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Karriere machen mit Phrasendreschen: Bluffen cum Laude

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Geschwollene Ausdrucksweisen kennt jeder - der Witz, dass sie mehr schmerzen als geschwollene Mandeln, mag alt sein, ist aber immer noch wahr. Wie fiebrig vor allem Wissenschaftssprache ist, zeigen Lena Greiner und Friederike Ott in ihrem jetzt erschienenen und amüsanten Buch „Simulieren geht über Studieren". Es ist eine Art Wegweiser durchs hochgeschraubte Wissenschaftsdeutsch.

Freilich hat jede Disziplin ihre eigene Ausdrucksweise. So sprechen Ärzte von Zeruminalpfropfen, wenn sie Ohrenschmalz entfernen. Juristen reden von Debitor, wenn sie den Schuldner meinen. Und Betriebswirte fassen einen „aus der Geschäftstätigkeit erzielten Nettozufluss liquider Mittel während einer Periode" als „Cashflow" zusammen. Das ist alles nicht verwerflich, solange Fachleute unter sich sprechen, meinen die Autorinnen. Häufig mache Fachsprache die Kommunikation sogar präsenter und effizienter. Mit Blenden habe das nichts zu tun. Doch wenn jemand Inhalte unnötigerweise unverständlich ausdrücke, stecke häufig ein unlauteres Motiv dahinter: „Er will mit hochtrabenden Begriffen Kompetenz vorgaukeln", schreiben Greiner und Ott.

Es ist auffallend, dass sich gerade in Deutschland die Wissenschaftssprache von der Sprache des Alltags extrem unterscheidet. Die Absicht ist klar: Wer seine Sprache mit Fremdworten und komplizierten Konstruktionen verschlüsselt, will sich absetzen und die Zugehörigkeit zu einem exklusiven Kreis beweisen. Je kleiner dieser Kreis, desto einzigartiger kann sich jeder, der ihm zugehört, fühlen.

Das war hierzulande nicht immer so. Erst in den 1960er und -70er Jahren und mit politisch motivierten Sprachakrobaten wie dem Adorno-Schüler Hans-Jürgen Krahl hat sich Wissenschaftssprache als Form des Dünkelhaften, und als Abgrenzung vom Normalen etabliert - und findet bis heute statt. So meinen viele: „Versteht der Leser den Text nicht, ist der Leser dumm." Dass es tatsächlich anders herum ist, nämlich „Versteht der Leser den Text nicht, ist der Autor dumm", wollen manche deutsche Denker nicht wahrhaben. Dabei sind Klarheit und Verständlichkeit im Ausdruck Grundtugenden der Sprache, seitdem Menschen sprechen.

Die Ignoranz ist peinlich. Vielleicht wollen sich viele auch nur deswegen hinter komplizierten Konstruktionen verstecken, um nicht der Gedankenarmut überführt zu werden.

Greiner und Ott überprüfen in ihrem Buch nicht nur Angela Merkels, Anton Hofreiters und Gregor Gysis Dissertationen auf Phrasendrescherei, sondern zeigen auch mit Hilfe von Sprachwitzlern wie Eckart von Hirschhausen oder Vince Ebert, wie man sich erfolgreich durchs Uni-Leben floskelt. Ihr „halbautomatisches Schnellformulierungssystem" schließlich kombiniert Wortungetüme, die niemand mehr versteht - von progressiver Fluktuationsproblematik über funktionelle Identifikationskonzeption bis zur synchronen Aktionskontingenz.

Ihr Fazit: Letztlich sollte es jeder mit Karl Popper halten: „Wer's nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er's einfach sagen kann."

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