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Charisma: Wie der Weg vom Durchschnittsschmittchen zum Überschmidt gelingt

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Für manche ist Charisma wie Krishna - verehrungsvoll, anbetungswürdig, göttlich, gefährlich. Das Verlangen nach Charakterköpfen, nach Politikern mit Wirkung und Ausstrahlung ist groß in Deutschland. Zu lange schon quälen den Wähler die bürokratischen Einheitsbrei-Abgeordneten mit ihrem unspektakulären Aufritten in den Landtagen und schon gar im Deutschen Bundestag.

Die große Sehnsucht treibt mitunter merkwürdige Blüten: Nur so ist zu erklären, warum ein gelackter Adelsspross aus Bayern kurzzeitig der Republik mit seinem tadellosen und jugendlichen Aussehen den Atem verschlug. Dass die Mehrheit auf Guttenberg reingefallen war und sein angebliches Charisma mit seinen freiherrlichen Manieren verwechselt hatte, dürfte mittlerweile bekannt sein. Neu hingegen ist, dass Charisma nicht allein von der bewunderten Person ausgeht, sondern vor allem von uns, den Bewunderern, selbst.

Charisma trägt man nicht herum wie eine schöne Nase
In ihrem klugen Buch „Charisma und Politik" beschreibt Julia Encke messerscharf, worauf es beim Phänomen Charisma ankommt: Ein Politiker ist nicht charismatisch, weil es ihm gelingt, sich vom Durchschnitt abzusetzen. Charisma ist nicht etwas, das man wie eine schöne Nase oder hübsche Augen mit sich herumträgt. Charisma ist eine soziale Beziehung - eine Beziehung, die auf Gegenseitigkeit beruht - zwischen dem Redner und dem Publikum. Charisma ist etwas, das auch andere in einem sehen wollen. „Es ist das magische Resultat von Projektionen und Hoffnungen. Etwas, das erst im Prozess der Bewunderung durch die Bewunderer entsteht", schreibt Encke.

Bleibt die Bestätigung durch die Gefolgschaft aus, verschwindet die charismatische Wirkung - so zum Beispiel bei der Grünen-Politikerin Petra Kelly, die erst wegen ihrer leidenschaftlichen und authentischen Art frenetisch gefeiert und später als Abgeordnete im Parlament von der eigenen Partei fallengelassenen wurde. Sie wirkte auf viele plötzlich zu dominant. Während Kelly im Bundestag verblasste, wurde Joschka Fischer der erste wirkliche parlamentarische Star der Grünen - auch weil er geschickt genug war, sich immer neue Bewunderer zu beschaffen.

Zwischen Ersatz-Hindenburg und Moral-Orakel
Für die Autorin Encke ist es vor allem die Leidenschaft, die Menschen zu charismatischen Persönlichkeiten werden lässt. Als Beispiel nennt sie die einstige Piratin Marina Weisband, die mit Charme und unkonventionellen Statements ihr Publikum eroberte. Auch Richard von Weizsäcker - zeitlebens beeindruckt von der Aura des Dichters Stefan George - wird noch heute aufgrund seiner moralischen Integrität als Mann mit Charisma verehrt. Willy Brandt galt lange als Charismatiker - nicht nur wegen seiner Frauengeschichten und seiner knorrigen Stimme, sondern vor allem, weil er durch seinen Warschauer Kniefall zu einem „von der Aura der Geschichtlichkeit umstrahlten Denkmal" mutierte.

Dass man auch eine Karriere vom Durchschnittsschmittchen zum Überschmidt hinlegen kann, zeigt Julia Encke an Helmut Schmidt: Auch die einst zwar immer freche, aber ausstrahlungsarme Nordschnauze ist heute zum Denkmal ihrer selbst geworden. Nicht, weil Schmidt plötzlich so schlau ist - das war er immer schon - , sondern weil in Zeiten des politischen Mainstream-Geplappers die Leute in ihm eine Institution zwischen Ersatz-Hindenburg, Moral-Orakel und Altersquerulant sehen wollen. Eine wundersame und für Schmidt außerordentlich komfortable Wandlung - denn eines steht fest: Wer so hingebungsvoll verehrt wird, darf dann auch unkommentiert Putin, China oder gar Pfefferminz-Zigaretten verteidigen.

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