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Die Schule macht unsere Kinder krank - und das Konzept Schulpflicht ist überholt

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SCHULE
dpa
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Ein Infarkt ist lebensgefährlich. Was wir mit "traditionellen" Schulen bis heute anrichten, ist genau das.

Wie kommt es zu einem medizinischen Infarkt? Es handelt sich um eine Verstopfung der Herzkranzgefäße, eine Verkalkung der Arterien, die Blutgefäßwände verlieren ihre Elastizität. Das Blut kann nicht weiterfließen, die Sauerstoff- und Nährstoffversorgung des Herzens ist unterbrochen.

Was für ein Gleichnis zur Situation an unseren Schulen. Schule macht Lehrer, Schüler und viele Eltern krank. Bei der Durchführung der Herztherapie gilt: Jede Minute zählt! Dann erfolgen Langzeitmaßnahmen. Genau das gilt für unsere Schulen.

Wir machen Schule für uns schwerer, als es sein müsste

Schauen wir darauf, was nach der Schule passiert: "Alle Überprüfungen des Wissens, das junge Menschen fünf Jahre nach Schulabschluss noch besitzen, laufen darauf hinaus, dass das Schulsystem einen Wirkungsgrad besitzt, der gegen Null strebt", schreibt der Hirnforscher Gerhard Roth in seinem Buch "Bildung braucht Persönlichkeit. Wie lernen gelingt".

Daten, die anlässlich des Deutschen Industrie- und Handelskammertages veröffentlicht wurden, dass fast die Hälfte der Unternehmer mehr Wert auf "gute persönliche und soziale Kompetenzen" als auf schulische Leistungen legt.

"Für 71 Prozent der Unternehmer und Personalverantwortlichen ist Teamfähigkeit die bedeutendste Kompetenz, die sie von Hochschulabsolventen erwarten", heißt es in einer Veröffentlichung. "63 Prozent der Unternehmen bezeichneten selbständiges Arbeiten/Selbstmanagement als eine der wichtigsten Kompetenzen, gefolgt von Einsatzbereitschaft (60 Prozent) und Kommunikationsfähigkeit (59 Prozent)."

Noten sind nicht verlässlich, nicht objektiv, nicht vergleichbar

Ich bin kein Träumer, ich weiß natürlich, dass der Großteil unserer heutigen Schulen durch den unsinnigen Gebrauch von Noten (Noten für Benehmen/Gehorsam) und einem unwürdigen, defizitorientierten Umgang miteinander in diesen Schlamassel gerutscht sind.

Der erste Schritt ist die Erklärung von uns Erwachsenen, dass wir die Verantwortung für die heutigen Zustände übernehmen. Wir, und nur wir, haben es so weit kommen lassen. Der zweite Schritt ist, dass wir ab sofort aufhören, uns genseitig zu beschämen.

Die vorherrschende Lernkultur ist geprägt von permanenter Bewertung durch Noten, die Kinder einteilen nach Ziffern von eins bis sechs. Noten sind ein Selektionsinstrument, Noten sind nicht verlässlich, nicht objektiv, nicht vergleichbar, und sie produzieren Bildungsversager.

Mehr zum Thema: Der Weg zum Abitur wird immer einfacher - und das schadet nicht nur den Schülern

Noten werden den vielen Fähigkeiten und komplexen Lernentwicklungen von Kindern nicht gerecht. Noten schüren Konkurrenz-Geist, schaffen Gewinner und Verlierer. Kinder erleben Noten als etwas Endgültiges, an dem sie nichts mehr ändern können.

Es gibt keine dummen Kinder, aber es gibt eine dumme Leistungsbewertung

Das Dilemma: Defizitorientierung und Entwicklung von Beziehungskompetenz sind zwei unvereinbare Haltungen. Lernen braucht verbindliche und vertrauensvolle Beziehungen, Ermutigung und Wertschätzung.

Dann entsteht Freude am Lernen. Diese Freude braucht es, um auch die harten Zeiten zu überstehen, wenn Kinder lernen, auch Dinge zu tun, die sie nicht mögen.

Druck, Misstrauen und Kontrolle, gehören zum Arbeitsalltag zu vieler Lehrer und Schüler (Untersuchungen sprechen von 60 Prozent und mehr). Alle Arbeitspsychologen wissen: Das sind die krankmachenden Umstände. Wir wissen auch, dass Schule immer nur so gut sein kann, wie die Gesundheit und Motivation der Lehrer.

"Jede Form von Druck führt immer zum Rückfall in bereits bewährte Strategien", schreibt der bekannte Hirnforscher Gerald Hüther in einem Beitrag für das Magazin "Lernende Schule". "Bisweilen sogar zu Reaktionen, die schon während der frühen Kindheit gebahnt worden sind, und - wenn es besonders eng wird - sogar zum Rückfall in anarchische Notfallreaktionen."

Unsere Lehrpläne fördern Bulimielernen

Gesundmachende Umstände sind: Sinn in meiner Tätigkeit sehen, Selbstwirksamkeit, Handlungsspielräume, das Gefühl nicht ausgeliefert zu sein, statt kontrolliert zu werden auf ungute Weise, Transparenz.

Unsere Lehrpläne schaffen das Gegenteil: Sie fördern Bulimielernen, fordern Prüfungen, wenn sie angeordnet sind und nicht, wenn die Kinder verstanden haben (Argumente die ich dazu gehört habe sind: "Man kann ja schließlich nicht auf jeden warten; wir brauchen Transferaufgaben zur Selektion, wenn alle es verstanden haben und bessere Noten haben, sollen dann alle studieren? Es muss auch Schlechte geben, wenn es Gute gibt").

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Da haben wir noch viel zu tun. Klar ist: Mit Arbeitsgruppen und Vermeidungsstrategien schaffen wir das nicht. Wir müssen Schule neu denken, kleine Korrekturen hier und da ändern nichts.

Beweis dafür: Die letzten 30 Jahre Schulentwicklung in 80 Prozent der Schulen. Diesen Veränderungsschritt schaffen Schulen und Politiker nicht mehr alleine, wir Eltern müssen uns stärker einbringen.

Schulpflicht, wozu?

Sogar in der Führung der Bundeswehr ist man mittlerweile zu der Einsicht gekommen, dass es unnötig ist, Soldaten automatisch zum Militärdienst zu verpflichten/zwingen. Wenn wir mit diesem Schulpflicht-Unsinn aufhören, gewinnen wir mehr Verantwortung der Beteiligten und verlieren lähmenden Gehorsam. Das hört sich für mich wie ein guter Tausch an. Nur so, wie ich bin, erreiche ich das, wonach ich suche.

Schule ist nicht so wichtig, Bildung ist wichtig. Wir alle wissen, die einzelnen Noten zählen später nichts mehr. Wichtig ist, ob mir die Freude am Lernen geblieben ist. In Lebensläufen/Bewerbungen steht: "Nach dem Schulabschluss habe ich eine Ausbildung zum... abgeschlossen, habe ich studiert..." Da zählt die einzelne Note, das Jahreszeugnis nichts mehr.

Deshalb plädiere ich für Entspannung auf der ganzen Linie: Eltern, hört auf mit diesem Druck auf eure Kinder, er hat nur schlechte Folgen für alle. Wenn Kinder in der vierten Klasse weinen über eine drei und dann unter Druck gesetzt werden mit "Sonst schaffst du das Gymnasium nicht", wenn sie unter Angst lernen und ihr Selbstgefühl über die Schulform definieren, ist das Beschädigung von Kinderseelen. Deshalb sage ich: "Eltern genießt eure Kinder, so wie sie sind: Schule ist nicht so wichtig."

Dieses Schulsystem behindert individuelles und nachhaltiges Lernen

Ich weiß, dass Lehrer und Schüler ihre Möglichkeiten heute äußerst schlecht nutzen oder kaum Umstände schaffen, ihre Möglichkeiten zu erkennen. Im Gegenteil, Schule entfremdet heute junge Menschen von ihren Möglichkeiten, das muss sofort aufhören.

Ich treffe vielerlei Menschen, die glauben, es gäbe nichts, was sie besonders gut könnten.

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Ich berate Leute, die keine Freude an dem haben, was sie tun, sie spulen einfach ihr Leben so ab. Sie halten das Leben nur noch aus, anstatt es zu genießen und warten aufs Wochenende. Das ist erlernt (oder von außen erzwungen), so sind diese Menschen nicht auf die Welt gekommen.

Aber ich treffe auch Menschen, die das lieben, was sie tun und die sich nicht vorstellen könnten, etwas anderes zu machen.

Leider trifft das nur für eine Minderheit der Menschen zu. Dafür gibt es viele Erklärungen, doch ein wesentlicher Faktor ist die vorherrschende Lernkultur, denn auf eine bestimmte Weise entfremdet unsere Art, wie wir Schule betreiben, viele Menschen von ihren eigenen Möglichkeiten.

Diese Möglichkeiten sind oftmals tief vergraben in jedem. Wir brauchen als Kinder Lehrer, die mit uns nach diesen Möglichkeiten suchen, während unsere Eltern fürs tägliche Brot sorgen müssen. Lehrer brauchen Lehrpläne, die diesen Freiraum ermöglichen. Und: Kultusministerien brauchen mehr Vertrauen in ihre Mitarbeiter und weniger Kontrolle.

Mehr Informationen zur Arbeit von familylab und Mathias Voelchert findet ihr hier: www.familylab.de

Der Beitrag erschien zuerst auf familylab.de und wurde von der Redaktion gekürzt.

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