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Die Rhetorik des Schreibens: Warum sich Briefeschreiben lohnt

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BRIEF SCHREIBEN
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Niemals zuvor gab es so viel Kommunikation wie heute. Die Digitalisierung macht's möglich. Täglich verschicken und empfangen wir 205 Milliarden E-Mails. In vier Jahren werden es 236 Milliarden sein. Neben den 100 Milliarden Minuten, die wir im Jahr am Handy verquatschen, kommen Eintragungen auf Facebook, Linkedin und Twitter hinzu - Milliarden pro Tag. Nach dem Überlebensdrang ist wohl der Mitteilungsdrang der größte.

Nur was reden wir da eigentlich den ganzen Tag? Wie wichtig ist es? Hat es einen Nachklang, der uns berührt? Müssen wir so viel erzählen?

Einer Studie der University of Wyoming in Laramie zufolge lässt sich der durchschnittliche Tagesgehalt menschlicher Gespräche in zwei Sixpacks Konservendosen für Barbecue-Bohnen packen - fragt sich allerdings nur, wie das gemessen wurde und ob das nicht doch ein wenig übertrieben ist.

Was die Studie aber zum Ausdruck bringen möchte: Je mehr Kommunikationsmethoden dem Menschen zur Verfügung stehen, desto mehr kommuniziert er - unabhängig von der Notwendigkeit und Bedeutung des Gesagten. Zudem geht eines verloren: Die Idee, dass das Schreiben bisher immer auch ein Mittel der Selbstreflexion war, ein Instrument, um Gedanken zu ordnen und die Welt, die um einen wirkt, besser zu verstehen.

Ein Höhepunkt dieser Übung war viele Jahrhunderte lang das handschriftliche Briefeschreiben. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts erlebt es mit der Erfindung der elektrischen Schreibmaschine seinen allmählichen Niedergang. Mittlerweile stellt es im Alltag nicht mehr als eine Randnotiz dar.

Gefährliche Liebschaften

Seit der Antike galt die Briefschreiblehre als eine rhetorische Kunst. „Korrespondenz" bedeutete nach Cicero „das Gespräch von Freunden in Abwesenheit". Briefsteller waren später, im 12. und 13. Jahrhundert, hoch angesehene Berufe. Und auch noch im 18. und 19. Jahrhundert verlor der Brief nicht an seiner Popularität.

„Gefährliche Liebschaften", ein Briefroman von Choderlos de Laclos, gilt heute noch als ein Hauptwerk der französischen Literatur des 18. Jahrhunderts. Wie beim Bücherschreiben war es zwar immer sehr wichtig, sich auch beim Verfassen von Briefen gut ausdrücken zu können und die Sprache im Griff zu haben.

Doch die wichtigste Regel für den privaten Brief formulierte damals Christian Fürchtegott Gellert (1715 bis 1769): „Der Brief vertritt die Stelle einer mündlichen Rede, und deswegen muss er sich der Art zu denken, die in Gespräche herrscht, mehr nähern, als einer sorgfältig geputzten Schreibart."

Ein Künstlerleben in Briefen

Welche Tiefe und Welt Briefe über Jahrzehnte hinweg ins Heute transportieren können, hat jetzt erst wieder der Historiker Gert C. Lübbers bewiesen. Eher durch Zufall erfuhr er von einer ausgiebigen Korrespondenz, handschriftlich verfasst in deutscher Kurrentschrift, die die Familie um den Maler Wilhelm Jordan (1871 bis 1927) verfasst hatte.

Auf dem Dachboden eines Nachkommens der Jordans schlummerten bis ins Jahr 2012 in sieben Kästen Tausende von Briefen und Karten der Familie. Die Korrespondenz begann um 1840 und dauerte bis in die 1920er Jahre.

Mit diesen Briefen als Hauptquelle ist Lübbers nun ein genial erzähltes Buch über die Künstlerszene in Kaiserreich und zu Beginn der Weimarer Republik gelungen. Der Titel: „Auf der Horizontlinie - der Berliner Künstler Wilhelm Jordan"

Jordan zeigt sich in seinen Briefen als reflektierter, einfühlsamer wie auch ehrgeiziger Künstler, der vor allem eins werden will: „Ich will Maler werden mit Leib und mit Seele und mit Fleiß und mit ganzer Hingabe. Ich will nie studieren und mich später auf ein Bureau setzen. Ich würde dort verkümmern".

Lübbers gelingt es, aus Brief-Zitaten und historischem Wissen die Hoffnungen und Dramen des jungen Jordan sehr plastisch zu beschreiben - auch in seiner künstlerischen Zuwendung zu Max Liebermann. Zudem entwickelt Lübbers eine gesamtgesellschaftliche Analyse einer schon oft beschriebenen Zeit - gespiegelt an dem Schicksal des hoch talentierten Jordans. Gerade das macht das Buch so lesenswert.

Wer Briefe schreibt, der bleibt

Als Maler ist Jordan heute nur wenigen bekannt. Zwar veröffentlichte er Zeichnungen und Grafiken in damaligen, für die Kunst typischen „Medienkanälen" wie „Die Blätter für die fröhliche Kunst" oder der Kunstzeitschrift „Pan". Doch seine Gemälde gelten überwiegend als verschollen.

Teilweise gibt es sie noch in Privatbesitz. Einige wenige hängen im Leipziger Museum für Bildende Künste. Letztlich ist es aber seinen Briefen und den Briefen seiner Familie zu verdanken, dass er nicht in Vergessenheit gerät.

Der Untergang der Briefkultur ist wohl kaum aufzuhalten - schon gar der handschriftlichen. Erste Menetekel deuten sich in Finnland an. Dort fällt die Schreibschrift ab 2016 ganz aus dem Lehrplan. Dass es im Internet nun Anbieter für Online-Kurse wie „Die Kunst des Briefeschreibens" oder „Vom Sinn des Briefeschreibens" gibt, mutet grotesk an.

Wie geht es also mit dem Briefeschreiben weiter?

Das Wahrscheinlichste wird sein, dass es sich als Geheimtipp für Schreibliebhaber erhält. Also für einen kleinen Kreis von Menschen, die genießen können und wollen. So wie Whisky-Liebhaber. Robert Burns, Schotte und Schriftsteller, über den es heißt, seine „Briefe zeigen eine Reinheit und Leichtigkeit des Ausdrucks, eine Eleganz, Mannigfaltigkeit und Kraft", adelte sein Lieblingsgetränk einst so: „Freiheit und Whisky gehören zusammen."

Für viele gehörten Freiheit und Schreiben sicher auch zusammen. Und für manche bestimmt auch Schreiben und Whisky.

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