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Neun Gründe, eine Kreuzfahrt zu machen

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KREUZFAHRT
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Warum sich Tausende von Menschen freiwillig in eine Art flachliegendes Hochhaus quetschen, um damit wochenlang über die Meere zu schippern, ist eines der großen Rätsel der Freizeitgesellschaft. Amerikanische Soziologen haben als entscheidende Motivationsgründe „the big three F" ausgemacht: „Frustration, Fucking, Food".

Dass eine Kreuzfahrt jenseits von Havarien und hundertjährigen Passagieren tatsächlich nicht nur ganz lustig, sondern sogar lehrreich sein kann, zeigt Christian Hörburger in seinem äußerst amüsanten Buch „Zwischen Skylla und Charybdis - Die Kreuzfahrt der Odysseus II".

Halb in Form eines Tatsachenberichts einer selbst erlebten Kreuzfahrt im Jahr 2012 und halb als fiktiver Roman manövriert der Autor den Leser durch die dramatischen, satirischen und amourösen Untiefen einer solchen Reise. Anekdotenreich und charmant schildert Hörburger die teils aberwitzigen Träume und Erwartungen seiner illustren Reisegenossen.

Die „Odysseus II" ist nichts weiter als ein 1000-Mann-Kreuzer mit vier Restaurants, Theater- und Musical-Hall, Konferenzraum, Casino, Boutique, Haarstudio, Hospital, Sonnendecks, Jogging-Parcours, Fitness-Raum, Body-Soul- und Sauna-Landschaft mit FKK-District.

Die Tour beginnt in Dubai, führt durch den Golf von Aden ins Rote Meer, dann durch den Suezkanal ins Mittelmeer, an Kreta vorbei durch die Straße von Messina, also jene Meerenge, die dem Mythos nach von den Naturgewalten und Gottheiten Skylla und Charybdis bewacht wird und manchem antiken Seefahrer zum tödlichen Verhängnis wurde, schließlich bis nach Marseille.

Wer sich durch Hörburgers 370-Seiten-Werk wälzt, wird viel erleben. Für alle, die keine Zeit haben, hier neun Gründe, warum sich die (Lese-)Reise lohnt:

1. Die Bordküche ist das A und O für die Stimmung auf dem Riesenschiffchen. Mit gebratenem Kalbsrückensteak Sultan Qaboos in Barolo-Sauce und Bohnen im Tomatenrock, mit Ludwig II. Beef Tartar und Sardellen, mit dem Arabischen Früchteteller in Zimtvignetten, einem Weißburgunder weißgekeltert oder einem 2010 Chateau Mont-Saint-Pey will der Smut die gefräßigen Passagiere an die Tafel locken.

2. Stadtrundfahrten auf der arabischen Halbinsel können von Duisburg aus ziemlich lange dauern. Leichter ist es, von Bord aus in klimatisierte Mercedes-Reisebusse zu steigen. Gegen das bildungsbeflissene Gequatsche der Mitreisenden hilft das gute alte Ohropax.

3. Möglicherweise findet man nur in Künstler-WGs, Gruppentherapien oder bei Trance-Clubs ähnlich interessantes und abgehobenes Volk wie an Bord eines Kreuzfahrtschiffes - darunter pensionierte Diplomaten, liebenswürdige Escort-Damen, Verlobungsreisende, sanfte Eurythmistinnen, Afghanistan-Kämpfer und Gynäkologen.

Manche wirken wie gepeitscht von zügellosen Leidenschaften, andere wieder besänftigt und gemildert durch die Sehnsucht nach kultureller Erfüllung im Schatten von Bäumen, Pyramiden oder der Champagnerbar.

4. Die für Kreuzfahrten typischen Hundertjährigen sind auch da. Die meisten von ihnen haben allerdings den Totenschein zuhause gelassen, da die durchaus zügellose Stimmung an Bord außerordentlich jung hält.

5. In die Hitze des Golfs von Oman zu fahren, ist das eine. Das aber in der gemischten Bordsauna schwitzend und den aufgeheizten Körper mit Hunderten von triefenden Eiswürfeln aus dem Zuber kühlend zu bewerkstelligen, spricht für eine gesunde Ignoranz gegenüber klimatischen Unwägbarkeiten.

6. Wer wissen will, warum die heiligen drei Könige den für jede moderne Gewürzküche altmodischen Weihrauch einst als wertvolle Gabe nach Bethlehem schleppten, muss zur Wiege des Weihrauchs: in die Provinz Dhofar im Südwesten des Sultanats Oman. Zu Fuß käme man hier kaum hin. Deswegen unbedingt einschiffen und ordentlich dran schnuppern oder auf die Haut schmieren.

7. Und auch für diejenigen, die mal echten Piratenschiffen von weitem zuwinken wollen, lohnt sich eine Kreuzfahrt.

8. Ebenso hat niemand etwas dagegen, wenn Paare das große Tantra der Liebe nachts auf dem Sonnendeck eines Meeres-Dampfers zelebrieren möchten. Für manche scheint das der bessere Ort als der Hobbyraum im heimischen Dornach oder Memmingen.

9. Und schließlich: Trotz des unglückseligen Italo-Capitanos Francesco Schettino gibt es ihn doch noch, den traumhaften Traumschiff-Kapitän. Er heißt Lionel Vanderstraaten und ist Kapitän der Odysseus II - ein unbestechlicher Seemann von charismatischer Strenge und cooler Rationalität, männlich, muskulös, adrett und zupackend. Kurzum einer, der sein Schiff und alle, die sich in ihn verknallt haben, auf Kurs hält.


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