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Kreativwirtschaft in Berlin: Impulse und Potentiale für die deutsche Hauptstadt

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BERLIN
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Kreativität und Innovationen werden für den wirtschaftlichen Erfolg von Städten bedeutender. Durch Dienstleistungen in diesen Bereichen wird es ein internationales Wachstum geben, woran auch die deutsche Hauptstadt partizipieren wird. Hier kann Berlin in einem wissensintensiven Bereich von seinen regionalen Standortvorteilen profitieren. Der Kreativwirtschaft wird eine Vorreiterrolle beim Übergang einer industriellen Wirtschaft zu einer wissensorientierten Gesellschaft zugerechnet. Die Akteure der Kreativwirtschaft sind Impulsgeber für die Entwicklung neuer Produkte sowie für die Erschließung von neuen Märkten.

Der Wirtschaftswissenschaftler Richard Florida stellt drei Faktoren - Talent, Technologie und Toleranz - heraus, welche die regionale Entwicklung von Städten beeinflussen. Städte mit hohen Werten in diesen Bereichen ziehen kreative Menschen an und lösen einen verstärkenden Wachstumsprozess aus. Klassische Arbeitsmarktmodelle gingen bisher davon aus, dass die Arbeitskräfte dorthin wandern, wo Arbeit nachgefragt wird. Hochqualifizierte Arbeitskräfte und Unternehmen suchen ihre Arbeitsorte jedoch neuerdings nach Freizeitangebot, Lebensqualität und attraktiven Wohnbedingungen aus. Berlin hat gefühlt von allen deutschen Großstädten hier das größte Potential bei den drei Faktoren von Florida und damit unheimliche Wachstumschancen.

In Berlin ist seit Mitte der 1990er Jahre die Zahl der Erwerbstätigten im kreativen Sektor kräftig gestiegen. Unterschiedliche Schätzungen gehen davon aus, dass in der Kreativwirtschaft in der deutschen Hauptstadt mehr als 170.000 Beschäftigte in 17.000 Unternehmen arbeiten, wodurch Berlin bundesweit den höchsten Anteil der Beschäftigten in der Kreativwirtschaft aufweist. Die Kreativwirtschaft ist durch eine kleinbetriebliche Struktur geprägt. Viele Einzelunternehmer arbeiten in diesem Segment. Teilweise wird nicht einmal die Schwelle zur Umsatzsteuerpflicht von 17.500 Euro überschritten, so dass die Umsatzsteuerstatistiken diese Unternehmen nicht erfassen. 90 Prozent der Berliner Unternehmen in der Kreativwirtschaft sind klein- und mittelständische Betriebe.

Berlin hat bei der Entwicklung als Medienstandort und der Förderung von Start-up Unternehmen im IT-Sektor zwei herausragende Möglichkeiten neues Wachstum zu entfalten. Als deutsche Hauptstadt profitiert Berlin im Medienbereich von seiner Sogwirkung, die inländische und ausländische Medien anzieht und die Stadt interessant macht. Diese Chancen für einen wirtschaftlichen Wandel zu dem Medienstandort Deutschlands hat Berlin bisher zu wenig genutzt. Auch bei Start-up Unternehmen im IT-Sektor gibt es schon einige Erfolge, aber noch viele ungenutzte Potentiale.

Viele namenhafte Jungunternehmen in den Informationstechnologien der letzten Jahre haben ihren Sitz in Berlin, was vielen in Deutschland gar nicht bewusst ist. Daher gibt es auch noch Perspektiven, die für neues Wachstum in der deutschen Hauptstadt sorgen können. Die Grundlagen dafür schaffen ebenfalls die vielen Fachkräfte in der Region. Mehr als 30.000 junge Menschen werden in den Universitäten der Hauptstadt in Fächern der Kreativwirtschaft ausgebildet. Diese bilden das zukünftige Gerüst für den Medienstandort Berlin und die Gründung von Start-up Unternehmen im IT-Sektor.

Der Medienstandort Berlin ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Zu seinen Teilbranchen gehören das Verlagsgewerbe, die Rundfunk- und Filmwirtschaft, die Musikwirtschaft, die Werbung und Multimedia. Mit dem Axel Springer Konzern ist einer der größten Medienunternehmen Europas in Berlin mit mehreren tausend Mitarbeitern präsent. In den nächsten Jahren wird es darum gehen, dass Berlin international als Verlagsstadt an Einfluss gewinnt. In Deutschland konkurriert Berlin vor allem mit Hamburg, Leipzig und München. Die Berliner Landespolitik sollte diesen Prozess aktiv fördern und Unternehmen aus der Verlagswirtschaft dafür gewinnen, sich in der Stadt niederzulassen. Druckereien sowie Zulieferunternehmen sind mit ihrer Infrastruktur ein großer Vorteil für den Medienstandort Berlin. Dieses gilt es in den nächsten Jahren noch stärker zu bewerben und weltweit als Marke der Stadt sicherzustellen.

Im IT-Sektor hat die Hauptstadt Potentiale, die Entwicklung von unternehmensnahen Dienstleistungen auf technischer Basis zu unterstützen. Junge Unternehmen profitieren in ihrer Entwicklungsphase in städtischen Regionen durch eine hoch diversifizierte Umwelt, da Unsicherheiten über ihr Produkt und ihre Marktchancen hier verringert werden. Auch das macht Berlin als Markt interessant. Für innovative und forschungsintensive Unternehmensgründungen wird die Nachfrage nach Wagniskapital steigen. Die Stadt muss folglich starke Partner gewinnen, um zukünftig Aus- und Neugründungen in Berlin mit diesem Finanzierungsinstrument stärker zu fördern. Dieses Innovationspotential ist den letzten Jahren nicht voll ausgeschöpft worden: Die technischen Grundlagen der MP3-Player wurden in Deutschland gelegt, das Produkt aber in Amerika entwickelt und dort auf den Markt gebracht.

Indem Neues geschaffen wird, können Arbeitsplätze in der Hauptstadt entstehen. Der IT-Sektor wird der Wirtschaftsbereich des 21. Jahrhunderts sein, von dem bedeutende Innovationen ausgehen werden. Berlin sollte sich frühzeitig daran beteiligen und optimale Rahmenbedingungen für junge Start-up Unternehmen in der deutschen Hauptstadt schaffen. Berlin muss aus der Geschichte lernen: Sich neu erfinden und damit an das frühe 20. Jahrhundert anknüpfen. Unternehmen wie Siemens, AEG und Borsig stiegen aus dem Nichts zu Weltfirmen auf. Das ist der Anspruch Berlins als europäische Metropole. Und die Kreativwirtschaft kann den Weg an die Spitze ebnen.

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