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Warum Tränen im Parlament nichts nützen

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Susanne Gaschke, die zurückgetretene SPD-Oberbürgermeisterin von Kiel, hätte es besser wissen müssen. Ihr (wortwörtlicher) Fall kann zwar jedem passieren, der sich über seine eigene Wirkung nicht im Klaren ist. Doch Frau Gaschkes Fall hat eine gewisse Tragik, die jedem, der in eine ähnliche Situation kommen sollte, als warnendes Beispiel dienen sollte.

Folgendes ist passiert: Ein Steuerdeal mit einem Augenarzt ist ihr zum Verhängnis geworden. Sie hat sich weder bereichert, noch in irgendeiner anderen Weise persönlichen Vorteil gesucht. Dennoch hat sie als Oberbürgermeisterin dem Mann zum Ärger vor allem der Opposition ein paar Millionen Steuern erlassen. Sie tat es zum Wohl des Landes, sagte sie. Dass sie tatsächlich Fehler begangen hat, die nach neuesten Erkenntnissen sogar rechtswidrig waren, ist sehr wahrscheinlich. Fatal jedoch ist, dass sie die Gruppe ihrer Feinde ständig unterschätzt hat.

Höhepunkt ihrer Rhetorik der Rechtfertigung war ihre Rede im Kieler Landtag, die ihre Kritiker von ihren redlichen Absichten überzeugen sollte: Kieler Nachrichten

Der Fehler: In den acht Minuten ihres Auftritt warb sie zwar mit guten Argumenten, aber mit einer ständig brüchigen, fast wehleidigen Stimme. Es schien, als ob Frau Gaschke Mühe hatte, ihren sich bahnbrechenden Heulkrampf zu unterdrücken.

Gegen Emotion als Mittel der Überzeugung ist nichts zu sagen. Und auch Tränen sprechen eine klare Sprache - allerdings nur bei Trauerfeiern. Zu glauben, dass man ein Publikum, das einem ohnehin nicht freundlich gesonnen ist, durch eine Gefühlserregung überzeugen kann, die eher Mitleid als Verständnis hervorruft, ist aber ziemlich blauäugig.

Mag sein, dass Frau Gaschke gar nicht anders konnte. Doch ihre Stimme bricht vor dem zweifellos bedrückten Publikum so oft weg, dass der Verdacht aufkommt, die Tränen sind hier nicht Ausdruck von Verzweiflung, sondern eher ein bewusst eingesetztes Mittel der Überzeugung.

Ob Absicht oder nicht: Diese Rede, im Grunde eine einzige Anklage, konnte gar nicht funktionieren. Die Zuhörer in einem solchen Fall für sich zu gewinnen, gelingt nur dann, wenn der Redner sich zunächst in sein Publikum einfühlt und es nicht sofort niedermacht; wenn er mit geradem Kreuz zu seinen Fehlern steht, ohne mit dem Zeigefinger fast im gleichen Atemzug auf die Fehler der anderen zu verweisen. Dann kann er die Gemüter durch eine souveräne Haltung langsam für sich gewinnen und zu neuen Argumenten führen, die allen Seiten gefallen.

Schade, dass niemand Frau Gaschke vorher gewarnt hat.