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Die Rhetorik des Franz Müntefering: Der Politiker als Staatsschauspieler

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MUENTEFERING
Getty Images
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Dass Politiker oft nichts anderes als schlechte Schauspieler sind, haben wir ja gewusst. Dass aber nun von hoher Stelle eine Art Outing kommt, war dann doch eine Überraschung: Franz Müntefering, der ehemalige Kanzlermacher, hat es in einem Essay in der FAZ nun auf den Punkt gebracht: Politiker sind im Grunde nichts anderes als demokratisch gewählte Staatsschauspieler. Sie erfinden ein Stück Welt, geben ihm Anfang und Ende, Emotion und Leben, sagt er. Alle Mächtigen haben dieses Spiel auf ihre Art und gemäß den Bedingungen ihrer Zeit gespielt. Politiker inszenieren - und das müssen sie auch, meint Müntefering. Denn die Wähler brauchen Inszenierungen.

Vielleicht sollte man die Wähler noch mal fragen, was sie wirklich brauchen. Bei einem Politiker ist es allerdings offensichtlich: Für seinen Erfolg sind mehr als Sprach- und Rhetorikkurse nötig - ohne Persönlichkeit und Talent zur Unterhaltung bleiben Politiker im besten Fall plappernde Langweiler. Müntefering drückt es so aus: „Rhetorik, man weiß es eigentlich, das ist nicht der Text, der in einem Textbuch steht, Rhetorik ist der Mensch da, der seine Rede und sich inszeniert und das Publikum gleich mit."

Natürlich ist Rhetorik eine Frage des Talents, aber auch der Bildung - sowohl des Wissens als auch der Persönlichkeit. Beides lässt sich lernen. Vielleicht nicht zur Perfektion, aber schon bis zu einem hohen Grad. Wer dazu keine Lust hat, sondern einfach weiterquasseln will wie bisher, sollte zumindest drei Dinge wissen:

1. Man kann eine Rede ablesen. Das geht. Wer sich dann wundert, warum das Publikum kaum reagiert, sollte es das nächste Mal vielleicht mit Nasebohren versuchen.

2. Man kann frei sprechen. Auch das geht. Aber bitte nicht ohne Spickzettel. Sonst geht der rote Faden verloren und damit auch die Zuhörer. Nur die allerbesten können es ohne Stichworte - die haben es allerdings auch schon 1.000 Mal gemacht.

3. Man kann eine sehr gute Rede halten. Das ist die Seltenheit. Die sehr gute Rede gelingt mit einem sorgsam strukturierten Redemanuskript, mit Wort für Wort gefeilten Argumenten, mit klugen Pointen und der richtigen Betonung. Und vor allem: Der Redner liest nicht ab, sondern er trägt vor: körperlich, am Pult kämpfend, ringend um jedes Wort, die Betonung suchend - ganz à la Müntefering wie ein großer Staatsschauspieler.

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