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Martin Schulz und die Rhetorik des Provokateurs

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Martin Schulz (57), gelernter Buchhändler aus Würselen, Sozialdemokrat und Präsident des Europäischen Parlaments, ist einer der dümmsten Fehler unterlaufen, die einem Redner passieren können: Er hat sich auf falsche Aussagen verlassen. Zur Erinnerung: Bei seiner durchaus pro-israelitischen Rede vor der Knesset vor wenigen Tagen hat er die Abgeordneten auf die "Wasser-Sorgen" der Palästinenser hinweisen wollen. Doch benutze er dazu ungeprüfte Zahlen. Diese erhielt er zwei Tage vor seiner Rede von einem Palästinenser - und sie waren objektiv falsch. Ergebnis: Statt einer kritischen Diskussion über die tatsächlich vorhandene Wasserproblematik in den Siedler-Gebieten erntete Schulz nur die wütenden Attacken der israelischen rechten Hardliner, die ihm Einäugigkeit vorwarfen.

Auch wenn ihn Israels Ex-Botschafter Avi Primor nun verteidigt und ihm sogar "eine sehr schöne und sehr gute Rede" bescheinigt, ist es tatsächlich verwunderlich, was Schulz geritten haben mag, die Wasserproblematik ohne tatsächliche Zahlenkenntnis angesprochen zu haben. Dass er mit dem Thema provozieren würde, wusste er. Dass er damit ein Eigentor schießen wurde, wohl eher nicht. Der Mann ist normalerweise alles andere als unüberlegt oder unfair. Dass ihm jetzt vorgeworfen wird, er spiele den "Poltergeist Europas", schießt weit übers Ziel hinaus. Fakt ist: Schulz hat Mut, er geht Konflikten nicht aus dem Weg und hat jetzt zweifellos einen Fehler gemacht. Für seine Fahrlässigkeit hätte er sich besser entschuldigt, statt sich zu rechtfertigen.

Dennoch bleibt er einer der wenigen, vielleicht nicht immer sympathischen, aber streitbaren und intelligenten Geister, die überhaupt mal ihre Stimme in der ansonsten anonymen Europa-Politiker-Welt erheben. Dass er mit seiner provozierenden Art auch in Zukunft noch viele irritieren wird, ist Programm. Dass er auf viele aber belehrend wirkt, könnte er sich abgewöhnen. Freunde macht er sich damit nicht, und die Dümmsten unter seinen Zuhörern werden weiterhin wohl völlig ausrasten, so wie einst Silvio Berlusconi, der ihm mal empfahl, doch endlich eine Filmrolle als KZ-Aufseher anzunehmen.

Schulz hat diese Beleidigung auf seine Art gelöst. Als er neulich im Restaurant "L'Antipasto" in Köln essen war, fiel ihm auf, dass eine Pizza auf der Karte "Berlusconi" hießt. Daraufhin regte er sich so auf, dass der Wirt die Pizza ein paar Tage später umbenannte. Sie heißt jetzt Martin Schulz.