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Die deutsche Großzügigkeit in der Flüchtlingspolitik

30/08/2015 10:26 CEST | Aktualisiert 30/08/2016 11:12 CEST
Matthias Rietschel via Getty Images

Wie können Deutsche so großzügig bei der Aufnahme von Flüchtlingen in Europa sein? Deutschland wird ungefähr eine Million Flüchtlinge aufnehmen, vor allem Menschen aus Syrien. Syrer: Menschen, die größtenteils kein Deutsch sprechen und deren Kultur so vollkommen anders ist. Menschen, die niemals in einer Demokratie gelebt haben und gegenwärtig absolut mittellos und verzweifelt sind.

Eine Million Flüchtlinge aufzunehmen, ist wie eine Million Arbeitslose aufzunehmen, die keine Ausbildung in Ihrem Land genossen haben deren Fähigkeiten gemeinhin nicht den Anforderungen Ihres Arbeitsmarktes entsprechen. Was also bewegt die Deutschen dazu, diese Flüchtlinge aufzunehmen?

Enormer Druck

Denn so wie ich es sehe, übt nicht jeder solch enormen Druck zugunsten der Aufnahme dieser Menschen aus. In Deutschland ist es gegenwärtig tatsächlich eine beliebte Maßnahme, syrische Flüchtlinge aufzunehmen, während Großbritannien und andere Länder sie eher aus dem Land jagen. Außer Schweden will sie sonst niemand. Hier ist also meine Theorie dazu:

Ich bin kein Deutscher, aber meine Qualifikation liegt darin, dass ich eine deutsche Familie sowie viele deutsche Freunde habe, und Mitglied zweier deutscher Unternehmensvorstände bin, Axel Springer und Arago.

Das Holocausttrauma

Der Holocaust ist für die jetzige Generation deutscher Führungspersönlichkeiten ein furchtbares Trauma. Genauso wie die heutige israelische Führung erschrocken darüber ist, dass die Juden sich nicht gewaltsam ihren Weg aus dem Holocaust erkämpft haben und als Ergebnis dessen grundlos gewalttätig reagieren, sobald sie von den Hamas oder Hisbollah angegriffen werden.

In ihrem Verhalten ist die deutsche Führungsspitze ebenfalls durch den Holocaust beeinflusst, aber auf vollständig umgekehrte Art und Weise. Die Deutschen reagieren mit außerordentlicher Höflichkeit. Wie konnten unsere Eltern und Großeltern unzählige unschuldige Menschen töten, hauptsächlich Juden, Millionen von ihnen? Das fragen sich die Deutschen noch heute. Nicht nur die Juden, die Opfer, sind traumatisiert durch den Holocaust. Gleiches trifft auf die Täter zu.

Der IS

Für die Deutschen ist es heutzutage unmöglich, zu verstehen, warum ihre Vorfahren den Holocaust verübt haben. Mit dieser Situation im Hinterkopf denke ich, dass in der Psyche der Deutschen - wenn Sie über den IS und sein Verhalten lesen - automatisch der IS mit der nationalsozialistischen Partei verknüpft wird. Und das ist nicht einmal abwegig. Der IS ist so brutal und diktatorisch, dass er quasi wie eine islamische Version der Nazis ist.

Für viele Deutsche sind die Syrer jetzt die neuen Juden, was paradox ist - und wir vergessen hier einmal, wie die Syrer über die Juden denken (ich erinnere mich daran, dass ich nach Syrien gekommen bin und unter dem Verdacht, Jude zu sein, festgenommen wurde. Ich musste lügen, um wieder aus der Haft entlassen zu werden). Die Deutschen empfinden mehr Sympathie für deren Notlage als andere europäische Nationen. Und diesmal werden sie sie vor dem Holocaust beschützen.

Sympathie für die Opfer

Die gegenwärtige Generation der Deutschen wuchs mit Sympathie für die Opfer auf, sodass man ihnen durch die Syrer eine Möglichkeit gibt, die Massentötung an Unschuldigen aufzuhalten. Und während diese Entscheidung zweifellos zu Problemen führt, weil die Deutschen wahrhafte Romantiker sind (ich weiß es, weil ich mit einer verheiratet bin), ziehen sie es durch, ohne viel darüber nachzudenken. Sie werden mehr von Gefühlen als von Rationalität angetrieben.

Es ist ähnlich wie mit Ostdeutschland, dem man eine 1-zu-1-Umrechnung gewährt hat - ein Schritt, der die deutsche Wirtschaft für ein Jahrzehnt niedergedrückt hat und dennoch hat es niemand bereut. Paradoxerweise verweigern nun viele Ostdeutsche, die einst selbst von der westdeutschen Großzügigkeit profitiert haben, die Aufnahme von Flüchtlingen.

Das schließt-die-Tür-Syndrom

Es ist das „Ich bin drin, also schließt jetzt die Tür"-Syndrom. Aber abgesehen von einigen Ostdeutschen, finde ich es gut, eine starke Nation zu sehen, die empfänglich für das Leid anderer ist. Und während es aus politischer Sicht eine Einladung für Spannungen ist, bewundere ich die Deutschen noch immer, dass sie diese Flüchtlinge aufnehmen. Und ich denke vielmehr, dass am Ende die Höflichkeit funktionieren kann.

Deutschland besitzt niedrige Arbeitslosenzahlen und eine unfassbar niedrige Geburtenrate. In Deutschland ist Bildung kostenlos und junge Menschen können lernen. Ich bin optimistisch, dass Deutschland sowohl helfen kann, als auch durch diese Entscheidung am Ende Erfolg haben wird.

Dieser Blog ist ursprünglich bei der Huffington Post USA erschienen und wurde von Ramona Biermann aus dem Englischen übersetzt.


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