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Kevin Spacey und das Ideal der amerikanischen Rede

15/01/2014 10:17 CET | Aktualisiert 17/03/2014 10:12 CET

In der aktuellen Ausgabe des „Spiegel" sitzt US-Schauspieler Kevin Spacey auf einem breiten Stuhl, siegessicher, die Arme links und rechts auf die Polsterlehne gelegt, die Hände blutig - ein Symbolbild für seine neue Rolle in der US-Serie „House-of Cards".

Die Politsatire ist eine Produktion des Netzanbieters Netflix - und nur dort zu sehen. Und nirgendwo im Fernsehen - eine Sensation, die selbst Spacey in Verzückung treibt: „Gebt den Leuten, was sie wollen, wann sie es wollen, in der Form, in der sie es wollen, und das zu einem vernünftigen Preis. Dann werden sie es lieber kaufen wollen, als es zu stehlen", sagt der zweifache Oscar-Gewinner in seiner Rede vor einigen Wochen beim Edinburgh Television Festival.

Das einzige, was die Zuschauer wirklich wollten, sei, eine gute Geschichte zu sehen. „It's just story", sagt Spacey über das wahre Geheimnis vom Produktionserfolg. Auf YouTube finden sich 3.384 begeisterte Kommentare zu seiner Rede. Seine Fans freuen sich über ihren Star, über „the perfect speech" ohne Stottern, ohne „Ähh" und „Öhh" und über die großartige Botschaft - was alles zusammen in der Fan-Forderung endet: „Kevin Spacey for President".

Tatsächlich ist Spaceys kurzer Auftritt ziemlich gelungen - zumindest, wenn man ihn am Rede-Ideal der Amerikaner misst: Eine Rede sollte kurz sein, höchstens sieben Minuten lang - und auch nur dann, wenn sie mit einem Witz beginnt und einem Scherz endet. Genau das macht Spacey. Er startet mit der ironischen Bemerkung, dass er sich mit seiner Rede nicht für einen Managementposten im Fernsehgeschäft bewerben will, und er endet knapp fünf Minuten später mit einem Orson-Welles-Zitat: „Ich hasse Fernsehen. Ich hasse es so sehr wie Erdnüsse. Doch ich kann nicht aufhören, Erdnüsse zu essen." Die Zwischenzeit spricht er frei, zumindest tut er so. Sein Manuskript auf seinem Rednerpult übersehen die Zuschauer ebenso wie die zwei Teleprompter neben dem Pult.

Auffällig laienhaft ist allein seine ausufernde Arm-Arbeit: Fast jeden Satz begleitet er mit einer Geste, mal die Arme drehend, mal rudernd, mal beschwichtigend, mal segnend, mal aufzählend, mal mit geballter Faust und gleich mehrere Male mit warnendem Zeigefinger. Natürlich kommt die engagierte Rede nicht ohne Bewegung aus. Das wäre zu unglaubwürdig. Spaceys regelrechte Inflation der Gestik hat aber vielleicht damit zu tun, dass in Edinburgh gleich mehrere Personen aus ihm sprechen: der gefeierte Hollywood-Star, der Charakterdarsteller, der Richard III. den er auf der Bühne 198 Mal gespielt hat, der Hauptdarsteller und Executive Produzent von House of Cards und natürlich auch der verkappte Werberedner für Netflix. Denn im Grunde geht es in Spaceys Speech um nichts anderes als um's Business.

Dass es ihm gelingt, diesen so unappetitlich kommerziellen Aspekt so elegant zu verschleiern, liegt freilich an seiner Aura. Und an seinem Schauspieltalent. Und auch daran, was die Leute sehen und hören wollen. Denn: „It's just story."