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Zicken, lästern, prügeln - ich habe 2 Jahre im IS-Kalifat gelebt, und der Alltag dort war ganz anders als gedacht

21/11/2017 17:10 CET | Aktualisiert 21/11/2017 17:10 CET
Goran Tomasevic / Reuters

Die nächsten Tage werden ruhiger. Immerhin habe ich jetzt einen Ventilator. Von meinem Mann höre ich nichts, weiß nicht mal, wie lange er noch fort sein wird. Über nichts informiert zu sein, zerrt an den Nerven. Da landet man im Krieg und hat absolut keine Ahnung, wie die Lage eigentlich ist.

Nachdem ich erfahren habe, dass er in Tabqa ausgebildet wird, am Rand des großen Stausees südlich von hier, google ich die Stadt und finde heraus, dass es dort einen Militärflughafen gibt und aktuell Kämpfe zwischen dem IS und dem Assad Regime stattfinden, was wiederum bedeutet, dass dort Bomben fallen.

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Ich bereue meine Neugierde und lege das Handy wieder weg. Der Trubel im Haus mit den drei Frauen geht mir auf die Nerven. Ich kann nicht andauernd Menschen um mich herum haben, brauche meine Rückzugsmöglichkeiten.

Unter den Frauen des Islamischen Staats

Aber jetzt bin ich andauernd mit anderen Frauen zusammen, das zermürbt mich. Ich sitze heulend in meinem Zimmer. Gerade, als ich die Spuren davon mit geliehener Mascara und etwas Puder vertuschen will, kommt Mirzada ins Zimmer, Muwahids Mutter, die gerade wieder zu Besuch ist.

Sie fragt, was los sei, und ich kriege nur ein kurzes "nichts" heraus, weil ich wieder wie

ein Depp losheule. Mir geht meine weinerliche Art selbst auf die Nerven. In Deutschland war ich nie so. Mirzada sagt, dass sie mitbekommen habe, wie unwohl ich mich fühle. Ob ich nicht zu ihr ziehen möchte? Sie habe noch ein freies Zimmer, und ihren Mann würde es auch nicht stören. Eine wunderbare Idee.

In der nächsten Nacht ist Halimas Haus eh so voll, weil die Männer der Neuankömmlinge erst

einen Tag später zur Schießausbildung müssen, dass alle froh sind, als ich bei Mirzada schlafe. Dass ich nicht vorhabe, wieder zurückzukommen, behalte ich erstmal für mich.

Als ich aber meine restlichen Sachen abholen will, weigert sich Halima, meine Koffer herauszurücken. Das sei ihnen anvertrautes Gut, sagt sie. "Das sind aber meine Koffer", sage ich. Die dürfe sie aber nur meinem Mann aushändigen,beharrt sie.

Halima und ihr Mann Waliullah sind sauer, dass ich einfach ausgezogen bin. Schließlich habe mein Mann mich bei ihnen gelassen, bis er zurückkomme von der Ausbildung. Und jetzt habe ich einfach eine eigene Entscheidung getroffen. Das ärgert sie. Ich bin auch "anvertrautes Gut". Das von einer anderen Frau zu hören, ist schon arg unfreundlich.

"Auch ich bin anvertrautes Gut. Das von einer Frau zu hören, ist schon arg unfreundlich."

Auch Waliullah ist, wie viele hier, eine widersprüchliche Mischung: schwierig, wenn es nicht nach seinem Willen oder seinen islamischen Regeln läuft. Aber auch sehr hilfsbereit; wenn jemand etwas brauchte, hat er sich sofort darum gekümmert.

Nach längerem Rumstreiten ziehe ich mit meinen Koffern ab. Mirzada hat ein Haus ohne Hof, aber von der Treppe kommt man aufs Dach, wo ab Sonnenuntergang ein kühler Wind weht, außerdem gelegentlich der Geruch vom KebabGrill gegenüber. Nur meine Schminktasche bleibt verschwunden. Ich muss sie an einem der Flughäfen verloren haben. Da ich aber süchtig

nach Schminksachen bin, deprimiert mich das sehr.

Außerdem habe ich keine Ahnung, wie ich hier an Ersatz kommen soll. Mirzada beruhigt mich, jeden Samstag sei Markt, da bekomme man selbst in Ra'ei alles Mögliche. Zumindest Wimperntusche und Make-up.

Solange sie kocht, nehme ich den Kleinen zu mir, ein ruhiges Baby, solange er ausreichend beachtet wird. Sonst fängt er an zu meckern. Ich spiele eine Runde Candy Crush auf dem Telefon, was er aufmerksam verfolgt und mit seinen feuchten Fingern immer das Display anfassen möchte.

Leichen zur Abschreckung

Abends auf dem Dach sehe ich, wie nah die türkische Grenze ist. Am Übergang blinkt und leuchtet es, man sieht in der Ferne sogar die Lichter von Kilis, der nächsten türkischen Kleinstadt. Theoretisch so nah - aber eben so gut wie unmöglich, ohne Hilfe wieder zurückzukommen. Denn alle Schmuggler, die noch tätig sind, arbeiten mit dem IS zusammen, sonst riskieren sie ihr Leben.

Ohne Schmuggler findet man die Wege, Lücken im Zaun nicht, weiß schon gar nicht, wann die Grenzposten auf der anderen Seite Ablösung haben.

Zwei Wochen hier haben mir klargemacht, dass ich nicht den Rest meines Lebens beim IS verbringen kann und es auch nicht will. Doch was das für mich heißt, darüber denke ich noch nicht weiter nach. Hier oben auf dem Dach kann ich wenigstens mal alleine sein.

Das Haus liegt gegenüber vom Marktplatz, was mir in diesen ersten, ansonsten ruhigen Tagen leider einen Panoramablick auf das absolute Grauen beschert. Zumindest vom Dach aus kann ich die 14 oder 15 Leichen von syrischen Rebellen sehen, die zur Abschreckung von der Front hierhergebracht und einfach auf dem Marktplatz abgeladen wurden. Im Hochsommer.

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Einmal bin ich aus Versehen an denen vorbeigelaufen, jetzt meide ich in den kommenden Tagen diesen Weg. Aber ich weiß, dass ich nur hoch aufs Dach gehen müsste, dann würde ich sie wieder im Blick haben.

Ein paar Tage später sehe ich zufällig von einem Fenster aus, wie IS-Männer sie abtransportieren, einfach auf einen Pickup werfen. Da ragen die Beine raus. Einer hat Tennissocken an, ein anderer noch seine Schuhe. Ich stehe da am Fenster und denke mir: wie grauenvoll! Die haben doch auch Verwandte, Freunde, Kinder. Man hätte sie wenigstens sofort begraben können.

Aus Deutschland ins Kalifat - trotz Fußfessel

Ich sehe das und versuche gleich, es wieder zu verdrängen. Von meinem Mann gibt es weiterhin keine Nachricht, auch nach zwei Wochen nicht. Aber wenigstens hat sich spannender Besuch in unserer Frauen-WG angekündigt: die Frau aus dem anderen Paar der Offenbacher, die gemeinsam mit Waliullah und Halima hergereist waren und vor uns angekommen sind.

Die Reise war offensichtlich stressreich, und die beiden Paare haben sich schon unterwegs bis aufs Blut zerstritten. Waliullah und Halima kenne ich nun schon, aber die anderen beiden bislang nur vom Hörensagen:

Natali, eine selbstbewusste, etwas vorlaute Deutsch-Russin aus Trier, hier nun "Umm Ousama" genannt, und ihr Mann Hassan alias "Abu Ousama", einem Pakistaner aus Offenbach, den ich oft nur "Fußfessel" genannt habe. Denn er ist trotz elektronischer Weglaufsperre ausgereist.

Ich weiß nicht, wie die beiden sich kennengelernt haben, aber geheiratet haben sie erst kurz vor der Reise via Skype. Vor der Hochzeit haben sie sich nie gesehen. Er war dann enttäuscht: "Ich habe mir dich aber anders vorgestellt." Er wollte eigentlich immer gern eine Marokkanerin heiraten, weil er den Typ ansprechend fand und wegen des marokkanischen Essens, das er so gern mochte.

"Vom Dach aus kann ich die 14 oder 15 Leichen von syrischen Rebellen sehen, die zur Abschreckung hierhergebracht und einfach auf dem Marktplatz abgeladen wurden."

Dass Natali mir das selbst erzählte, fand ich schon schräg. Es war auf jeden Fall seine Schuld. Im Islam ist es doch erlaubt, dass du dir deine Frau vor der Heirat anguckst. Natali und Hassan sind an einem Wochenende gemeinsam mit Waliullah und Halima ausgereist, ihr Mann habe, so

erzählt sie, nur die sogenannte "kleine Fußfessel" umgehabt, die nicht dauerhaft überwacht werde.

In einem Waldstück zwischen Trier und Luxemburg habe er sie dann aufgeschnitten und liegengelassen. Bis nach Griechenland seien sie mit einem Mietwagen gefahren, doch dort hätten sie einen Motorschaden gehabt und das Auto stehenlassen müssen. Schließlich seien sie per Bus in Istanbul angekommen.

Prügeleien statt Dschihad

Schon auf der Weitereise durch die Türkei sei es dann zu Streitigkeiten zwischen den Paaren gekommen, erzählt Natali, als wir uns ins Wohnzimmer gesetzt habe. Man stehe doch unter Druck, wenn man gerade in ein Kriegsgebiet reist. In Syrien angekommen, habe es dann auch noch Streit wegen einer Katze gegeben und darum, wer welches Haus bekommt.

Es gibt ja das Versprechen, dass jeder, der zum IS geht, hier eine Wohnung oder ein Haus bekommt. Dafür gibt es extra Wohnungsverantwortliche in der Verwaltung. Aber in der Realität funktioniert das, wie wir bald lernen werden, nicht so gut - die einen bekommen ein Haus mit Garten, die anderen eine Bruchbude in einem Mehrparteienblock.

Der Streit zwischen den beiden Offenbacher Paaren schaukelte sich hoch. Ehemann 1 sei zu Ehemann 2 gegangen und habe dem gesagt, dass es Probleme zwischen den Frauen gebe

und man das regeln sollte. Ehemann 2 war darüber empört, der andere solle nicht über seine Frau sprechen. Einen Augenblick später hätten die beiden sich dann geprügelt.

Man zieht in den Dschihad, und das erste, was man hört, sind solche Geschichten. Nicht von irgendwelchen Kämpfen an der Front, nein, hier prügelt man sich wegen der Frauen.

Aber in Natalis Gegenwart lache ich lieber nicht darüber, sondern höre mit schockierter Miene weiter zu. Eine andere Deutsche hat wegen dieser Geschichten von ihrem Mann Kontaktsperre

zu Halima und Natali bekommen.

Es wird geschossen

Den Rest des Nachmittags erzählt Mirzada vom echten Krieg. Wie es war, als die FSA vor Monaten versuchte, Ra'ei einzunehmen und von mehreren Seiten angriff. Alle Männer mussten an die Front, die deutschen Frauen waren alle bei ihr, einige hatten für den Fall der Fälle Sprengstoffwesten dabei, um sich und eventuelle Angreifer zu töten.

Aber die Offensive der FSA sei fehlgeschlagen, nun waren alle unbeteiligten Syrer aus der Stadt geflohen. Bis, zum Glück, auf den Besitzer des Süßigkeitenladens.

Als wir gerade schlafen gehen wollen, fallen draußen Schüsse, erst wenige, dann immer mehr. Wir sehen, dass ein schießender, hupender Konvoi von Autos näherkommt. Mirzada

bricht in Panik aus und sagt, dass es genauso klang, als die FSA letztes Mal nach Ra'ei vorstieß.

Da bin ich noch keinen Monat in Syrien, denke ich, und schon gleich tot oder im Knast der Rebellen gelandet. Vom Fenster aus kann man nichts sehen, also gehe ich aufs Dach. Es ist eine Kolonne aus Pickups und ein paar normalen Autos, aus denen geschossen wird. Allerdings fahren sie hupend und schießend einfach weiter, bis sie und ihr Lärm verschwunden sind. Was das war? Keine Ahnung.

Wenigstens kann ich die beiden unten beruhigen, dass sie weitergefahren seien. Wirklich beruhigt sind wir erst eine halbe Stunde später, als Mirzadas Mann anruft und sagt, dass einer aus Ra'ei geheiratet habe und sie wohl deshalb in der Gegend herumgeschossen hätten.

Ich fühle mich überfordert, von allem hier. Es schockiert mich, dass man nicht einmal hier, wo jede Minute deine letzte sein kann, nichts Besseres zu tun hat, als sich zu streiten, zu

zicken, zu lästern und zu prügeln.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Maryam A. - Mein Leben im Kalifat" von Christoph Reuter.

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ISBN: 978-3-421-04819-6

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