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Das Fluchen: Die Quelle sprachlicher Kreativität

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Wem nichts mehr einfällt, sollte anfangen, deftig zu fluchen. Kaum eine andere Emotion fordert so stark unseren sprachlichen Erfindergeist. „Fluchen aktiviert unser Gehirn in seiner gesamten Ausdehnung - links und rechts, oben und unten", schreibt der Bestseller-Autor Steven Pinker in seinem neuen Buch „Der Stoff aus dem das Denken ist".

In seinem etwas langatmigen, aber mit immensem Wissen und zahlreichen unterhaltsamen Anekdoten vollgepackten 600-Seiten-Wälzer erklärt uns der US-amerikanisch-kanadische Linguist mal wieder die kuriose Welt der Sprache.

„Er kann Scheiße nicht von Schuhcreme unterscheiden"

Bekanntermaßen gilt fürs Fluchen - je leidenschaftlicher und größer der Zorn, desto unflätiger der Ausdruck. Pinker listet auf: Während Kombinationen wie „Korinthenkacker" oder „Sesselfurzer" noch ganz niedlich sind, wirken Ausdrücke wie „hinterfotzig", „gequirlte Scheiße", „jemanden Zucker in den Arsch blasen" und „Sackgesicht" schon deftiger. Der englische Ausdruck „He doesn't know shit from Shinola" („Er kann Scheiße nicht von Schuhcreme unterscheiden") ist für Pinker fast schon Shakespeare reif, ebenso die Flüche des ehemaligen US-Präsidenten Lyndon Johnson: Personen, denen Johnson misstraute, beschrieb er stets auf eine sehr pointierte Weise. So charakterisierte er einen Berater von Kennedy mit: „Er wüsste nicht mal, wie man Pisse aus einem Stiefel schüttet, wenn die Anleitung auf den Absatz gedruckt wäre". Über einen Berater von Gerald Ford sagte er: „Er kann nicht furzen und gleichzeitig Kaugummi kauen." Und über einen von J. Edgar Hoover: „Mir ist es lieber, er ist bei mir im Zelt und pisst raus, als draußen und er pisst rein."

Der Grund, warum wir vor allem auf derbe Flüche so heftig reagieren, liegt für Pinker darin, dass die mit Tabus belegten Wörter tiefliegende und uralte Bereiche des emotionalen Gehirns anzapften. Sobald wir eines dieser Wörter „sehen oder hören können wir es nicht mehr als Schnörkel oder Geräusch abtun, sondern schlagen reflexartig in unserem Gedächtnis nach und reagieren auf seine Bedeutungen" und auf die Bilder, die es in uns weckt.

Die sieben Wörter, die man im Fernsehen nicht sagen darf

Wer nun gelernt hat, dass er nicht fluchen soll, jetzt aber dennoch fluchend kreativ sein will, muss wissen: Das zweite biblische Gebot bezieht sich auf den Missbrauch von heiligen Wörtern wie Herrgott, Madonna oder Kruzifix. Wer zornig ist, darf sie nicht verwenden. Auch Kraftausdrücke gehören nicht zur christlichen Sprachkultur. Allerdings: Klare und kräftige Worte sind sehr wohl erlaubt - und zwar im Fall des „heiligen Zorns": Wenn wir dem anderen endlich deutlich machen müssen, dass sein Verhalten untragbar und er ein Vollidiot ist. Und wer sich wundert, dass im Fernsehen oft harmlos oder relativ wenig im Vergleich zur Realität geflucht wird, sollte wissen: Die sieben Wortgruppen, die man im TV laut Steven Pinker auf keinen Fall erwähnen darf, betreffen Sexualität und alle Art von Ausscheidungen. Es sind „Bezeichnungen für Fäkalien, Urin, Geschlechtsverkehr, die Vagina, Brüste, eine Person die Fellatio praktiziert und eine Person, die ödipalem Verlangen nachgibt."

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