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Geliebtes Deutschland, wir müssen reden!

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MUSLIMIN DEUTSCHLAND LIEBE
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Die letzte Woche verbrachte ich, umgeben von der Wärme des Landes und der Reisegruppe des Avicenna Studienwerks, in Granada. Wir lernten die Gemeinde der Mezquita Mayor de Granada kennen und lieben, wir verbrachten Tage und halbe Nächte in den Gassen der Stadt.

Schnell fühlten wir uns zwischen all den arabischen Spaniern, spanischen Arabern, Marokkanern, Schwarzafrikanern, Pakistanis und all den Menschen die so aussahen, als sei nationale Zugehörigkeit für sie nicht mehr als Schall und Rauch, heimisch und angekommen.

Wir lernten auf dieser Reise uns selber und unsere Mitmenschen, die Stadt, die Geschichte dieser Stadt, die auch teilweise unsere Geschichte, ist kennen und lernten, dass das Leben eine Reise ist, die bei Gott beginnt und bei Gott endet. Wir liefen als drei kopftuchtragende junge Frauen über den Platz und uns wurde euphorisch hinterher gerufen, dass wir durch unsere Bedeckung die schönsten Frauen seien.

Erschreckende 20,8 Prozent für die AfD

Natürlich war nicht alles so romantisiert schön und konfliktfrei, aber nach dem deutlichen Kontrastprogramm auf der Rückreise ist man doch leicht gewillt, so zu empfinden. Das erste was ich nach der Landung auf deutschem Boden gesehen habe, war die Zahl 20,8. Erschreckende 20,8 Prozent der Stimmen für die AfD in Mecklenburg-Vorpommern.

Der Drang gleich den nächsten Flieger wieder zurück zu nehmen war nicht gering. Er wurde auch nicht weniger als ich vom Flughafenpersonal unfreundlich angefahren wurde, nur weil nicht haargenau den Weg nehmen wollte, der aber deutscherweise so vorgeschrieben war.

Die Sprengstofftests an mir und meinen kopftuchtragenden Mitreisenden -sowohl auf dem Hin- als auch auf dem Rückflug- trugen ebenfalls wenig dazu bei, dieses Gefühl des Ankommens, welches in Granada allgegenwärtig war, auch für meine Heimat zu empfinden.

Fast vergessen war unter diesen Umständen auch schon das deutsche Pärchen, das sich an der Sicherheitskontrolle kommentarlos vordrängelte und ein gespielt freundliches „Entschuldigen Sie, ich warte auch hier" meinerseits geflissentlich überhörte. Und doch nicht ganz vergessen die Nachricht eines Freundes, dass mittlerweile die Wand des Herrensklos in der Universität der Spruch „Lang lebe die AfD- Nieder asoziale Araber" ziert.

Kurz bevor ich mich endgültig entscheiden konnte, ob ich unendlich wütend oder traurig sein sollte, dachte ich an einen der inspirierendsten Momente der Reise. Eines der aktiven Mitglieder der muslimischen Gemeinde in Granada berichtete über die Geschichte der Moschee, die geprägt war von Vorurteilen und nachbarlichen Bestrebungen den Bau zu verhindern.

Zwei seiner Gedanken sind mir tief im Gedächtnis geblieben. „Wir müssen lernen, den Ort, an dem wir leben anzunehmen. Und wir müssen lernen Hass mit Liebe zu begegnen."

Geliebtes Deutschland, wir müssen reden!

Ja, wir müssen über vieles reden. Darüber, dass vieles nicht richtig läuft. Dass Diskriminierung zum Alltag gehört. Dass sich junge Menschen gezwungen fühlen, sich an Ungerechtigkeit zu gewöhnen.

Wir müssen darüber reden, dass nicht mit zweierlei Maß gemessen werden darf. Dass Minderheiten nicht in ihren Freiheiten beschnitten werden dürfen, nur weil sie sich nicht wehren können.

Wir müssen darüber reden, dass Moscheen angezündet, Flüchtlingsheime in Brand gesetzt, erkennbar religiöse Menschen angegriffen und ausgegrenzt werden. Wir müssen darüber reden, dass alte Menschen am Rande der Gesellschaft und in Zuständen leben, die nicht lebenswert erscheinen. Dass Frauen im Schnitt immer noch nicht so viel verdienen wie Männer. Dass Hetze Journalismus nicht ersetzen kann und Trotz kein Wahlverhalten ist.

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Wir müssen darüber reden, dass wir über manche Ängste reden müssen, aber andere Ängste wiederum nur Hirngespinste sind und keine geeignete Grundlage für Verbote und Einschränkungen. Dass solange protestartig über die Emanzipation der Frau gesprochen wird, bis der Mann sich endlich auch emanzipieren will.

Wir müssen darüber reden, dass für deine Innen- und Außenpolitik manchmal am besten beschrieben ist mit dem Spruch "You don't do what you preach!". Wir müssen über vieles reden.

Aber manchmal, besonders wenn die Zeiten hart und der Umgangston raus ist, muss man sich einfach nur sagen, dass man einander liebt. Und ich will ganz vorne anfangen:

Deutschland, ich liebe dich!

Geliebtes Deutschland, ich liebe dich, weil ich hier geboren bin. Weil ich hier aufgewachsen bin und hier her gehöre. Weil ich nie woanders gelebt habe und mich nirgendwo so gut zurecht finden würde wir hier.

Weil ich so viel an Bildung und Privilegien von dir bekommen habe, wie ich es nirgendwo anders bekommen hätte. Weil meine Familie, meine Freunde und meine Nachbarn hier leben.

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Ich liebe dich, weil du aus schweren Zeiten gewachsen bist und dir deiner Geschichte bewusst bist. Weil du Menschen aufgenommen hast, die nirgendwo anders hin können.

Weil deine Natur atemberaubend schön ist. Weil du ein Rechtsstaat bist, der sich selbst immer wieder daran erinnert. Weil du dir auf die Fahne schreibst, diejenigen zu versorgen, die sich nicht selbst versorgen können und die Rechte derjenigen zu schützen, die in der Minderheit sind. Weil du Freiheit gibst und Freiheit forderst.

Ich liebe dich, weil ich nirgendwo der Mensch geworden wäre, der ich bin. Weil es für jeden Menschen, der etwas Dummes sagt, fünf weitere gibt, die laut rufen, er habe es nicht so gemeint und außerdem stimme es gar nicht.

Weil nach jedem Mal, wenn etwas furchtbares passiert, wozu sich Muslime bekennen, die Menschen in der Bahn und auf der Straße besonders freundlich lächeln, wohl um zu sagen „Keine Angst, wir wissen, dass ihr nicht alle gleich seid und dass es eigentlich kein „Wir und Ihr" gibt.

Ich liebe dich, weil du Menschen hervorgebracht hast, die mich manchmal einfach umhauen. Weil du jedem viele Möglichkeiten bietest. Und weil du ein gutes Herz hast, das immer wieder Schranken weist, Werte betont, Freiheit gewährt und den Einzelnen in seinem Menschsein schützt, wenn etwas aus den Fugen gerät.

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