BLOG

Roman Herzog ist der beste deutsche Redner 2014

16/09/2014 11:37 CEST | Aktualisiert 16/11/2014 11:12 CET
Getty Images

So ist das dann - man redet das ganze Leben auf allen Podien dieser Welt und am Ende dieses Lebens bleibt von der unglaublichen Kraft eines Redners doch nur ein einziger Auftritt, eine einzige Rede, ja möglicherweise nur ein Satz oder ein Wort übrig.

So war das bei Martin Luther King (I have a dream), so wird's bei Obama sein (Yes, we can) und so ist das bei Roman Herzog: Am 26. April 1997 sprach er als damaliger Bundespräsident den Zuhörern im Hotel Adlon ins Gewissen, forderte allerlei Veränderungen, aber motivierte sie auch, dass alles schon gelingen werde, wenn die Menschen denn auch wollten, und dass es noch nicht zu spät sei, allein: „Durch Deutschland muss ein Ruck gehen", fügte er dann recht schnelllippig auf Seite 11 seines zwölfseitigen, dicht beschriebenen Redemanuskripts hinzu.

Sein eindrucksvolles Plädoyer für einen gesellschaftlichen Wandel in Deutschland ging schließlich als Ruck-Rede in die Geschichtsbücher ein - und wurde zum ewigen Markenzeichen Herzogs.

An drei Dinge glaubt Herzog nicht: an Kalorien, Vitamine und Demoskopie

Dass dieser Mann viel mehr bedeutet, als bedeutender Ruck-Redner zu sein, wurde nun wieder auf der Gala zur Verleihung des deutschen Rednerpreises im Bonner Maritim Hotel deutlich. Dort erhielt der 80-jährige Altbundespräsident als bester Redner 2014 den Preis mit dem gar nicht so deutschen Namen „German Speaker Award". Dass die Veranstalter, die German Speakers Association (GSA), keinen jüngeren gefunden haben, mag ein Armutszeugnis für die junge Generation sein, ist aber tatsächlich eine Hommage an einen Mann, der ein wahres Redner-Genie und regelrechtes Bildungswunder darstellt.

Kaum einem Redner der bisherigen deutschen Geschichte (und höchstens einem unter den Toten, nämlich Martin Luther) gelang es in seinem Berufsleben dermaßen gut, komplizierte Sachverhalte so genial zu vereinfachen, dass man sie selbst im komatösen Zustand verstanden hätte.

Mit 46 Jahren, in einem Alter, in dem bei anderen Politikern der Verstand mit langweiligen Parolen zu 90 Prozent verstopft ist, machte er freiwillig noch einmal seine Latein-Abiturprüfung - fürs Gedächtnistraining.

Sein Buch „Vom Überstaat zur Bürgerdemokratie" ist ein Meisterwerk demokratischer Selbstverständnisses und sollte Pflichtlektüre in der Schule werden. Und: An drei Dinge glaubte dieser Ex-Verfassungsrichter und Vorzeige-Demokrat nie: „An Kalorien, an Vitamine und an Demoskopie."

Mit Verstand und launigem Humor, ohne ins Entertainment abzurutschen

Auch in Bonn präsentierte er sich gewohnt unaufgeregt, gescheit und launig. Seine kurze Rede teilte er in zwei Hälften. „Im ersten Teil werden Sie hören, was Sie von einem, der einen Preis bekommen hat, erwarten können", sagte Herzog, nämlich den Dank. „Im zweiten Teil werde ich dann sagen, was Sie nicht erwarten können."

So dankte er zunächst der Jury. Dass er deren Mitglieder nicht beim Namen nennen konnte, sollte man ihm doch mit Rücksicht auf sein Alter verzeihen, meinte Herzog. Auch seinen Laudator, Ex-SWR-Intendant Peter Voß, der viele der besten Herzog-Zitate zuvor zum Besten gegeben hatte, lobte er: „Ich erinnere mich nicht mehr an alles, was Sie da aufgezählt haben und was ich da gesagt haben soll", sprach er zu ihm, „aber es klingt alles so, als ob ich es gesagt haben könnte."

Ein typischer Herzog-Satz mit der ihm typischen Launigkeit. Herzog gehört zu der seltenen Gattung Redner, die immer bereit ist, auch beim ernsthaften Sprechen sich und dem Publikum ein wenig Witz und Unterhaltung zu erlauben - ohne jemals ins Entertainment abzurutschen. Ähnlich launig zeigte er sich bereits bei seiner Antrittsrede als frisch gewählter Bundespräsident. „Ich danke allen, die mich gewählt haben und allen denjenigen, die mich nicht gewählt haben, wünsche ich, dass sie das eines Tages bedauern werden."

In Zukunft: Preis für den besten Nicht-Redner

Den zweiten Teil seiner Preisrede in Bonn hielt er angenehm kurz. Im Zeitalter der absoluten Geschwätzigkeit sei es im Grunde doch unzumutbar, dass man Redner auch noch mit einem Preis für ihre Auftritte belohne, sagte er. So schlug er vor, endlich einmal einen Preis auszuloben für denjenigen, der keine Rede gehalten habe.

Einziges Problem: „Es ist schwierig, im Nachhinein denjenigen zu finden, der zu einem bestimmten Zeitpunkt zwar in der Lage gewesen wäre, die entsprechende Rede zu halten, sie aber dann freiwillig doch nicht gehalten hat", sprach Herzog. Das Publikum johlte.

Applaus für den Preisträger.

Sponsored by Trentino