmt schon einen wichtigen Mechanismus der Ghettobildung hierzulande weg.

Mehr zum Thema: In immer mehr deutschen Städten greifen kriminelle Clans nach der Macht

Dass die Ghettoisierung von Minderheitsvierteln keinem Naturgesetz folgt, bestätigt auf eine andere Art die historische Entwicklung von ethnischen Enklaven. Für viele Gruppen der "Bindestrich-Amerikaner" mit Migrationshintergrund ist die Geschichte ungefähr so gelaufen: die Neuankömmlinge leben nach der Ankunft i.d.R. in einer Großstadt-Enklave (stereotypisch je nach Küste: New York City oder San Francisco).

Da herrscht ggf. Korruption und organisierte Kriminalität, das Viertel ist oft auch relativ arm. Insofern lassen sich Enklaven in ihren historischen Anfangsphasen nicht so leicht von Ghettos unterscheiden. Hier kann "Chinatown" in San Francisco als Paradebeispiel gelten.

Hilfe beim Einleben

Trotz allen Schwierigkeiten aber finden die Einwanderer der ersten Generation in der Enklave allerlei Hilfe bei der Arbeitsfindung, mit Sprache und Verwaltung, mit Konfliktlösung, mit Kinderbetreuung, usw. Der kulturelle Schock des neuen Landes wird mithilfe vertrauter Sprache, Lebensmittel und Gebräuche etwas abgepuffert.

Der riesige Vorteil der ethnischen Enklaven in diesem Szenario ist es, dass die Minderheitsgruppe selbst viel Arbeit der erfolgreichen Einbettung von neuen Einwanderern in die Mehrheitsgesellschaft leistet und den Staat dementsprechend entlastet.

Genau wegen solcher sehr wertvollen Leistungen wollen Mitglieder der Minderheitsgruppe meistens in den Enklaven wohnen, auch wenn sie eine Wahl haben. Diese ganz rationale Motivation treibt auch die Flüchtlinge in Deutschland, egal ob sie die ihnen zugewiesenen Unterkünfte in abgelegenen Dörfern erst nach drei Jahren verlassen dürfen.

Ethnische Enklaven haben Vorteile

Zwischenfazit: ethnische Enklaven weisen erhebliche Vorteile sowohl für Mitglieder der Minderheitsgruppe als auch für die Mehrheitsgesellschaft auf. Die Bildung solcher Enklaven in Deutschland ist daher einerseits völlig unvermeidlich aber andererseits nicht gleichzusetzen mit Ghettobildung.

Zurück zur US-Amerikanischen Erfahrung. Der zweite Schritt für viele ethnische Minderheitsgruppen besteht im Fortzug aus der Enklave, wozu oft erst die zweite oder sogar die dritte Generation willens und in der Lage ist.

In gemischten Stadtvierteln oder - vor allem im 20. und im 21. Jahrhundert - in den schnell wachsenden Vororten finden dann nachfolgende Generationen den Anschluss an bessere Bildungsmöglichkeiten und sozialen Aufstieg, also "Integration".

Gleichzeitig aber bleiben die Integrierten oft in Verbindung mit den Eltern, Großeltern und Heimatsorganisationen in den Enklaven, kaufen da noch ab und zu ein, wohnen jährlichen ethnischen Feiertagen im Viertel bei, besuchen die vertrauten Restaurants, usw. Mit der Zeit verbessert sich die Lage auch in der Enklave. Viele "Chinatowns" und "Little Italy"-Viertel in US-Amerikanischen Großstädten sind inzwischen sehr lukrative Tourismus-Destinationen geworden.

Um dies alles zusammenzufassen, mündet die Erfahrung vieler Einwanderergruppen in den USA in einer Mischung aus Schmelztiegel und Mosaik, also Integration im üblichen Sinne und Einbettung. Einbettung heißt aber nicht gleich unfreiwillige "Ghettobildung". Insofern Integration stattfindet, dauert sie i.d.R. länger als eine Generation.

Die Verwirklichung der Integration

Hier sind wir mit einer Ironie konfrontiert: während die USA als Hochburg des uneingeschränkten Individualismus, Deutschland dagegen als eher kollektiv orientiert gelten soll, haben wir es bei der Integrationspolitik mit einem umgekehrten Muster zu tun:

Deutschland pocht beharrlich auf eine Verwirklichung der Integration auf individueller Ebene innerhalb der Lebenszeit des Einzelnen, die USA verlässt sich viel mehr auf die Eigendynamik der Einwanderergruppen selbst und zwar über mehrere Generationen hinweg. Bei allem Verständnis für die Vorbehalte, die auch sehr viele wohlwollende Deutsche hegen, finde ich den US-Amerikanischen Weg einfach viel realistischer, auch für die heutige Situation in Deutschland.

Wenn das tatsächlich stimmt, wäre die Frage dann nicht mehr: Wie können wir die Bildung neuer ethnischen Enklaven doch noch vielleicht verhindern? Denn dieser Weg ist von vorn herein zum Scheitern verurteilt.

Stattdessen sollte eher gefragt werden: Wie sollte Politik am besten gestaltet werden, um die positiven, konstruktiven Ressourcen, die in solchen Enklaven vorhanden sind, zu fördern und gleichzeitig der Möglichkeit von deren künftiger Ghettoisierung entgegen zu arbeiten?

Vorschläge gegen Ghettoisierung

Ich stelle zu Diskussionszwecken eine Auswahl der Vorschläge vor, die zum Teil auch von anderen lanciert worden sind:

- ernsthafteren und flächendeckenderen Sprach- und kulturellen Unterricht für Lehrkräfte, Polizei, Verwaltung und hilfsbereite Bürgerinnen und Bürger finanzieren. Ghettoisierung ist vor allem und besonders in den Anfangsphasen eine Leistung der Mehrheitsgesellschaft. So muss sie da auch verhindert werden.

- intensiven Deutschunterricht für Flüchtlinge über 30 nicht mehr verpflichtend machen. Selbstverständlich sollte jede/r die Option haben, sich für so einen Kurs einzuschreiben, aber für einen beträchtlichen Anteil der Neuankömmlinge macht es schlicht und einfach keinen Sinn. Auch ist es viel respektvoller, solche Entscheidungen in den Händen der Betroffenen selbst zu lassen.

- einen Teil der so gesparten Gelder in Programmen der intensivierten Früh- und Schulförderung der Kinder investieren, um die zum Teil fehlende Unterstützungsfähigkeiten der Eltern zu kompensieren.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

- die gezielte Identifizierung und Ausbildung "interkultureller Botschafterinnen und Botschafter" unter jungen Einwanderern betreiben. Grundidee wäre hier, dass besonders motivierte und sprachlich talentierte junge Leute eine sehr intensive und umfassende zivilrechtliche sowie sprachliche Ausbildung erhalten und sich als Gegenleistung für einigen Jahren in den Enklaven als "community liaison" verpflichten lassen.

- die lästigen deutschen Zertifizierungs- und Zulassungsbedingungen für bestimmte eher "ungefährliche" Berufe (z.B. Friseur oder Bäcker) in den Enklaven selbst lockern. So würden diese Enklaven gewissermaßen als Sonderwirtschaftszonen funktionieren.

Da läge keine Diskriminierung gegen ethnisch Deutsche vor, die genauso wie Einwanderer in den Enklaven ihren gewählten Beruf unter weniger strengen Lizenzregimen ausüben könnten. Jedenfalls könnte durch solche Bestimmungen ein größerer Anteil der sonst brachliegenden Fähigkeiten der vorher schon berufstätigen Einwanderer mobilisiert werden.

- die mehrsprachige Beschilderung, die oft in touristische Destinationen schon gang und gäbe ist, auf ethnische Viertel und die jeweils relevanten Sprachen ausweiten.

Die Zukunft Deutschlands als Einwanderungsland wird nicht so aussehen wie die Vergangenheit, nur mit der Ausnahme, dass jede vierte Nachbarfamilie in der sonst noch "normal" aussehenden Siedlung anderer Herkunft ist, und dass man auch ab und zu "beim Syrer" im Dorf essen gehen kann. Die Zukunft Deutschlands wird zum Glück viel bunter aussehen: Schmelztiegel und Mosaik, ohne dass Ghettos vorhanden sein müssen.

2016-10-24-1477299042-238779-HUFFPOST.jpg

Marode Häuser, eine hohe Arbeitslosenquote und eine oft hohe Kriminalitätsrate: In einigen deutschen Städten gibt es heute Problemviertel und Brennpunkte. Haben wir in Deutschland ein Ghetto-Problem?

Gemeinsam mit Politikern, Pädagogen und Städtebeauftragten überlegen wollen wir den Fragen auf den Grund gehen: Wie kann der Problementwicklung entgegengewirkt werden? Ist sie das Ergebnis einer gescheiterten Integrationspolitik? Wer muss jetzt handeln?

Diskutiert mit und schickt eure Artikel und Videokommentare an Blog@huffingtonpost.de.