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Die Rhetorik des offenen Hemdkragens

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VAROUFAKIS
Getty
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Gebrüllt hatten sie ja bereits gut. Hören wollte sie aber deswegen keiner. Erst als Alexis Tsipras und Yanis Varoufakis ihre Hemdkragen öffneten, standen vor allem Europas Etiketten-Hüter Kopf. Der hochverschuldete und dann auch noch krawattenlose Hellene - ein Affront! Dabei taten die beiden neugriechischen Polit-Romantiker nichts anderes als schon die alten Römer, wenn diese mit dem Rücken zur Wand oder besser gesagt zur Säule standen: durch Formenbruch provozieren.

Schon vor 2000 Jahren war „Mode" (vom Lateinischen „Modus") ein Begriff für die Art, sich so zu zeigen, wie es von einer bestimmten Gruppe von Menschen als zeitgemäß empfunden wird. Damals galt die Toga, ein aus etwa sechs Meter langem Stoff bestehendes Luxuskleid, als Dress Code für wichtige Anlässe. Die Toga hatte einen sehr hohen gesellschaftlichen Stellenwert.

Wenn damals beispielsweise ein Konsul, der höchste römische Staatsbeamte, seinen Untergebenen, den sogenannten Prätor, entwürdigen wollte, ließ er ihm die Toga zerreißen. So einfach war das, wenngleich auch etwas schroff - ein Verfahren, das stark an den rheinisch-karnevalistischen Brauch des Krawattenabschneidens erinnert.

Natürlich demonstrieren Tsipras und seine Jungs mit ihren Schlips-Boykott nichts anderes als Sturm und Drang und Anderssein. Sicherlich wäre es politisch einfacher gewesen, sie spielten statt mit offenem Hemdkragen besser mit offenen Karten. Dass Männer mit fehlenden Bindern aber - wie Josef Joffe von der Zeit glaubt - den Untergang des Abendlandes bedeuten, ist Unsinn. Kurzfristig krawattenloses Taktieren kann sogar sehr erfolgreich sein. Das zeigt ein kurzer Blick in die Geschichte:

1. Selbsterklärte Freigeister tragen das Hemd immer offen. Friedrich Schiller (1759 bis 1805) hat das wohl am besten vorgemacht. Zu seiner Zeit waren Halstücher Mode. Doch der Dichter weigerte sich. Sein Glück! Denn auch wenn viele heute sein Werk nicht kennen, seinen Kragen kennen sie alle: den breiten, über die Jacke getragenen Hemdkragen - auch Schillerkragen genannt.

2. Joschka Fischer lässt sich 1985 schlipslos und im Sakko zum Umweltminister von Hessen vereidigen - ein optisch-politisches Bekenntnis. Und eine Provokation. Damals wichtig, später aber kein Problem. Der Mann ist bis heute der wohl beliebteste deutsche (Ex-)Außenminister.

3. Im Juli 1990 empfängt Helmut Kohl in der Strickjacke den Sowjet-Präsidenten Michail Gorbatschow. Der kommt im Pullover. Der Rest ist Geschichte.

4. 1998 reißt sich Prinz Klaus, Ehemann der damaligen niederländischen Königin Beatrix, während einer Rede die Krawatte vom Hals und wirft sie weg. Er ist sie leid. Geschadet hat ihm dieser Gesellschaftsfauxpas nicht. Im Gegenteil. Auch heute, 13 Jahre nach seinem Tod, gilt Prinz Klaus in den Niederlanden als der beliebteste Deutsche.

5. George H.W. Bush und Putin treffen sich im Juli 2007 in den USA. Um die Talfahrt in den Beziehungen beider Länder zu stoppen, geben sich beide extrem entspannt. Beim Abendessen gibt es Hummer und marinierten Schwertfisch, zum Nachtisch Heidelbeer-Kuchen. Beide Herren im Anzug. Aber ohne Krawatte. Putin soll Bush danach richtig lieb gehabt haben.

6. Im Juni 2013 treffen sich US-Präsident Obama und Chinas Staatsoberhaupt Xi Jingping zwar im Anzug, sie treten aber ohne Krawatte auf. Die Beziehungen sind etwas verkrampft. Daher soll optisch alles ganz locker wirken. Die Lockerheit hält bis heute an. Mal abwarten.


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