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Nieder mit dem Schachtelsatz!

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SCHACHTELSATZSCRABBLE
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In der FAZ erschien nun ein durchaus witziger Trauer-Kommentar über den Untergang des Schachtelsatzes. Der Feuilletonist beklagt den Siegeszug der „kalorienarmen Häppchen-Mitteilung", die zugunsten kleinteiliger Satz-Bissen auf schwere und damit nahrhafte grammatikalische Kost verzichte - nämlich auf Adjektive, Substantive und Passivkonstruktionen.

Passenderweise zitiert der Kritiker dann den Großmeister unter den Langsatzlieferanten: Thomas Mann. Vortrefflich zeige dieser in seinen Buddenbrooks, wie ein Schachtelsatz funktioniere, ohne dass der Leser während des Lesens den Faden verliere, im Gegenteil sogar sprachlich aufgeladen werde.

Beispiel: „Die Konsulin Buddenbrook, neben ihrer Schwiegermutter auf dem geradlinigen, weiß lackierten und mit einem goldenen Löwenkopf verzierten Sofa, dessen Polster hellgelb überzogen waren, warf einen Blick auf ihren Gatten, der in einem Armsessel bei ihr saß, und kam ihrer kleinen Tochter zu Hilfe, die der Großvater am Fenster auf den Knien hielt."

Die moderne Version klingt in der Übersetzung des FAZ-Kommentators so: „Konsulin Buddenbrock hockte neben ihrer Schwiegermutter. Auf dem Sofa. Sie starrte ihren Mann an. Dann half sie ihrer Tochter."

Schön wäre, wenn der FAZ-Schreiber tatsächlich Recht hätte: Oh würde der Schachtelsatz doch wirklich aussterben - es wäre ein großes Glück! Zumindest, wenn es um Sachtexte, Pressemitteilungen, notarielle Beglaubigungen, Info-Briefe oder sonstiges Faktenhuberei-Geschwafel geht. Ein kurzer Blick ins Internet reicht und schon findet man dort die besten Schachtel-Ungetüme.

Beispiel: „Aus dem Beharren darauf, kulturelle Differenz als zur Schau stellende Entstellung zu begreifen, die aber gleichzeitig einer Rekonstruktion von persönlicher wie kollektiver Identität dient, gewinnt Homi K. Bhabbas Versuch, die widersprüchliche Verortung von Kultur zu beschreiben, seine Brisanz." Eine Übersetzung des Satzes liegt mir leider nicht vor.

Nieder also mit dem Schachtelsatz! Er verleitet den Schreiber zum unsauberen Denken und lässt den Leser verdummen.

Die einzige Gattung, in der der Schachtelsatz tatsächlich weiterleben muss, ist der Roman. Aber auch nur, wenn der Schreiber in der Lage ist, lange Sätze kunstvoll zu konstruieren. Zum Beispiel einen wie diesen: "Ihr kurzes Mieder mit hochgepufften Ärmeln, an das sich ein enger Rock aus duftiger, hellgeblümter Seide schloss, ließ einen Hals von vollendeter Schönheit frei, geschmückt mit einem Atlasband, an dem eine Komposition von großen Brillanten flimmerte."

NatĂĽrlich von Mann, oh Mann!