BLOG

Der Lautsprecher: Deutsche Sprache - schwere Sprache?

07/08/2015 12:24 CEST | Aktualisiert 07/08/2016 11:12 CEST
JOHN MACDOUGALL via Getty Images

Wer Ende Juli aufmerksam die Hamburger Lokalpresse verfolgte, kam um eine Meldung nicht herum: „verheerende" Ergebnisse bei einem Routinetest im Fach Deutsch. Gymnasiasten der 10. Klasse waren mehrheitlich nicht in der Lage, zwölf versteckte Fehler in einem gerade mal 2.000 Zeichen langen Text zu identifizieren. Die Trefferquote: 40 Prozent. Schwarz auf weiß.

Es liegt nahe, dass dieses katastrophale Resultat den Auftakt einer breit angelegten Diskussion bildet: Wer trägt die Schuld? (Eine ohnehin stets beliebte Frage in allen Lebenslagen.) Handelt es sich hier um einen klaren Fall schlechter Unterrichtsqualität oder um einen erbärmlichen Leistungsstand der Schüler selbst? Fest steht, die Orthografie lässt zu wünschen übrig. Dabei unterziehen sich in keinem anderen Bundesland mehr Kinder und Teenager einer Sprachtherapie. So verzeichnete die Techniker Krankenkasse unlängst, dass sich 14 Prozent der Jugendlichen Rezepte verschreiben ließen.

Doch wie kommt dann ein Notenschnitt von 3,7 bei den 68 teilnehmenden staatlichen und privaten Hamburger Gymnasien zustande? Liegt es etwa an der Digitalisierung inklusive der damit einhergehenden Veränderung unseres Sprachkonsums und

-gefühls? An den zig eingedeutschten Anglizismen? An den Feinheiten und zahlreichen Stolpersteinen der deutschen Rechtschreibung?

Letztere musste übrigens ganz schön einstecken. Bevor sie vor exakt 10 Jahren, am 1. August 2005, in 14 Bundesländern (Bayern und Nordrhein Westfalen folgten erst 2006) reformiert in Kraft treten konnte, hatte sie schon einen langen, beschwerlichen Weg hinter sich. Alles solle klein geschrieben werden forderten damals die einen, die anderen sträubten sich gegen jede kleinste Veränderung - verärgerte Schriftsteller und streikende Verlage inklusive. Es wurden Volksentscheide durchgeführt und gar das Bundesverfassungsgericht ersucht.

Dabei sollte mit ihr doch alles einfacher werden.

Ging leider nach hinten los, denn fast 80 Prozent der Deutschen (darunter auch die Hamburger Gymnasiasten) wissen laut einer vom Institut für Demoskopie Allensbach im Jahr 2008 durchgeführten Studie nicht mehr, wie sie schreiben sollen.

Groß, klein, zusammen, getrennt, Parallelschreibungen - irgendwie geht einfach alles. Sofern die „neue" deutsche Rechtschreibung überhaupt noch jemanden interessiert. Müssen wir etwa dem Verfall der mit 100 Millionen Muttersprachlern stärksten Sprache Europas vorbeugen?

Wer hätte das gedacht? Unterrichtet wird Deutsch an Schulen und Hochschulen in 144 Ländern weltweit (darunter ist sogar Nordkorea), floriert momentan in Israel und vertrocknet wie eine welke Blume in Deutschland selbst. Im Land der Dichter und Denker.

Dass unser Sprachsystem neben anspruchsvoller Grammatik noch zahlreiche Regeln und Ausnahmen bereithält, beanstandete bereits Mark Twain in „Die schreckliche deutsche Sprache." Dass allerdings kaum mehr jemand auf vollständige Sätze, ja gar Wörter, in SMS und Whatsapp-Nachrichten achtet (und diese auch nicht mehr erwartet!), ist schade.

So schaden SMS und Co. unserem Sprachgefühl

Natürlich müssen Sorgfalt und Ausführlichkeit dem Tempo, in welchem wir unseren täglichen Tagesablauf bewältigen, ihren Tribut zollen: direktes Antworten auf Nachrichten, Autocorrect und kleine Tasten auf den Mobile Devices. Parallel dazu frönen Jugendliche in den sozialen Medien ihrer eigenen Auffassung von Rechtschreibung. Verkürzte Aussagen, ergänzt mit vielen Emoticons, sind ihnen in Fleisch und Blut übergegangen.

Da fragt man sich doch, ob der Vorschlag von CSU-Politiker Hans Zehetmaier, Kindern solle der Zugang zu iPad, Twitter und WhatsApp erst ab 14 Jahren gewährt werden, tatsächlich ernst gemeint ist. Als ob die Verweigerung des begehrten „Ursachenherds" das Begehren selbst eliminieren würde?!

Sollte nicht eher an Schulen darauf geachtet werden, die deutsche Sprache wieder mit Leben zu füllen und die Begeisterung dafür zurückzuholen? Den Kindern beizubringen, ihren - teilweise durch Smartphones und Tablets noch vergrößerten - Ideenreichtum auch auf Papier kreativ darzustellen? Mit einem grundsätzlichen Wortschatz von etwa 75.000 Wörtern und geschätzten 500.000 Wörtern in der Alltagsprache (Quelle: Duden), haben wir doch unzählig viele Möglichkeiten, unsere Aussagen schön zu verpacken.

Wir können es uns sogar leisten, jedes Jahr mithilfe des Langenscheidt-Verlags und einer fachkundigen Jury das Jugendwort des Jahres zu küren. Nach „Babo" 2013 und „Läuft bei dir" 2014 wurde nun vorletzte Woche die Liste für 2015 veröffentlicht. Von den 30 Begriffen ist allerdings (zum ersten Mal in der Geschichte) einer unverzüglich wieder gestrichen worden: Alpha Kevin. Soll stehen für „Der Dümmste von allen".

Natürlich ist es nicht schön, wenn ein Name als Synonym für Dummheit unter Jugendlichen etabliert wird. Doch so wie die Jugendlichen, entwickelt sich eben auch die Jugendsprache selbst weiter. Sie lebt! Sie ist kein statisches Konstrukt, sondern passt sich den vorhandenen Lebensumständen an. Sie muss nicht vor dem Verfall bewahrt werden - ihr reicht es schon, wenn sie bisweilen mehr Anerkennung erfahren würde.

Lesen Sie auch:

Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Video:Sprache: 15 Worte, die wir leider nicht mehr benutzen

Hier geht es zurück zur Startseite