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Lassen Sie mich durch - oder ich leg Sie um!

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Ich sage es Ihnen ganz direkt: Ich hab die Schnauze voll vom Literaturbetrieb. (Das vorweg: Ich bin mir bewusst, wie prätentiös direkte Lesersprache ist. In diesem Fall lohnt es sich. Ich versprech's.)

Ich habe die Schnauze voll von Debatten darüber, wie kraftlos, satt und bieder die deutsche Gegenwartsliteratur ist. Ich hab die Schnauze voll von den Autoren meiner Generation, deren Protagonisten auf den Spuren der toten Mutter sich selber finden und sich an den von den Nazis ermordeten Großvater erinnern. Von Mutterbüchern, die im Sommer spielen und deren Einband mit Blumen verziert sind, von „Großvater erzählt uns was vom Krieg"-Büchern, die natürlich im verschneiten Winter spielen, mit dunklem Einband. Da wird einem so kalt, dass man zwei Decken braucht, wenn man es mit einer Tasse Tee und Blick auf den Regen liest.

Aber noch mehr habe ich die Schnauze voll von den großen (Publikums-) Verlagen, die diese Bücher und ihre Themen drucken und sie damit zur - sarkastische Anführungszeichen - „deutschen Gegenwartsliteratur" machen.

Es gibt eine deutsche Gegenwartsliteratur, aber sie findet nicht statt in diesen Verlagen, in denen es spätestens seit dem ebook noch klüngeliger, mauscheliger und seilschaftiger zugeht. Ist ja auch verständlich: Die Verlage wollen Bücher verkaufen, kann ich verstehen. Will ich ja auch. Welcher Schriftsteller will das nicht?

Aber: Mein ehemaliger Kommilitone, Teilzeittrink-Kumpan und heutiger Facebook-Freund Florian Kessler schrieb Ende Januar in der ZEIT, dass man eben nur Zugang zu dieser elitären Welt bekomme, wenn man dazu gehört: bürgerliche Akademiker unter sich betreiben Literatur in einer Welt, die „sich vor allem dadurch definiert, dass die allermeisten Schreibenden niemals andocken können." Und er hat Recht.

Nur erwähnte er nicht, wer sie sind: die, die niemals andocken können. Es sind - Überraschung! - genau die Autoren, die ein Gegenangebot dafür machen, wie deutsche Gegenwartsliteratur aussehen könnte. Veröffentlicht bei kleinen oder Indie-Verlagen, mit Geschichten aus dem Prekären, dem Beschmutzten, mit Gewalt, dem schweren Geschmack von Eisen im Mund, weil man gerade eine Faust in die Zähne bekommen hat.

Und ich habe die Schnauze voll davon, dass diese Autoren hinten runter fallen. Autoren wie der in Österreich geborene deutsche Schriftsteller André Pilz, in dessen Texten es immer um den Rand der Gesellschaft geht, das Brüchige, Splitternde, das Kaputte: Um den Skinhead, der sich in eine mexikanische Studentin verliebt. Um die in Deutschland lebende Lateinamerikanerin, die zur Prostitution gezwungen wird. Um den Dachdecker, der nach einem Unfall arbeitsunfähig ist und sich Geld leihen muss, das er zurückzahlt, in dem er Gras schmuggelt. Um das Flüchtlingsdorf nach einem GAU in einem deutschen Kernkraftwerk.

Und ich habe die Schnauze voll davon, dass was in Filmen seit Jahrzehnten und in vornehmlich US-amerikanischen Serien seit Jahren nicht nur funktioniert, sondern auch gehypet und gefeiert wird, im deutschen Literaturbetrieb nicht stattfindet. Ich habe die Schnauze voll davon, dass es kein deutsches Buch im Stil von Breaking Bad gibt. Wo ist Hank Moody - Protagonist der Serie Californication - in Buchform? Der fickt, säuft und kifft und dabei doch eigentlich nur seine große Liebe zurück will? Warum erscheinen die deutschen Autoren, die sich Texte im Geiste von Bukowski oder Hunter S. Thompson erlauben, alle bei Kleinst- und Indie-Verlagen? Und wo ist das Feuilleton, das dann nicht mit überheblichem Genöle à la „Das war doch alles schon mal da!" um die Ecke biegt?

Lino Wirag, alter Hildesheimkumpel, heute allerdings vornehmlich Autor und Illustrator, schrieb letzten Montag in der taz vom „kleinen Nick" und der „Schriftstellerschule": „Der Herr Direktor hat (...) mit so ganz komischer Stimme gesagt, dass wir unsäglich peinlich und faul und selbstbezogen sind, und dass unsere Parallelklasse aus Amerika die Aufgabe mit dem großen Gegenwartsroman sofort verstanden hat, und dass dort alle eine Eins bekommen haben."

Und er hat Recht: Ich habe die Schnauze voll davon, dass die USA vormachen, wie es geht, die grauen Herren des intellektuell verbrämten Literaturbetriebs es aber einfach nicht zulassen. Als ob wir immer noch in den Fünfzigern lebten, wird an E und U festgehalten, an Schubladenbegriffen. Das ging Benjamin von Stuckrad-Barre und Christian Kracht in den Neunzigern so, als für sie die Schublade „Popkultur" oder „Popliteratur" erfunden wurde. Und jetzt ist die deutsche Gegenwartsliteratur eben satt, bieder und kraftlos. Was für ein verdammter Bullshit.

Denn es gibt sie, die ernstzunehmende junge Literatur der Gegenwart. Autoren zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig, die sich Geschichten und Stil erlauben, wie es sonst nur Quentin Tarantino, Guy Ritchie, Martin McDonagh oder Vince Gilligan tun. Die ihre Figuren in Schauplätze und Handlungen hineinsetzen, die profitieren durch dieses Mehr an Realität, Authentizität - und damit auch an Gegenwart. Die auch mal wie ein B-Movie daherkommen, in dem gefickt und gekifft wird. Und in dem man cool monologisiert, bevor man jemanden umlegt. Geschichten, die deswegen aber nicht weniger Literatur sind.

Ich habe so die Schnauze voll von diesem ewiggestrigen Elitarismus, der Geschichten von unten verhindert - oder sie zumindest in die Peripherie verbannt: Wo zwar Hingabe und Idealismus vorhanden sind, gute Geschichten in schöne Bücher zu verwandeln, aber leider einfach das Geld für Werbung und Rezensionsexemplare fehlt. Beides bedeutet: keine Leser. Keine Lesungen. Keine Interviews, keine Talkshows. Und es bedeutet, keine Bücher zu verkaufen.

Noch bedeutet, bei einem Kleinst- oder Indie-Verlag zu veröffentlichen, dass man nicht wahrgenommen wird und folglich nicht zur deutschen Gegenwartsliteratur gezählt wird. Denn natürlich ist Literatur nur das, was im Fokus der Öffentlichkeit stattfindet. Der Betrieb, ein Familienfest bürgerlichen Inzests. Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, dass ich auch davon die Schnauze voll habe.

Auch meine beiden bisherigen Bücher sind bei einem Indie Verlag erschienen, dem Leipziger Birnbaum Verlag. Und es ist so sicher wie der Kindesmissbrauch in der Kirche, dass mir nach diesem Text vorgeworfen werden wird, was Harald Martenstein auch Maxim Biller nach dessen Kritik an der deutschen Gegenwartsliteratur vorwarf: „Wenn der Ersatzstürmer des FC Augsburg aufsteht und Mesut Özil vorwirft, er spiele Onkel-Tom-Fußball, macht der arme Kerl sich lächerlich."

Und wenn ich nur dafür wahrgenommen werde, mich zu beschweren - auch gut. Denn vielleicht ändert sich dadurch etwas. Obwohl ich nicht daran glaube.