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Emoticons sind die schwachsinnigste Idee seit Erfindung der Schriftsprache

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SMILEY
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Emoticons gehören zu Jugendkultur. Das ist schön. Jugendliche dürfen nämlich naiv sein. Allerdings haben sich Emoticons mittlerweile in fast jeder Generation als Stilmittel durchgesetzt und durchseuchen fast jede Textnachricht und Mail. Bei allen, die noch gerne Texte lesen und von der Entfaltungskunst geschriebener Sprache fasziniert sind, sorgen sie jedoch für gehörige Schmerzen, quälender als Afterjucken.

Diplomatisch würde man Emoticons als lustige und bunte Smileys definieren, die die Kommunikation unterstützen und Missverständnisse verhindern können. Ehrlicherweise muss man jedoch fragen, warum erwachsene Menschen unbedingt diese kleinen Piktogramme brauchen, um auszudrücken, was sie fühlen und meinen.

Erfüllt nicht gerade die Sprache diesen Zweck - zumindest, wenn man sie richtig zu benutzen weiß? Der Schluss liegt nah, dass Emoticon-Nutzer zu faul sind, präzise zu formulieren - eine Eigenschaft, die irgendwann den Verlust analytischer Denkfähigkeit zur Folge haben wird.

Oder sie sind zu dumm - davon allerdings gehe ich nicht aus. Dumme Leute würden nicht schreiben, sondern telefonieren. Oder sie sind Analphabeten - das wäre dann ein Bildungsauftrag an den Staat. Oder sie wollen einfach nicht erwachsen werden und smilen sich ganz jugendlich durch jeden Text - diese fröhlichen Menschen tragen dann wahrscheinlich auch Zöpfchen im grauen Haar oder Baseballkappe auf der Glatze.

Rückfall in frühkindliche Denkmuster

Egal jedoch, was der Grund ist: Emoticons sind der größte Schwachsinn seit Erfindung der Zeichen- und Schriftkultur. Der vermeintliche Spaß beraubt uns unserer Formulierungsfähigkeit und lässt uns in simpelste Denkmuster rutschen: „Hand rauf", „Hand runter", „Kniepauge links", „Lachfalte rechts", „brüll laut", „Pistole", „Haus", „Topf", „Hase", „Kuh".

Das ist der Rückfall in die Spracherwerbsphase von Kleinkindern, der Abstieg vom mühsam gelernten Genetiv und Dativ zurück ins Gebrabbel, die Regression in den frühkindlichen Schutzraum angeblich glücklicher Naivität.

Selbst der Erfinder des Smileys, Scott Fahlman, spricht angesichts des inflationären Gebrauchs des Zeichens von einer „Verschmutzung der Kommunikationskanäle". Aber die Millionen von Emoticanern weltweit können wohl nicht anders. Kind spielen scheint angesichts der großen Schwere, die man als Erwachsene so zu tragen hat, zu schön.

Welche weltweit gesellschaftliche Bedeutung Emoticons haben, zeigt sich nun in einer Political Correctness absurden Ausmaßes: Die Emoticons soll es bald nicht mehr nur im sonnigen Gelb, sondern auch in anderen Hautfarben geben - von Pink bis Schwarz. Der Diversity sei Dank. Die fünf geplanten Hautfarben orientieren sich an den Tönen der Fitzpatrick-Skala, die der amerikanische Dermatologe Thomas Fitzpatrick vor fast 40 Jahren zur Klassifizierung der Hautfarbe entwickelte.

Mammut schlägt Kniepauge

Sollte die Menschheit, falls sie dann noch vorhanden ist, was wir ihr nicht wünschen, in 40.000 Jahren auf uns zurückblicken, wäre es wenigstens ein schön gemeiner Schachzug der Geschichte, bliebe von uns heute dann nur noch so ein dämliches, rundes kleines Kniepauge als Zeitdokument übrig.

Wenn man bedenkt, welche hochentwickelte Zeichenkunst wir aus der Zeit 40.000 vor Christus vorliegen haben - zum Beispiel die ersten Umrisszeichnungen eines Mammuts aus Castillo in Santander - wäre so ein armseliger Emoticon-Fund in 40 Jahrtausenden eine angemessene Strafe für unsere aktuelle schwachmatische Schriftkultur.

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