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Janet Yellen und die Rhetorik des Ablesens

09/01/2014 11:33 CET | Aktualisiert 11/03/2014 10:12 CET

Unterhaltsam oder gar lustig wird es wohl nie werden, wenn Janet Yellen, die designierte Chefin der US-Notenbank, bald vor ihr Publikum tritt. Aber anregend. Denn sie besitzt seltene rhetorische Gaben: Grips und gute Argumente.

Wer Karriere in Politik oder Wirtschaft machen will, muss nicht unbedingt intelligent sein. Dafür muss er aber vor allem in den USA auftreten und ein Publikum begeistern können. Die Amerikanerin Janet Yellen, designierte Chefin der US-Notenbank, ist in ihrem Auftritt und ihrer Körpersprache in etwa so attraktiv wie Grünkohl zum Frühstück. Dafür hat sie wohl aber mehr Grips als viele US-Präsidenten zusammen.

Yellen, die ab Februar erste Frau auf dem Chefsessel der Federal Reserve Bank, hat es noch nie als nötig empfunden, durch Show und Glamour zu glänzen. Unprätentiöses Auftreten gehört seit jeher zum Habitus der mittlerweile emeritierten Berkley-Professorin. Sie war bekannt dafür, zu ihren Vorlesungen in Kaki-Hose, Polo-Shirt und Turnschuh zu erscheinen und ihre Vorträge niemals frei zu halten, sondern stets abzulesen. Heute trägt sie nun eher den Merkelschen Blazer-Hosen-Dress. Doch dem Vorformulieren und Ablesen ist sie sich treu geblieben: Selbst ihre kurze Ankündigung vor wenigen Tagen, den Job als Chairwomen der US-Notenbank antreten zu wollen, las sie vom Blatt ab.

Wer nun glaubt, dass Ablesen ein Zeichen von rhetorischer Schwäche ist und der wahre Meister der Redekunst sich nur in der freien Rede zeigt, irrt. Auch Mister Super-Rhetorix Obama liest bei seinen großen Auftritten fast immer vom Teleprompter ab - sein Talent liegt in solchen Momenten darin, dass es fast keiner merkt. Natürlich sind Auftritt und Körpersprache wichtige Instrumente, um zu überzeugen. Nur sie helfen nichts, wenn der Inhalt fehlt. Yellen will - freilich sehr professoral - nur durch Inhalte, also gute Argumente überzeugen. Dass sie das kann, zeigt ja bereits ihre Nominierung. Sie wird bewundert für ihr konzeptionelles Denken und ihre große intellektuelle Offenheit.

Dass sie nichts dem Zufall überlässt und deswegen nicht nur alles ständig aufschreiben muss, sondern auch aus Angst vor Verspätung immer überall überpünktlich erscheint, mag man ihr als Kontrollzwang vorwerfen. Doch in ihrem zukünftigen Job, indem es vor allem darum geht, die schärfere Regulierung der amerikanischen Großbanken umzusetzen, ohne den Konjunkturaufschwung in den USA abzuwürgen, kann ein Hang zur Vorsicht sicherlich nicht schädlich sein.