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Angela Merkels heimliche Liebe für Londons Redefreiheit

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Viele meinen, Angela Merkel hätte ihre scheinbar austauschbare Rede vor den Mitgliedern des englischen Parlaments genauso gut in Athen, Rom oder Brüssel halten können. Das ist falsch. Denn nur in London konnte Miss Merkel ihre Liebe für den britischsten aller Orte offenbaren.

Sie begann - zunächst auf Englisch - ihre Rede mit zwei unterhaltsamen Anmerkungen. Zuerst bekannte sie, dass sie nach der Wende mit ihrem Mann nicht das englische Parlament, sondern ganz aufgeregt Speakers' Corner, die "Ecke der Redner" am nordöstlichen Ende des Hyde Parks in London, aufgesucht hätte. Für sie als Ostdeutsche hätte dieser einzigartige Ort der Redefreiheit, an dem jeder Spinner, Spießer, Revoluzzer und Gescheiterte alles mögliche erzählen darf, eine enorme Bedeutung gehabt - die anwesenden Parlamentarier heute sollten ihr diese heimliche Liebe nicht übel nehmen.

Gelächter im Saal. Dann erklärte sie, dass sie in Bezug auf ihren jetzigen Besuch schon auch wahrgenommen hätte, dass es in London "sehr spezielle Erwartungen" gebe - nämlich Premier David Cameron und seine Hoffnung, Merkel möge ihn in seiner EU-Politik unterstützen. Wieder Gelächter im Saal. "Ich fürchte, die werde ich enttäuschen müssen." Stattdessen wolle sie nun lieber ein paar Gedanken zu Europa teilen. Dafür müsse sie ins Deutsche wechseln.

Dann folgten typische Merkel-Sätze über die Zukunft der EU - nämlich ebenso wenig aufregende wie wenig eindeutige Äußerungen. Für viele Briten waren sie anscheinend neu. Wohl auch deswegen nannte die BBC ihre Rede "well received" - eine Rede also, die dem Publikum gefallen hatte.

Nur drei Deutschen wurde bisher die Ehre zuteil, vor dem Ober- und Unterhaus des britischen Parlaments zusprechen: Willy Brandt (1970), Richard von Weizsäcker (1986) und Benedikt XVI. (2010). Eine historische Rede hat Merkel nicht gehalten. Aber sie ist die erste Politikerin, die in der Royal Gallery, dem größten Saal im Westminster-Palace, mit stehendem Applaus wie die wahre Königin von Europa empfangen wurde. Diesen Eindruck wischte Miss Merkel dann aber ganz schleunigst selbst wieder weg - als sie anschließend die wirkliche und einzige Königin der Stadt traf. Vor der Queen knickste sie trotz Hüftoperation brav. Dass sie dort ausgerechnet mit Blazer in royalem Blau auflief, war Zufall.

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