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Neue Bankenkrise: Finanzinstitute befeuern riesige Wortblasen

09/06/2015 15:30 CEST | Aktualisiert 09/06/2016 11:12 CEST
Getty

Nach der Finanzkrise kommt die Wortkrise: Die internationalen Banken produzieren immer heißere Luft - nun in ihrer Sprache. Wie Franco Moretti, Literaturwissenschaftler in Stanford, und der Pariser Physiker und Wissenschaftshistoriker Dominique Pestre im New Left Review (Nr. 92, 2015) schreiben, wird die Wortwahl in den Jahresberichten der Banken seit 1946 immer hochtrabender, komplizierter und gleichzeitig leerer.

Das Ziel der Banken: Verschleierung der Zusammenhänge, Vernebelung der Verantwortlichkeiten. „Das Ergebnis überrascht zwar niemanden, der die Prosa solcher Publikationen schon einmal genossen hat", schreibt ironisch der Sprachkritiker Wolfgang Krischke in der FAZ. Doch ist die Arbeit der beiden Forscher ein weiterer, köstlich entlarvender Beitrag, wie uns viele Banken nach wie vor zum Narren halten.

Statt von Gebäuden, Grundstücken, Weingütern oder Plantagen, an denen man sich finanziell beteiligt, sprechen die Banken heute von „Portfolio", „Kapitalwert", „Derivat" oder „Hedging".

War früher mehr die Rede von Einkommen, Produktion und Beschäftigung, werden heute „Ansätze verfolgt", „Themen fokussiert" und „Rahmenbedingungen gesetzt" - wobei man sich grundsätzlich stets fragen sollte, was zum Teufel eigentlich der Unterschied zwischen „Rahmenbedingungen" und „Bedingungen" ist.

„Governance" schließlich - so haben die Forscher ermittelt - ist eines der Lieblingsverschleierungswörter der Banken. Es ist nicht nur so herrlich modisch und unklar, sondern stellt auch noch eine edle, pseudopolitisch aufgeblasene Wortmischung aus „Eminence" und „Government" dar. Ach Governance, du klingst so gut!

Genauso elegant treten gehäuft Wörter wie „Implementierung" oder „Evaluierung" auf.

Sie sollen so etwas wie einen professionellen, aber anonymisierten Prozess der Analyse vorgaukeln. Dass hinter einem solchen Vorgang stets ein Bankberater steht, der per Hand Zahlen in einen Computer tippt, wirkt wohl zu simpel.

Fazit

Wenn jemand Inhalte unnötigerweise unverständlich ausdrückt, steckt häufig ein unlauteres Motiv dahinter: Er will mit hochtrabenden Begriffen Kompetenz vorgaukeln.

Wer aber wirklich - auch als Banker - überzeugen will, sollte den Rat von Karl Popper beherzigen. Der empfahl einst: „Wer's nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er's einfach sagen kann."


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