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Nieder mit dem Schachtelsatz!

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
SCHACHTELSATZSCRABBLE
thinkstock
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In der FAZ erschien nun ein durchaus witziger Trauer-Kommentar ├╝ber den Untergang des Schachtelsatzes. Der Feuilletonist beklagt den Siegeszug der ÔÇ×kalorienarmen H├Ąppchen-Mitteilung", die zugunsten kleinteiliger Satz-Bissen auf schwere und damit nahrhafte grammatikalische Kost verzichte - n├Ąmlich auf Adjektive, Substantive und Passivkonstruktionen.

Passenderweise zitiert der Kritiker dann den Gro├čmeister unter den Langsatzlieferanten: Thomas Mann. Vortrefflich zeige dieser in seinen Buddenbrooks, wie ein Schachtelsatz funktioniere, ohne dass der Leser w├Ąhrend des Lesens den Faden verliere, im Gegenteil sogar sprachlich aufgeladen werde.

Beispiel: ÔÇ×Die Konsulin Buddenbrook, neben ihrer Schwiegermutter auf dem geradlinigen, wei├č lackierten und mit einem goldenen L├Âwenkopf verzierten Sofa, dessen Polster hellgelb ├╝berzogen waren, warf einen Blick auf ihren Gatten, der in einem Armsessel bei ihr sa├č, und kam ihrer kleinen Tochter zu Hilfe, die der Gro├čvater am Fenster auf den Knien hielt."

Die moderne Version klingt in der ├ťbersetzung des FAZ-Kommentators so: ÔÇ×Konsulin Buddenbrock hockte neben ihrer Schwiegermutter. Auf dem Sofa. Sie starrte ihren Mann an. Dann half sie ihrer Tochter."

Sch├Ân w├Ąre, wenn der FAZ-Schreiber tats├Ąchlich Recht h├Ątte: Oh w├╝rde der Schachtelsatz doch wirklich aussterben - es w├Ąre ein gro├čes Gl├╝ck! Zumindest, wenn es um Sachtexte, Pressemitteilungen, notarielle Beglaubigungen, Info-Briefe oder sonstiges Faktenhuberei-Geschwafel geht. Ein kurzer Blick ins Internet reicht und schon findet man dort die besten Schachtel-Unget├╝me.

Beispiel: ÔÇ×Aus dem Beharren darauf, kulturelle Differenz als zur Schau stellende Entstellung zu begreifen, die aber gleichzeitig einer Rekonstruktion von pers├Ânlicher wie kollektiver Identit├Ąt dient, gewinnt Homi K. Bhabbas Versuch, die widerspr├╝chliche Verortung von Kultur zu beschreiben, seine Brisanz." Eine ├ťbersetzung des Satzes liegt mir leider nicht vor.

Nieder also mit dem Schachtelsatz! Er verleitet den Schreiber zum unsauberen Denken und l├Ąsst den Leser verdummen.

Die einzige Gattung, in der der Schachtelsatz tats├Ąchlich weiterleben muss, ist der Roman. Aber auch nur, wenn der Schreiber in der Lage ist, lange S├Ątze kunstvoll zu konstruieren. Zum Beispiel einen wie diesen: "Ihr kurzes Mieder mit hochgepufften ├ärmeln, an das sich ein enger Rock aus duftiger, hellgebl├╝mter Seide schloss, lie├č einen Hals von vollendeter Sch├Ânheit frei, geschm├╝ckt mit einem Atlasband, an dem eine Komposition von gro├čen Brillanten flimmerte."

Nat├╝rlich von Mann, oh Mann!