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Klare Worte: Gerhard Schröder verrät das große Geheimnis der Politik

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Altkanzler Schröders neues Buch bringt wenig Neues. Dafür resümiert und analysiert es viel Altbekanntes. Ein großes Geheimnis wird allerdings gelüftet: die Erfolgsformel der Politik.

„Klare Worte", verspricht Gerhard Schröders neues Werk - eine Art Marathon-Interview auf 237 Seiten. Der Journalist Georg Meck befragt den Altkanzler zu typischen Themen wie Europa, Bildung, China, Russland oder auch die SPD. Alles schon mal gehört. Doch ganz klein am Ende des Kapitels über „die Freude am Regieren" - da verrät es der Altkanzler: „Politik ist Kommunikation. Wenn man daran keine Freude hat, sollte man die Finger davon lassen - von der Politik und von der Kommunikation. Das ist im Grunde das ganze Geheimnis."

„Medienkanzler" wurde er genannt, mit Tendenz zum Polit-Schauspieler, ein vor Selbstbewusstsein überbordender Möchtegern-Helmut-Schmidt mit staatstragender Rhetorik („Erst das Land, dann die Partei") und Machtwort-Mania („Ich weiß es besser. So, basta."). Tatsächlich zeigt sich Schröder in seinem Klare-Worte-Werk, wo er im Übrigen nur ein gutes Dutzend Mal sein typisches „Im Übrigen" fallen lässt, viel sympathischer als viele ihn in Erinnerung haben. Erstaunlich einsichtig wirkt er, manchmal sogar reumütig: Nicht nur, was seinen fatalen Auftritt nach seiner verlorenen Bundestagswahl gegen Merkel angeht („Natürlich war die Sendung ein Fehler"), sondern überhaupt: „Als Kanzler fehlt die Zeit für Freunde", „Man ist im Amt in ständiger Anspannung" oder „Gegen den Druck hilft wenig Sport. Das wichtigste Mittel ist Verdrängung".

Dass er stets behauptete, frei von Selbstzweifel zu sein, gehört für ihn zum Charakteristikum eines erfolgreichen Politikers: „Wer von seiner Meinung nicht selbst überzeugt ist, dem würde ich immer raten: Geh überall hin, bloß nicht ins Fernsehen. In dem Moment, wo Sie zögern, wo Sie längere Sätze machen als nötig, hören die Menschen: Der oder die glaubt selbst nicht dran."

Neues Wissen saugte sich Schröder in seiner Amtszeit meist aus Gesprächen. „Natürlich habe ich auch Akten gelesen", sagt er. Doch für lange Lesestunden blieb im ständigen Terminstress keine Zeit. Von seinen Mitarbeitern forderte er darum stets, ein Problem auf höchstens einer DIN-A4-Seite zu beschreiben. „Wenn ihr mehr braucht, habe ich gesagt, dann fürchte ich, dass ihr es selbst nicht verstanden habt."

Ob er als Elder Statesman in die Geschichte eingeht, wird sich zeigen. Zeit, um weiter zu reifen, hat der knapp 70-Jährige möglicherweise genug. Sein größter Traum: „100 Jahre alt werden".

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