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Der Lautsprecher: Früh übt sich.

31/01/2016 12:15 CET | Aktualisiert 31/01/2017 11:12 CET
Bloomberg via Getty Images

Bildungsrevolution, Demokratisierung der Bildung und Big Data sind Buzzwords, die derzeit immer häufiger in Verbindung mit unserem Schul- und Bildungssystem gebracht werden. Es gilt, künftig auf die wachsende Vielfalt der Lerner mit Personalisierung zu reagieren.

Dabei startet die Hinführung der Kinder zu individuell zugeschnittenem Lernen schon ziemlich früh. Die Initiatoren: Ambitionierte Eltern - in der Hoffnung, den Nachwuchs damit unkompliziert zu fördern und mit spielerischen Lektionen bestmöglich auf die Zukunft, also deren Arbeitsleben inklusive hohem Bildungstitel, vorzubereiten.

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Wie bei Erwachsenen geht auch hier der Trend deutlich zu Digital

Klar, denn auf dem Tablet Wischen und Schieben begreifen sogar Zweijährige. Das Spielfeld ist groß: Bereits 50 Wörter sprechen Kinder im Durchschnitt mit 18 bis 20 Monaten und verstehen obendrein schon einzelne Begriffe und Körperteile lange bevor sie überhaupt „Mama" sagen können.

Das haben auch App-Entwickler durchschaut, denn der App-Store für diese Zielgruppe boomt: mehr als 200.000 Anwendungen lassen Kleinkinder spielen, malen, musizieren und rechnen. Marktführer in Deutschland ist Fox & Sheep. Mit den Apps „Schlaf gut" oder „Kleine Bauarbeiter" (für Ein- bis Sechsjährige) hat das Start-up 2014 rund 1,2 Millionen Euro erwirtschaftet. Erkannt hat dieses Potenzial hat auch der Spielzeughersteller Haba, kaufte schlichtweg 77 Prozent der Fox & Sheep-Anteile und damit den Zugang zur digitalen Spielewelt. Ganz schön schlau.

Digitalisierung triumphiert

Überall triumphiert die Digitalisierung, doch zu unseren Schulen und Universitäten ist das leider noch nicht ganz durchgedrungen - in den meisten Klassenzimmern und Hörsälen sieht es ziemlich mau aus. Dort dominieren nämlich veraltete Technik und unzeitgemäße Lehrmethoden à la Notebook-Klasse. Zudem liegt de facto ein akuter Mangel an Steckdosen vor. Experten sind jedoch optimistisch und prophezeien einen radikalen Wandel des Lernens. Die Vision der Bildungspolitik: vollständige Digitalisierung.

Tatsächlich dürften sich moderne(re) Lehrsysteme schon bald durchsetzen. Das würde etwa die Entwicklung intelligenter Computerprogramme bedeuten, die den Wissensstand der Kinder selbstständig erfassen und diesen mit gezielt darauf abgestimmten Aufgaben ausbauen und fördern. Parallel dazu wird der Erfahrungsschatz von Mitschülern/Kommilitonen mit eingebunden und der Lernerfolg unmittelbar an die verantwortlichen Lehrer/Professoren weitergeleitet. Individuelle, maßgeschneiderte Förderung ist das Ziel!

Was in Deutschland noch kaum vorstellbar ist, wird in Estland schon seit Jahren gelebt. Das Land ist der digitale Vorreiter Europas, schon 90 Prozent der Erstklässler besitzen ein Smartphone. Auf deren Stundenplan steht unter anderem Programmieren (fördert systematisches Denken) und Datenschutz (schärft verantwortungsbewusstes Surfen), gearbeitet wird mit den eigenen Geräten. Eine Schulstunde pro Woche. Klingt doch nicht schlimm, oder?

Anscheinend schon, denn bei uns ist das Geschrei groß

Kinderärzte warnen vor ADS, Kopfschmerzen, Überforderung. Unter den 34 Ländern der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, befindet sich Deutschland im Hinblick auf das Bildungssystem auf dem 28. Platz, gleichauf mit Rumänien, Chile und Israel.

Wenn das Wilhelm von Humboldt wüsste! Jedenfalls sei Grund für den desolaten Zustand unsere kritische und ablehnende Haltung gegenüber der fortschreitenden Digitalisierung. Unglücklicherweise bestätigt eine forsa-Studie im Auftrag der Krankenkasse DAK das erhöhte Internet-Suchtpotenzial bei einem Fünftel der 12- bis 17-Jährigen.

Den nächsten Paukenschlag liefert die Uni Mannheim mit einem weiteren Umfrageergebnis. Demzufolge befinden sich bereits 25 Prozent der Acht- bis 14-jährigen unter permanentem Kommunikationsstress. Aussagekräftige wissenschaftliche Studien über langfristige Folgen des frühen Konsums digitaler Medien liegen noch (lange) nicht vor.

Regelungen sind gefragt

Hinzu kommt die permanente Angst vor Hacker-Angriffen, wie ihn kürzlich ein Lernspielzeughersteller in Hongkong erleben musste: VTech wurden 4,8 Millionen Kundendaten samt postalischen Adressen und verschlüsselten Passwörtern geklaut, weil Sicherheitsmaßnahmen einfach Geld kosten. Und dann ist da ja immer noch die Sache mit der Transparenz respektive unseren Bildungsdaten.

Wollen wir wirklich, dass unsere Ergebnisse noch Jahrzehnte später von jedem, aber wirklich jedem, eingesehen werden können? Ist es in Ordnung, unseren Bildungsweg von Algorithmen festlegen zu lassen anstatt unsere geistige Entwicklung als eine Zeit des Ausprobierens, Suchens und Über-sich-Hinauswachsens zu sehen?

Digitalisierung als Chance begreifen.

Klar ist jedenfalls, dass sich unser technischer Fortschritt nicht mehr rückgängig machen lässt. Gerade deswegen müssen digitale Medien und Technik in den Schulalltag integriert werden! Es ist doch so, dass eine Symbiose der digitalen mit der analogen Welt unsere Bildung auf ein neues Level heben könnte. Alternative Lernmodelle haben das Potenzial, den Ansatz von Lernen müssen in Lernen wollen zu transformieren.

Es gilt, die Jugendlichen da abzuholen, wo sie ohnehin sind: in der digitalen Welt. Wissensvermittlung vom Typ MOOCs (Massive Open Online Course), die an amerikanischen Universitäten schon Jahre Gang und Gäbe sind, werden künftig enorm gefragt sein. Längst entsprechen diese nicht mehr nur abgefilmten Vorlesungen sondern haben sich als festen Baustein der Bildungspolitik etabliert, erfordern eine Interaktion zwischen Studenten und Dozenten und werden selbstverständlich benotet.

Ein kleiner Tipp für diejenigen, die beim Lernen dann wirklich zu viel Stress empfinden: Holt euch einfach das von PsyGA (Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz) entwickelte E-Learning-Tool. Es soll herausfinden, ob ein Burnout vorliegt und verspricht Abhilfe. Online, versteht sich.

Martina Muff schreibt regelmäßig für den „Lautsprecher", der Branchenkolumne der strategischen Kommunikationsberatung UMPR, PR-Agentur aus Hamburg. Aus Expertensicht - aber ohne Tunnelblick - identifiziert und bewertet sie Trends und Entwicklungen aus Marketing und Kommunikation.

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