Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Mathias Voelchert Headshot

Du wirst solange an Beziehungen scheitern, bis du diese Sache erkennst

Veröffentlicht: Aktualisiert:
COUPLE
iStock
Drucken

Der Untertitel dieses Buches lautet »Wie Paare Konflikte in Liebe lösen«. Das verspricht Dauerhaftigkeit. Aber was tun, wenn einer nicht mehr weitermachen will? Woran erkennen wir, dass es vorbei ist? Trennung in Liebe - wie geht das? Alte Bindungen bleiben und wirken.

Vorherige Beziehungen wirken sich auf unsere heutige Paarbeziehung aus. Besonders wenn sie ein starkes Gewicht hatten, es zum Beispiel gemeinsame Kinder gibt, eine gemeinsame Firma oder gemeinsame Immobilien.

Oft genug ergeben sich daraus Streitigkeiten, die unsere heutige Partnerschaft beeinflussen. Beziehungen zwischen Menschen sind erfolgreich so, wie sie sind, und nicht so, wie wir sie gerne hätten. Oder wie wir meinen, dass sie sein sollten.

Jede Beziehung ist eine Verbindung auf Zeit. Besonders der Paarbeziehung tut dieser Hinweis auf Vergänglichkeit gut. Unser Wunschdenken hinsichtlich der Dauer einer Beziehung setzt uns sehr unter Druck, wenn eine Beziehung zu Ende geht.

Berater, Therapeuten, Mediatoren und Rechtsanwälte wissen, dass die, die zu ihnen kommen, meinen, keine Wahl zu haben. Sie haben sich oft im anderen verrannt. Manchmal so sehr, dass sie nicht mehr ein noch aus wissen. Ohnmächtig vor Leid. Ohnmächtig vor Schmerz und Schuld.

Beziehungen sind Verbindungen auf Zeit

Beziehungen gelingen, wenn die Partner Veränderungen zulassen. Aber weder Starrheit noch Veränderungswille sind eine Garantie für den Bestand der Partnerschaft. So hat jede Beziehung oder Ehe ihre Zeit.

Und manche Beziehungen haben nach einiger Zeit ihr Ende erreicht. Diese Zeit kann ein ganzes Leben umfassen oder nur zwei oder zehn Jahre; wer will urteilen, was besser oder schlechter ist?

Manche versuchen, den anderen daran zu hindern, dass er oder sie geht. Sie meinen, mit Zwang oder Druck Gemeinsamkeit erzwingen zu können. Doch das kann nicht funktionieren. Es ist an der Zeit, einen anderen Umgang mit Trennung zu erlernen.

In der heutigen Zeit haben wir etwa siebzig Jahre vor uns, in denen wir in Partnerschaften leben können. Die Idealisierung der einzigen Ehe oder Partnerschaft treibt da viele in eine aussichtslose Situation.

Alte Bindungen - Verbindungen zu früheren Partnern, mit denen uns Tiefes verbindet oder mit denen wir Kinder haben - wirken auch dann, wenn sie uns nicht bewusst sind. Solche unbewussten Verbindungen bestehen zum Beispiel auch zu Eltern und Vorfahren, an deren Stelle wir handeln und die wir in unseren Reaktionen vertreten.

Wenn wir uns diese Nachwirkungen aus der Herkunftsfamilie genauer anschauen, stellen wir manchmal fest, dass wir als Paar nur eine geringe Chance hatten, etwas anders zu machen. Ich bin nicht bereit, mich damit abzufinden, dass Beziehungen oft in Katastrophen oder im »Nichts« enden müssen.

Wir selbst, unsere Partner und unsere Kinder zählen mehr als jede Form (verheiratet, geschieden, ledig)! Die allermeisten Paare oder Einzelpersonen, mit denen ich bisher gesprochen habe, wollen keine Rache, keinen totalen Bruch oder gerichtliche Auseinandersetzungen.

Wenn sich der Zug der gerichtlichen Auseinandersetzung in Bewegung setzt, scheint er unauf haltsam zu sein. Hier früh genug zu unterbrechen und zu fragen: Was mach ich hier eigentlich?, ist ein Ziel, das ich auch in meinem Buch Trennung in Liebe näher beschreibe.

Es braucht Ihre Bereitschaft zur Veränderung

Es gibt Hoffnung. Für jeden und jede Beziehung. Alle Antworten, Forschungsergebnisse sind da. Es ist bekannt, was fehlt oder zu viel ist, wenn Paare sich nicht mehr verstehen. Das Einzige, was gebraucht wird, sind Ihre Fragen. Ihre Bereitschaft, etwas zu verändern.

Diese Veränderung schließt alle ein. Alle Methoden, alle Glaubensrichtungen, alle Menschen! Was uns stärkt, ist willkommen. Was wir nicht brauchen, ist Schwächendes - Rechthaberei, auf dem beharren, was bisher viel Leid brachte.

Dies zu beobachten und danach für sich die passenden Schlüsse zu ziehen - statt Schuld zuzuweisen - ist nicht immer leicht und braucht Zeit zur Eigenreflexion, Zeit zu wachsen. Allerdings ist es sicherlich ein Weg ans Licht! Oft haben Paare, ohne es zu bemerken, etwas Wichtiges verloren.

Meist wird dann über Äußerliches gestritten, wo es doch um Inneres geht. Aber jedem kann es gelingen, das zu ändern. Dabei kann man selbst eben nur die fünfzig Prozent einbringen, die in einer Partnerschaft möglich sind; die andere Hälfte bringt der Partner ein, auf seine persönliche Art und Weise.

Dazu können wir uns dann entsprechend verhalten in dem Wissen, dass jeder immer sein Bestes tut. Mir geht es um brauchbare und lebbare Lösungsansätze. Jedes Paar, jeder einzelne Mensch ist einzigartig, und jeder Mensch trägt selbst die besten Ideen zur Lösung in sich. Was für Sie Gültigkeit besitzt, entscheiden Sie selbst.

Was für Sie beide gültig werden soll, handeln Sie miteinander aus. Auf die Frage, ob ich noch an die große Liebe glaube, habe ich in einem Interview einmal geantwortet: »Ja, schon, aber nur die ersten sechs Monate.« Wenn wir danach aus unserer Liebe eine große Liebe machen können, war es viel gemeinsame Arbeit, viel Eigenreflexion und Glück!

Glück, weil wir unsere Beziehungen nicht »machen« können. Sie entwickeln sich aus dir und mir und dem, was wir beide mitbringen. Doch das ist noch nicht alles. Immer gibt es in unserem Zusammenleben eine Magie, etwas Unkalkulierbares, etwas, das wir nicht in den Griff bekommen können.

Das meine ich mit Glück. Dieses Glück wünsche ich Ihnen in Ihrer Beziehung. Wenn es sich aber nicht ergibt, dann ist es Zeit, mit klarem Kopf anzuschauen, was ist. Für manche wäre es am besten, endlich aufzuhören, statt sich das Leben gegenseitig immer weiter zu »versauen«.

Ich sage das bewusst so drastisch, weil es für mich manchmal kaum auszuhalten ist, wie sehr manche Paare im Streit verbunden bleiben wollen, statt anzuerkennen, dass das »nichts mehr mit uns wird«. Bei einer Trennung laufen häufig folgende Reaktionsmuster ab:

a. Das Nicht-Wahrhaben-Wollen: Es trennen sich doch immer nur
die anderen

b. Auf brechende Gefühle, Zorn, warum gerade ich? Gefühle, die Sie
steuern können, in Richtung Frieden oder Krieg

c. Die Neuorientierung, das Akzeptieren dessen, was ist

d. Die Zustimmung, das neue Lebenskonzept, jetzt gehe ich in mein
neues Leben

Trennung ist wie ein kleiner Tod

Wenn zwei sich streiten, leiden manchmal drei oder vier, nämlich dann, wenn das Paar Kinder hat. Ich habe erlebt, dass die Trennung wie eine Miniaturausgabe der vorausgegangenen Beziehung ist.

Das heißt, wenn die Beziehung eher friedlich war, gelingt meist auch eine friedliche Trennung. Gab es davor wenig Vertrauen, wird es in der Trennungsphase nicht mehr entstehen. Gab es immer wieder tiefe Verbundenheit zwischen beiden Erwachsenen, dann können beide (trotz Verletzungen) einen gemeinsamen Weg durch die Trennung finden und später sogar eine Freundschaft daraus werden lassen.

Dabei ist es entscheidend, inwieweit die Partner - gemeinsam - die Führung dieses Trennungsprozesses übernehmen. Lassen Sie sich nicht von Freunden, Eltern, Geschwistern beeinflussen. Die haben meistens Eigeninteressen und keine Ahnung, wie eine Trennung in Liebe gelingen könnte.

Trennung in Liebe gelingt, wenn Sie nach dem Prinzip handeln können: Wir (du und ich) tun nichts, was dir, mir oder unseren Kindern schadet. Untreue ist der häufigste Scheidungsgrund. Eine Außenbeziehung wird dann interessant, wenn ich in meiner aktuellen Beziehung nicht mehr genug von dem bekomme, was ich brauche.

Dahinter liegt, fast immer, eine größere, tiefer gehende Unzufriedenheit. Nämlich darüber, nicht mehr miteinander wachsen zu können, keine Freude mehr miteinander zu haben. Erst dann wird die Sekretärin, der Kollege interessant. Erst dann versuchen wir, unseren Durst nach Leben über Sexualität zu löschen.

Oft genug erleben wir in der nächsten Beziehung sehr ähnliche Schwierigkeiten, weil sich an unserer eigenen Haltung nicht viel geändert hat; nur die Spieler wurden ausgetauscht, das Spiel ist gleich. Trennung ist der vermeintliche Schlussakkord in Beziehungen. Für viele ist dies eher ein Dämon als eine Möglichkeit.

Besser nicht hinschauen. Von einem Rechtsanwalt habe ich den Spruch gehört: »Wenn ein Ehevertrag gemacht wird, ist das Ende nicht mehr weit.« Ich halte das für kuriosen Blödsinn. Für mich klingt das wie die panische Angst vor dem eigenen Tod.

Er wird so lange ausgeblendet, bis er uns erschreckend vor Augen steht. Trennung erleben viele wie einen »kleinen« Tod. Da ist, zumindest für einen der Partner, etwas zu Ende gegangen, aber noch nicht endgültig. Doch in der »alten« Form ist es nicht mehr überlebensfähig.

Ja, es braucht eine neue Form, ein neues Leben, neue Energie, neue Hoffnung, eine neue Vision, neue Kraft und den wiedererstarkten Willen: »Ich will leben und ich will lieben!« Ich schreibe über das Thema Tod, weil es den Ernst der Lage verdeutlicht.

Die Kraft zu einer echten Veränderung haben wir erst, wenn es wirklich ernst wird. Wenn wir uns entschieden haben: So kann es nicht mehr weitergehen, jetzt oder nie! Erst dann gelingt uns die grundlegende Wende hin zu einem Leben, das besser mit uns in Einklang steht. Das besser zu dem Menschen passt, der wir heute (geworden) sind.

Ich selbst habe zusammen mit meiner ersten Frau und meiner jetzigen Frau, mit der ich seit achtzehn Jahren zusammen bin, sehr deutlich erlebt, was es bedeutet, sich in Frieden zu trennen. Unsere freundliche Trennung im Jahr 1996 wäre nie möglich gewesen, wenn eine/r der drei Erwachsenen sich eher am Krieg als am Frieden orientiert hätte.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Das war kein Geschenk des Himmels, sondern für jede/n harte Arbeit an sich selbst. Es gab genug Verlockungen, sich hinreißen zu lassen, sich zu rächen, durchzudrehen, auszurasten, sich ganz zurückzuziehen, den/die anderen falsch zu machen. Es gab Gründe genug, draufzuhauen, sich beleidigt zu zeigen, eingeschnappt zu sein.

All das konnten wir bei uns, in uns lassen. Wir haben es nicht oder nur sehr selten auf das Gegenüber projiziert. Damit konnten wir wachsen. Dafür danke ich auch heute noch allen Beteiligten, besonders den Kindern, die in dieser Zeit so manche Turbulenzen mitgemacht haben.

Die Ehe ist eine Veranstaltung gegen den Tod. Neues Leben zu schaffen und einander Weggefährten zu sein, das ist ihr Ziel. Die wahren Feinde des Lebens und der Liebe sind der Tod, das Altern und die Zeit. Deshalb sind Streit, Verzweiflung und Einsamkeit nicht die Feinde der Ehe, sondern nur Wegweiser, eine Anleitung, sich besser um sich selbst zu kümmern.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Zum Frieden braucht es zwei, zum Krieg reicht einer" von Mathias Voelchert. Das Buch ist hier erhältlich.

2016-08-26-1472220610-3072669-zumkrieg_kleinsch.jpg

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: