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Wir haben keine Wahl, wir müssen das schaffen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
GERMANY INTEGRATION
Kai Pfaffenbach / Reuters
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Sofort nach der Aussage WIR SCHAFFEN DAS der Kanzlerin gab es gewollte und ungewollte Missverständnisse. Ich selbst habe diese Aussage als ein als ein WIR MÜSSEN DAS SCHAFFEN verstanden. Es war die Aussage einer Kanzlerin in schwerer politischer Bedrängnis. Sie war nicht allein ihre persönliche Überzeugung, sondern vielmehr eine plurale Ermutigung und Aufforderung, gemeinsam alles nur Mögliche in dem eigenen Lebens- und Verantwortungsbereichen dafür zu tun, dass wir es schaffen, uns allen zu gerufen.

Die Menschen motivieren

Das ist auch die Aufgabe einer Führungsperson, in einer unausweichlichen nationalen, europäischen, internationalen Krisenlage, die Menschen in ihrem Land zu motivieren und in die Verantwortung zu nehmen.

So verstanden und überzeugt, dass die Aussage WIR SCHAFFEN DAS so gemeint ist, hätte ich es auch so gesagt. Andererseits ist die grammatische Form des gemeinschaftlichen Imperativs durchaus noch bekannt und mitunter gebräuchlich. Fast jeder von uns kennt sie aus pädagogischen Interventionen seiner Eltern, Lehrer und aus ähnlichen Zusammenhängen als : Lasst uns das schaffen.

Die Frage des Missverständnisses

Mir geht es in dieser Diskussion aber vielmehr um die Frage des Missverständnisses oder eines rechten Verständnisses, abgesehen von denen, die die Aussage absichtlich fehlinterpretieren, verhöhnen oder sogar für ihre politischen Ziele verantwortungslos missbrauchen. Hier sehe ich Positionen wie die von Herrn Seehofer an vorderster Stelle.

Sie sollten dann auch ehrlich schlussfolgern, dass wir für ihr Verlangen einer Obergrenze oder Grenzschließung eine Veränderung unserer Werteordnung resp. des Grundgesetzes bräuchten. Das wäre bei der vollmundig und verführerisch angekündigten, leider aber nicht vollzogenen Klage vor dem Bundesverfassungsgericht schnell festgestellt worden.

Mich beschäftigen mehr die Menschen, die solcher Interpretation allzu bereitwillig und undifferenziert folgen, weil an einem Problem, einer Krise oder einem Missstand immer ein Schuldiger bzw. Verursacher gefunden werden muss.

Die Undifferenziertheit ist beängstigend

Es ist schon erstaunlich und beängstigend wie undifferenziert ansonsten intelligente Menschen in diesem Wort der Kanzlerin ursächlich das Asylbegehren der vielen Flüchtlinge in Deutschland sehen. Als wäre nicht erkennbar, dass unsere sozialen Sicherungssysteme, unser Wohlstand und auch, sagen wir das ruhig, unser menschlicher Umgang mit den Flüchtlingen diese in unser Land locken.

In Podiumsdiskussionen machte mich ein polnischer Journalist darauf aufmerksam, dass sein Verdienst in Polen der Sozialleistung für einen Flüchtling mit zwei Kindern in Deutschland entspricht. Französische Studierende wiesen auf die in Europa weitgehend offenen Schengen Grenzen hin, die Flüchtlingen die Wahl eines Ziellandes frei ermöglichen.

Und wenn das Bundesverfassungsgericht per Urteilsspruch uns hinderte, Flüchtlinge nach Griechenland zurück zu schicken, weil die Lebensbedingungen dort vergleichsweise unzumutbar wären, erkennen wir unschwer, warum Deutschland das gesuchte Zielland ist.

"Wir brauchen eine gemeinschaftliche europäische Strategie"

Ich trat deshalb solcher Bewertung der Worte der Kanzlerin bei allen Gelegenheiten vehement entgegen, ich hielt diese für oberflächlich, irreführend, geradezu naiv und deshalb in keiner Weise zielführend.

Ebenso wie Frau Merkel erkenne ich angesichts dieser riesigen Herausforderung keine bessere, weil hilfreichere, Handlungsoption als eine gemeinschaftliche europäische (ich meine sogar globale) Strategie zu entwickeln.

Glaubt denn tatsächlich jemand ein Europa, in dem sich die einzelnen Staaten nach der Devise "Rette sich wer kann" einigen und dann notwendiger Weise auch bewehren (d.h. wie wir es erleben mussten, mit Waffengewalt Asylsuchende zurückdrängen), bringt mit allen daraus schnell erkennbaren politischen, wirtschaftlichen, unsere Lebensqualität drastisch reduzierenden Folgen einen anhaltenden Rückgang der Flüchtlingszahlen?

Eine eindimensionale Ursachenerörterung

Auf die von mir in zahlreichen Diskussionsrunden, Podien und Interviews wiederholt gestellte Frage nach denkbaren Alternativen erhielt ich, wie auch in meiner Bundestagsfraktion, nie eine plausible Antwort oder gar einen alternativen, auf gegenwärtiger Rechtsgrundlage praktizierbaren Lösungsvorschlag. Zumeist blieb die Diskussion in einer eindimensionalen Ursachenerörterung stecken.

Und die Feststellung, die Kanzlerin hätte durch ihren Satz erst die Flüchtlinge ins Land gerufen, wird selbst in gefragten Medien wiederholt kolportiert. Über solche Naivität oder Blauäugigkeit kann ich mich wiederum nur wundern.

Ich halte sie für einen Ausdruck des kindlichen "Wünsch dir Was" und für die Weigerung Gesamtzusammenhänge erkennen zu wollen, wenn diese dann beängstigende Veränderung von Einstellungen und Haltungen fordern.

Das Wolkenkuckucksheim solcher Verweigerungen, auch intelligenter Menschen wird nicht lange tragen, die Folgen von Realitätsverweigerung werden ärger sein, als die verdrängten Phantasien es malen könnten. Es geht nicht in erster Linie um eine immer wieder (warum eigentlich so kritisch?) der Kanzlerin (genau wie mir) unterstellte individuelle Menschlichkeit auf Kosten der Gesellschaft, sondern um zielführende Strategien bei kluger Abwägung des Machbaren.

Intensives Bemühen um Lösungsansätze

Das intensive Bemühen, auf der Grundlage unserer Grundgesetzlichen Vereinbarungen und eines weltweit wachsenden Werte-Konsenses praktikable Lösungsansätze zu finden, muss unbedingt fortgesetzt werden.

Um unseren eigenen Wohlstand, unsere Sicherheit, unsere Kultur zu erhalten müssen wir nachhaltige Maßnahmen, die den flüchtenden Menschen Perspektiven für ihr persönliches Leben in ihren Herkunftsländern anbieten, schnellstens auf den Weg bringen.

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Dabei müssen unsere europäischen Partner immer neuerlich mit ihren tatsächlichen wirtschaftlichen und politischen Möglichkeiten öffentlich in die Verantwortung genommen werden. Nationale Einzellösungen bieten keine Problemlösung.

Ohne zeitnahes und angestrengtes globales Handeln, insbesondere durch eine kluge Entwicklungspolitik in konzentrierter Aktion vermögender Länder, werden wir den Ursachen der weltweiten Migration nicht wirksam begegnen können. Ich werbe in meiner Fraktion des Bundestages unablässig dafür.

Dabei bin mir auch bewusst, wie sehr solches Handeln, sei es zunächst auch durch eine Schrittmacherfunktion und Vorbildwirkung Deutschlands, einer Neubesinnung der Wähler auf unsere Werte und Lebensvollzüge bedürfte.

Sicherheit und Wohlstand durch "Christliche Werte"

Schließlich haben gerade solche "Christlichen Werte des Abendlandes" im weltweitem Vergleich betrachtet unsere relative Sicherheit und unseren Wohlstand ermöglicht. Warum sollten diese historischen Erfahrungen uns nicht motivieren auf diese Karte zu setzen und zu vertrauen, dass durch solidarisches, globales und sicher auch teures Handeln Migration mittelfristig verhindert werden kann?

Gemeinschaftliche Überzeugung, also individuelles Einverständnis für entsprechende Veränderungen in persönlichen wie öffentlichen Haushalten wären in demokratischen Gesellschaften unentbehrliche Voraussetzung für solches Handeln.

Solche Strategie wäre auch eine gesellschaftliche Innovation, die uns und unsere Kinder vor bitteren Erfahrungen bewahren könnte. Heute sollten wir damit anfangen und jeder mit seinen Möglichkeiten dabei helfen.

Die Unterstützung beim notwendigen Spracherwerb, Beschäftigung, Ausbildung, Bildung und Kulturtransfer sind Bausteine für ein selbstbestimmtes Leben und gesellschaftlichen Wandel. Unabhängig davon, ob die Migranten in ihre Herkunftsländer zurückgehen müssen oder bei uns bleiben werden.

Im Übrigen, und diese Erfahrung teile ich mit Menschen mit vergleichbarem Engagement, hat die persönliche Bereitschaft zu einer unerlässlichen Integrationshilfe für Flüchtlinge (in unserem Fall u.a. durch ein Zusammenleben mit Flüchtlingen in der eigenen Familie ) unsere Lebensqualität bereichert, mehr noch als wir uns solche anderswo hätten einkaufen können.

Mithelfen bei der notwendigen Umgestaltung unserer Welt, dabei Lernen, neue Erfahrungen machen, das Gefühl von Angst vor unkalkulierbaren Risiken und ungewisser Zukunft in diesem Handeln verlieren, das war und bleibt die menschliche Aufgabe und gründet in ebensolchem Handeln unserer Vorfahren. Auch deshalb vertrauen ich darauf, dass wir es SCHAFFEN, weil wir es SCHAFFEN MÜSSEN.

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Am 31. August ist es ein Jahr her, dass Angela Merkel gesagt hat: “Wir schaffen das.”

Wie haben Flüchtlinge euren Alltag verändert? Was hat die Politik richtig gemacht und wo läuft etwas falsch? Wart ihr vielleicht am Anfang kritisch, aber habt jetzt ein gutes Gefühl? Oder ist es vielleicht genau anders herum?

Nehmt an der Diskussion teil und schickt eure Artikel und Videos an Blog@huffingtonpost.de

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