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Der Lautsprecher: Die Zeit, die Zeit.

03/07/2015 16:34 CEST | Aktualisiert 03/07/2016 11:12 CEST
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Schaut man in diesen Tagen auf der Website der Krautreporter vorbei, sticht einem sofort die Frage „Bleibst du Krautreporter?" ins Auge. Groß prangt sie ganz oben auf der Seite. Scheint wichtig zu sein. Ja, was ist da passiert? Das vor fast einem Jahr mit großem Tohuwabohu und höchst (szene-)medialem Klimbim gestartete erste Crowdfunding-Projekt im deutschen Journalismus ist - leider! - gescheitert.

Im Kollektiv zogen die 30 Krautreporter los, um den Online-Journalismus zu retten. Mit gründlich recherchierten, exklusiven und unabhängigen Texten sollte eine Leserschaft bedient werden, die diesen Qualitätsjournalismus zu schätzen weiß. Das Projekt hätte zur Messlatte für den gesamten künftigen Online-Journalismus werden können.

Hätte.

Knapp eine Million Euro haben die KR während der Finanzierungsphase zusammengetrommelt. Ein Leuchtturmprojekt, ein Experiment, dem sich letztendlich über 18.000 Mitglieder angeschlossen haben.

Der Plan: Jeder zahlt 5 Euro pro Monat, darf Inhalte mitbestimmen und das ganz ohne Werbeanzeigen - unkonventioneller Paid Content. Toller Ansatz, der leider nicht ganz aufgegangen ist. Zumindest nicht wie gedacht.

"In ihrer Abneigung gegenüber klick-optimiertem Journalismus hat die Krautreporter-Führungsriege offensichtlich Reichweite mit Relevanz verwechselt", äußert sich HORIZONT-Chefredakteur Volker Schütz sichtlich enttäuscht. Ihm und Ex-KR Stefan Niggemeier zufolge fehlte die führende Hand einer Chefredaktion. Kritiker bemängelten immer wieder die von den Krautreportern selbst gesteckten Ziele und Erwartungen, die niemals erreicht wurden.

Und jetzt?

Die Krautreporter-Bleiber buhlen mit einem Video um neue Mitglieder und Miteigentümer. Wanted: Investoren, die mit dem Kauf eines Mini-Anteils die Umwandlung in eine Genossenschaft möglich machen. Aufgeben ist nicht. Auf das Mantra des Chef-Krautis Sebastian Esser „Zeit für Journalismus" möchte man jetzt ein „Kommt Zeit, kommt Rat" oder auch ein „Zeit heilt alle Wunden" erwidern. Nur ein „Alles hat seine Zeit", das wünschen wir ihm nicht.

Apropos Zeit.

Apple hat die Zeichen der Zeit erkannt. Mal wieder. Der vom Börsenwert her weltgrößte Technikkonzern findet jetzt, es wäre an der Zeit für ein bisschen Privacy. Hört, hört. Das ab Herbst verfügbare iOS 9 bietet deswegen neben hacking-resistenteren 6-stellingen Lock-Codes weitere Sicherheitseinstellungen für iPhone- und iPad-User.

So wird Werbetreibenden quasi der Riegel vorgeschoben: Wo User bisher anhand der bereits downgeloadeten Apps etwa relevante App-Vorschläge bekamen, wird es künftig schwer(er) werden, maßgeschneiderte Werbeanzeigen zu schalten.

Darf's noch ein bisschen mehr sein?

Doch damit nicht genug: Noch mehr Privatsphäre! Im Safari-Browser können Anzeigen künftig komplett blockiert werden. Gerade das bedeutet aber doch den Wegfall eines entscheidenden Parts des Erlösmodells für Werbetreibende und Verlage!

Apple möchte dazu nichts sagen, schließlich weiß doch jeder: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold." Denn (das Skurrile daran): Mit der Medienbranche möchte es sich das IT-Unternehmen momentan eigentlich nicht verscherzen. Weshalb? Na, weil neben Google und Facebook natürlich auch Apple unbedingt seine News-App auf Vordermann bringen möchte. Zeigt sich da etwa ein Nachbarschafts-Wettstreit? Wie dem auch sei, genau deswegen stellt Apple neuerdings Journalisten ein. Top-Journalisten. Eines der Einstellungskriterien: einen Riecher für Breaking News haben. Arbeiten beim Apple-Verlag, herrlich. Ob da der News-Wert ebenso definiert wird wie bei traditionellen Nachrichtenhäusern? Oder bestimmen den dann soziale Indikatoren wie Anzahl der Likes, Shares und Kommentare? „Kommt Zeit, kommt Rat" - passt auch einfach überall.

Ob sich der ein oder andere Ex-Krautreporter in Apple-Valley wohl fühlen würde? Wenn schon nicht wegen der großartigen Geschichten, dann vielleicht wegen der Vergütung. An mangelndem Support dürfte es da nämlich nicht fehlen.


Martina Muff schreibt jeden ersten Freitag im Monat für den „Lautsprecher", die Branchenkolumne der strategischen Kommunikationsberatung UMPR, PR-Agentur aus Hamburg. Aus Expertensicht - aber ohne Tunnelblick - identifiziert und bewertet sie Trends und Entwicklungen aus Marketing und Kommunikation.



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