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Geheimnisse der Komik aus der Biografie von John Cleese aus "Monty Python"

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MONTY PYTHON
Getty
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Es ist erstaunlich, dass in den grĂ¶ĂŸten Komikern oft verklemmte Kerle stecken. So wie bei John Cleese. Erst mit anhaltendem Berufserfolg hat er im Laufe seines Lebens nicht nur seinen Komplex vor seiner angeblich so mittelmĂ€ĂŸigen Herkunft ĂŒberwunden, sondern auch seine UnfĂ€higkeit im Umgang mit Frauen abgelegt.

Heute gilt er mit "Monty Python" als der Retter des englischen Humors - ein Titel, der ihn in Augenhöhe mit Winston Churchill und Bobby Charlton bringt. Netterweise hat Cleese die Geheimnisse seiner Komik nun in seiner Autobiographie „Wo war ich noch mal?" versteckt. Damit niemand in dem zwar amĂŒsanten, aber mit knapp 500 Seiten ziemlich fetten WĂ€lzer suchen muss:

Hier nun die auf sieben Punkte zusammengefassten Einsichten des John Cleese:

1. Mich konnte nur Komik im tiefsten Inneren bewegen

Ich wollte weder clever noch witzig oder charmant oder amĂŒsant oder skurril oder ziemlich lustig sein - und das sind die Adjektive, die unsere Revue damals fĂŒr sich in Anspruch nehmen konnte. Echte Komik ist viel schwerer als Cleverness oder Witz.

2. Das einzige Talent, das ich wirklich habe, ist Timing

Das Timing hĂ€ngt vom Selbstvertrauen ab. Man kann keine große Komödie spielen, wenn man nicht entspannt ist. Genauso wie bei der Vorhand im Tennis. Man spielt die Vorhand nur dann gut, wenn man nicht in sich verkrampft.

Es bleibt dir nur der Bruchteil einer Sekunde nach einem Witz, ob du weitermachen kannst oder auf den Lacher warten sollst. Wenn man weitermacht und sie erst dann lachen, unterbindet man den Lacher, vernichtet den Witz und muss die Zeile wiederholen, was unelegant ist und dich aus dem Tritt bringt.

Wenn man wartet, und es kommt kein Lacher, kriegt das Publikum mit, dass es da gerade eine FehlzĂŒndung gegeben hat.

3. TatsÀchlich wird es immer schwieriger, gute Comedy zu schreiben

Meine ersten VorschlĂ€ge fĂŒr Sketche am Anfang meiner Karriere waren so lahm, dass sie abgeschmettert wurden, und mit den wenigen, die schließlich auf die BĂŒhne kamen, schrammte ich eben noch an einer Peinlichkeit vorbei. Ich schĂ€tze mal, es lag an meinem Versuch, mir selbst lustige Sketche auszudenken anstatt gute von Autoren zu klauen, die wussten, was sie taten.

TatsĂ€chlich wird es immer schwieriger, gute Comedy zu schreiben. Wer das schafft, verfĂŒgt ĂŒber ein wirklich seltenes Talent. NatĂŒrlich gibt es ein paar Schreiber, die sich anstĂ€ndige Witze ausdenken können, und ein paar, denen gute Parodien gelingen.

Aber die Zahl der Leute, die sich eine völlig neue komödiantische Situation ausdenken, diese dann auf unvorhersehbare Weise weiterspinnen und dabei auch noch die Entwicklung der Charaktere richtig hinkriegen, ist verschwindend gering.

DafĂŒr gibt es eine Horde von Schreiberlingen, die völlig unbeleckt von der Erkenntnis, wie miserabel sie sind, Massen an schlechter Comedy schreiben. Am Anfang meiner Karriere las sich oft Skripte, die mir von unbekannten Schreibern geschickt worden waren, aber es dauerte wohl an die zwanzig Jahre, bis ich realisierte, dass sie grundsĂ€tzlich alle grauenvoll waren.

4. Klauen Sie jede Idee, von der Sie wissen, dass sie gut ist

Wenn ich also jungen Autoren, die es trotz verschwindend geringer Chance auf einen Versuch ankommen lassen wollen, komisch zu sein, einen Rat geben darf, dann diesen: Klauen Sie! Klauen Sie jede Idee, von der Sie wissen, dass sie gut ist, und versuchen Sie, diese in ein Milieu zu transferieren, das Sie kennen und verstehen.

Sie wird sich hinreichend vom Original unterscheiden, weil Sie den Sketch schreiben. Und da sie auf einer Idee beruht, werden Sie dabei auch noch ein paar Regeln ĂŒber gutes Schreiben lernen. Große KĂŒnstler sind beeinflusst von anderen großen KĂŒnstlern, Komödianten stehlen und wissen ihr Raubgut dann gut zu verstecken.

5. Selbst die grĂ¶ĂŸten Komödianten sind vor FehlschlĂ€gen nicht gefeit!

Eine andere Lektion lernte ich bei der Marx-Brothers-Retrospektive im Baker-Street-Classic-Cinema: Zum ersten Mal wurde mir bewusst, wie viel MĂŒll es zwischen all der Brillanz gab. Selbst die grĂ¶ĂŸten Komödianten sind vor FehlschlĂ€gen nicht gefeit!

6. Irgendwann dĂ€mmerte es mir, wie ungemein selten man eine wirklich große Pointe findet

Also eine Pointe, die nicht nur das Publikum ĂŒberrascht, sondern den ganzen Sketch mit einem roten Faden zusammenhĂ€lt. Manchmal sucht man stundenlang nach der idealen Pointe. Doch dann stellt man fest, dass die Szene gar keine Pointe zulĂ€sst.

In einem solchen Fall braucht man nur etwas zu suchen, dass „gut genug" ist, um den Sketch aufzulösen. Es gibt die Python-Lösung fĂŒr das Pointen-Problem: KĂŒmmere dich nicht darum!

7.Am Überraschendsten unter allem, was man vom Publikum lernen kann, ist, wie viel es durchgehen lĂ€sst.

Ein zahlendes Publikum ist frohgemut bereit, alle nur denkbaren Patzer und Pannen und sogar das verheerendste Durcheinander auf der BĂŒhne zu schlucken, weil es immer davon ausgehen wird, dass es irgendwas nicht mitbekommen oder ein bisschen langsam reagiert hat oder die augenscheinliche Panne in Wirklichkeit wohlgeplant gewesen ist.

Entschuldigt man sich beim Zuschauer, weil er ausgerechnet an dem Abend kam, als jemand im Parkett einen Herzanfall hatte, sagt er: „Oh, ich dachte, dass das zur Show gehört." Manchmal frage ich mich, warum wir uns als BĂŒhnendarsteller ĂŒberhaupt Gedanken machen.

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