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Finanzwirtschaft: Die Rhetorik der Lüge

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Wer „wir" sagt, lügt häufiger. So lautet zumindest eine der Thesen von US-Forschern an der US-Universität Stanford. Auffällig sei dieses vor allem bei Managern, die Unternehmenszahlen präsentierten, also bei Finanzexperten.

Dass jetzt eine ganz besondere Gruppe dieser Experten in Sydney, nämlich die G 20, die Finanzminister der führenden Nationen der Welt, in ihrer Erklärung zur Steigerung des Weltwirtschaftswachstums um zwei Prozent ausgerechnet formulierte: „Um dieses Ziel zu erreichen, werden wir konkrete Schritte einsetzen", mag dem Solidaritätsgedanken geschuldet sein. Nicht für jeden war dieses „Wir" aber die Wahrheit. Beispielsweise wies Finanzminister Schäuble gleich darauf hin, wie schwer es sei, so ein Ziel überhaupt zu messen. Dass aber auch er sich gerne der Managerfloskel „Wir" bedient, zeigte er gleich darauf in einer Diskussion über den weltweiten Aufwärtstrend in der Konjunktur: „Wir müssen nun aber umso mehr das globale Wachstum stärken."

Die Lügen-Forscher der Universität Stanford empfehlen, mehr „ich" als „wir" zu sagen. Wer ständig „wir" sagt, würde sich zu sehr von der persönlichen Verantwortung für das Vorgetragene distanzieren.

Hätte Schäuble nun aber gesagt: „Ich muss das globale Wachstum stärken", hätte das wohl erst recht fatale Folgen gehabt. Denn sein „ich" wäre auf „uns" zurückgefallen - „wir", also die Menschen in Deutschland, hätten dann das globale Wachstum ganz allein stärken müssen. Manche behaupten zwar, dass „wir" das sowieso schon tun - solche Behauptungen gehen weit an der Wahrheit vorbei.

Lügner kann man am besten erkennen, wenn sie viel loben - auch eine These der Stanforder Forscher, aber eine durchaus wahrhaftige. Der Beweis: Der Finanzvorstand einer berühmten Investmentbank hatte vor rund sechs Jahren in der Präsentation seiner Jahreszahlen 14 Mal das Wort „großartig", 24 Mal Wort „stark" und acht Mal das Wort „unglaublich" verwendet. Alle glaubten ihm.

Unglaublich war dann allerdings, wie sehr er gelogen hatte. Wenige Wochen später ging die Investmentbank unter. Sie hieß Lehmann Brothers.

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