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Rhetorik des Bartes: Der Altgermane im modernen Mann

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BART
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Männer, die richtige Männer sein wollen, tragen heute Vollbart. Grund genug zu erklären, woher es kommt, dass Männer glauben, mit Bärten besser auf Kaperfahrt gehen, Weiber lieben und Branntwein trinken zu können.

Nach altgermanischer Vorstellung galt der Bart als wichtigster Teil des Männergesichts. Beim Barte wurde geschworen. Nur der Freie durfte ihn tragen. Knechte und Gefangene hingegen wurden geschoren. Wer dem Herrn „um den Bart ging", also dem Zeichen seiner männlichen Würde schmeichelte, wollte ihn ehren - daher heute der Ausdruck: Wenn man einem mit der Hand um den Bart geht, will man ihn umschmeicheln. Wer sich damals den Bart unbeschnitten wachsen ließ, war meist in Trauer. Oder er schwor sich, den Bart so lange nicht zu schneiden, bis ein bestimmter Wunsch in Erfüllung gegangen war. Ein Ritual, das heute beim Nachfolgesport der altgermanischen Kampfspiele, nämlich dem Fußball, sehr beliebt ist.

Und noch eine haarige Geschichte: Weil sich früher die Gelehrten nicht über die recht sinnlose Frage einig werden konnten, welche deutschen Kaiser einen Bart getragen hatten und welche nicht, sprechen wir heute von „um des Kaisers Bart streiten", wenn wir über eine belanglose Sache stundenlang diskutieren. Sicher ist, dass Kaiser Wilhelm der I. (1797 bis 1888) Vollbart trug. Von diesem haarigen Prachtstück hatte sein Enkel, Kaiser Wilhelm II., die Nase gestrichen voll. „So'n Bart", dachte er sich und schnitt ihn sich ab - bis auf den Schnurrbart. „Soldaten tragt den Bart, nach des Kaisers Art!" hieß es fortan. Und so hat noch heute etwas einen langen Bart, wenn es als veraltet gilt.

Der Herrendutt als Nachfolger des preußischen Pickelhelms

Dass die Vollbartmänner des Jahres 2014 auch wieder ihre feminine Seite entdecken wollen, zeigen sie mit ihrem „Herrendutt". Möglicherweise wollen sie aber auch noch wilder dadurch wirken: Der römische Schriftsteller Tacitus berichtet von den Kriegern des germanischen Stammes der Sueben. Diese kämmten sich die Haare seitwärts und banden sie auf dem Scheitel zu einem Knoten hoch, dem sogenannten Suebenknoten - eine Art Vorläufer des preußischen Pickelhelms. Sie wollten dadurch im Kampf größer und eindrucksvoller wirken.

Diese Wirkung scheint heute außer bei einem gewissen Zlatan Ibrahimovic verpufft. Nur 20 Prozent der befragen Frauen von heute finden den Herrendutt sexy. Damit fällt die Prognose über sein Fortbestehen nicht schwer: Beim Herrendutt wird der Bart bald ab sein.

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