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Reformation des Islam: Mit Erneuerung Herausforderungen bewältigen

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SALAFIST
ASSOCIATED PRESS
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„Die Reformation des Islam" ist eine polarisierende Forderung. Manche prognostizieren darin die Lösung politischer Konflikte und sozialer Probleme. Sie sind der Auffassung, dass dadurch die „Anschlussfähigkeit" des Islam an die Moderne hergestellt werden kann.

Eine Reformation, ähnlich wie vor 500 Jahren im Christentum, würde auch im Islam für positive Erneuerung sorgen. Andere argumentieren dagegen, dass die Reformation eine, in einem bestimmten historischen Kontext stehende, Entwicklung im Christentum sei.

Damit sei sie nicht auf den Islam übertragbar
. Diese oft philosophisch-abstrakt geführte Debatte über Sinn und Unsinn einer Reformation des Islam überfordert nicht nur den Laien.

Auch Fachkundige wirken häufig apologetisch oder gar (über)emotional in der Auseinandersetzung mit dieser Frage und sind sich nicht einmal einig über Begriffe und ihre Inhalte. Deswegen reden sie oft aneinander vorbei.

Erneuerung des innerislamischen Diskurses überfällig

Davon unberührt gilt es, unmissverständlich festzustellen, dass die Erneuerung des innerislamischen Diskurses überfällig ist. Die innerislamischen Konflikte und die Konflikte von Muslimen mit ihrer nichtmuslimischen Umgebung drängen geradezu neue Konzepte und Kompromisse im Verhältnis zwischen „religiös" und „weltlich" zu wagen.

Wenn das „Reformation" ist, so ist dieser Prozess notwendiger denn je. Ist mit Reformation die Schaffung neuer, humanistisch geprägter theologischer Zugänge gemeint, so ist dieser Prozess im Islam insofern von immenser Bedeutung, als dass damit Phänomene wie dem „Islamismus", „Salafismus" und „Jihadismus" entschieden entgegengewirkt werden kann.

Die Vielfalt und Ambiguität der islamischen Religion dient als Hauptargument derjenigen, die die Notwendigkeit einer Reformation zurückweisen. Menschen verschiedener ethnischer, kultureller, politischer und sozialer Hintergründe bekennen sich zu den Lehren des Islam, einer Religion mit einer inzwischen 1437-jährigen, geistesgeschichtlichen Entwicklung.

Dies führt zu Ausdifferenzierungen hinsichtlich seiner Erscheinungsformen, religiösen Institutionen und Praktiken, sowie seiner Implikationen für Politik und Gesellschaft.

Rückbesinnung

In islamisch geprägten Gesellschaften führen krisenhafte Zustände oft dazu, dass Muslime sich reflexartig auf die vermeintlich reine Lehre der Urgemeinde berufen. Diese Rückbesinnung hat gegenwärtig unter anderem eine Politisierung zur Folge, die ihren Ausdruck im Islamismus, Salafismus und Jihadismus findet.

Obgleich Islamisten, Salafisten und Jihadisten sich zur „muslimischen Avantgarde" erheben, lassen sich ihre Gesellschaftsbilder, politischen Positionen und Handlungen nicht allein mit den Quellen des Islam erklären.

Diese selbsternannte, muslimische Avantgarde setzt den Koran und die tradierte Prophetenüberlieferung des Islam, sowie historische Ereignisse als Referenzrahmen ihres Denkens und Handelns ein.

Ihre Akteure und Sympathisanten orientieren sich selektiv und kontextunabhängig am Wortlaut sakraler Texte und folgen überwiegend Lehrmeinungen von muslimischen Gelehrten aus dem Mittelalter, sowie von zeitgenössischen Predigern des saudi-arabischen Wahhabismus.

Vereinheitlichungsbestrebungen größtenteils salafistisch geprägt

Aus Koran und Sunna (Prophetentradition) meinen sie einen eindeutigen göttlichen Auftrag ableiten zu können und deklarieren in der Folge unverhandelbare Handlungsmaximen für ein gottgefälliges Leben.

Ihre Denk- und Handlungsweisen werden zwar von der Mehrheit der Muslime - auch innerhalb der Orthodoxie - zurückgewiesen. Dennoch prägen ihre rückwärtsorientierten Diskurse und Aktionen das Islambild und polarisieren Debatten und Gesellschaften - auch in Deutschland.

Unter dem Druck der Globalisierung lassen sich Vereinheitlichungsbestrebungen, auch im Islam, feststellen. Diese sind größtenteils salafistisch geprägt. Die Hegemonie der dualistischen Weltanschauung des Salafismus und die damit einhergehende, aggressive Intoleranz gegenüber innerislamischer Vielfalt sowie Überlegenheitsansprüche gegenüber Nichtmuslime und deren Erhebung zu einer Glaubenspflicht, verursachen verheerende Konflikte, sowohl unter Muslimen, als auch zwischen Muslimen und Nichtmuslimen.

Problematisch in diesem Kontext ist es, dass Salafisten zunehmend die Definitionshoheit über zentrale Konzepte der islamischen Religion, vor allem über Tawhid (absoluter Glaube an den einen Gott), den Dreh- und Angelpunkt des Islam.

Geistesgeschichtlichen Tradition der früheren Wahhabiten

Die mit Tawhid salafistischer Deutung verbundenen Konsequenzen für die religiöse Praxis führt zu religiös konnotierten Konflikten, die ein gesellschaftliches Miteinander erschweren.

Das „Popkulturelle" am zeitgenössischen Salafismus ist eine Erscheinung, die keine geistige Veränderung bewirkt. Im Sinne von Maslaha (Konzept vom übergeordneten Interesse) nutzen Salafisten es, um Popularität unter jungen Menschen zu gewinnen, ein Mitnahmeeffekt, der keinerlei theologische Begründung hat und nicht zur Veränderung der Lehre führt, denn diese basiert auf Manhaj as-Sunna (Methodik der Prophetentradition).

Auch wenn Erscheinungsformen und Aktionsspielräume des zeitgenössischen Salafismus, von Ort zu Ort, von Gesellschaft zu Gesellschaft, von Zeit zu Zeit massiv differieren können, sind seine religiöse Inhalten, Methodik, Orthopraxie Eschatologie und Weltanschauung, sowie sein Geschichtsverständnis, Gottesbild und Menschenbild, immer konstant.

Das Grundsätzliche am zeitgenössischen Salafismus steht in der geistesgeschichtlichen Tradition der früheren Wahhabiten. Heutige Salafisten erheben den Anspruch, die den Salafismus begründenden Lehren von Ibn Hanbal über Ibn Taymiyya bis Ibn Abd al-Wahhab treu zu sein und stehen der geringsten geistigen Fortentwicklung dessen ablehnend gegenüber.

Humanistisch angelegte Bildung ist zentraler Schlüssel

Ein Islam, der sich ausschließlich auf diese Tradition beruft, ist weder mit Pluralismus noch mit Demokratie vereinbar. Denn er birgt in sich großes Konfliktpotenzial für das Zusammenleben in einer säkularen Gesellschaft, die Menschen unabhängig ihres Glaubens mit den gleichen Rechten ausstattet.

Prinzipiell lässt die klassische, islamische Lehre eine Vielfalt an Deutungen des Koran und der Prophetentradition zu. Diese Vielfalt spiegelt sich wider in verschiedenen, theologischen Positionen, die dem Gläubigen eine verantwortungsbewusste Entscheidung abverlangen.

Eine Wiederbelebung dieses theologischen Konzeptes setzt einerseits voraus, dass ausreichend qualifizierte Theologen im konstruktiven Disput mögliche Positionen aufzeigen. Anderseits soll der Gläubige aufgrund religiöser Bildung in die Lage versetzt werden, die verschiedenen theologischen Optionen zu erkennen und für sich selbst die richtige Entscheidung zu treffen.

Damit ist eine humanistisch angelegte Bildung der zentrale Schlüssel für ein zeitgemäßes Verständnis islamischer Quellen. Reformation kommt ohne Ratio nicht aus. Für Rationalismus lassen sich im Islam durchaus Anknüpfungspunkte finden.

Niedergang der islamischen Rationalisten

In seiner Blütezeit spielten rationalistische Denkschulen eine wichtige Rolle und produzierten eine Vielfalt an Lehrmeinungen, die zur Achtung und Anerkennung des jeweiligen Anderen sowie zu dem intellektuellen Austausch und der gegenseitige Bereicherung beitrugen.

Der Niedergang der islamischen Rationalisten markierte den Beginn des Aufstiegs konservativer und radikaler Strömungen. Deswegen ist eine Wiederbelebung des islamischen Rationalismus im Rahmen einer Reformation von Nöten.

Am Beispiel der Situation von Muslimen in Deutschland wird der Reformationsdrang deutlich. Schätzungsweise bekennen sich zum Islam fünf Millionen Menschen in der Bundesrepublik Deutschland.

Manche sind zugewandert - andere leben hierzulande bereits in der dritten Generation oder sind zum Islam konvertiert. So treffen in Deutschland die unterschiedlichsten ethnischen, kulturellen und religiösen Praxen aufeinander und bilden eine spezifische deutsche Islamlandschaft.

Chance einer zukunftsorientierten, reformatorischen Bewegung

In dieser Islamlandschaft sind unterschiedliche, wenn nicht konträre Islamverständnisse vertreten, die sich sowohl untereinander, als auch zu ihrer nichtmuslimischen Umgebung teils harmonisch bis teils konfliktbeladen positionieren.

Zudem reicht die Bandbreite politischer Orientierung unter den hier lebenden Muslimen von säkularen und menschenrechtsorientierten über politikverdrossene bis hin zu salafistisch-fundamentalistischen und jihadistischen Einstellungen.

Auch wenn Harmonie und Konflikte im Alltag in Deutschland nicht in erster Linie religiös verursacht sind, werden sie jedoch oft von Muslimen und Nichtmuslimen in einem religiösen Kontext diskutiert.

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Es wird in der Religion nach Motiven und Lösungen gesucht. Dadurch avanciert der Islam in den öffentlichen Debatten zum vermeintlichen Bestimmungsfaktor der Identität von Menschen muslimischen Glaubens.

In der Wirklichkeit hingegen sind gesellschaftliche Phänomene nicht monokausal zu erklären. Das Bedürfnis, komplexe Zusammenhänge auf einfache Formel zu bringen, polarisiert den Diskurs und stärkt Extremisten aller Couleur. Letztere vertreten menschenverachtende Hassideologien, die keinen Platz in der modernen Gesellschaft haben dürfen.

Muslime in Deutschland sollen erkennen, dass die hier vorherrschenden pluralistischen demokratischen Werte ihnen Chancen bieten, eine zukunftsorientierte reformatorische Bewegung zu schaffen, die ihnen ermöglicht bereichernd mit ihrer Umgebung zu interagieren.

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