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Die Lösung liegt auf dem Land

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Deutschland ist ein wohlhabendes Land. Nicht nur für die Flüchtlinge und Asylbewerber, sondern auch für viele Europäer gilt die Bundesrepublik mittlerweile als „Insel der Seligen" in einem Meer von Dauerkrise, Massenarbeitslosigkeit, Jugendkriminalität und Populismus.

Gerade der Süden unseres Landes gehört zu den wirtschaftsstärksten Regionen Europas. Wenig überraschend erfreut er sich weiter eines starken Zuzugs, wobei attraktive Zentren wie München, Stuttgart oder Frankfurt zunehmend aber an Grenzen stoßen, was ihre weiteren Wachstumsmöglichkeiten betrifft.

Während manche Regionen also aus allen Nähten platzen, klagen andere Gegenden über Landflucht und Auszehrung. Das gilt nicht nur für weite Teile Ostdeutschlands, sondern auch für ländliche Gebiete und ehemalige Industrieregionen, die den Strukturwandel nicht geschafft haben.

Dort sucht man vergebens nach dem Land, das weltweit als boomende Wirtschaftslokomotive gilt, dessen „hidden champions" für Vollbeschäftigung und gute Löhne sorgen. Deutschland erscheint zweigeteilt: Nicht zwischen West und Ost, sondern zwischen Wachstumszentren und Peripherie. Das macht sich natürlich auch in der Bevölkerungsstruktur bemerkbar.

Die Jungen, gut Ausgebildeten konzentrieren sich dort, wo es aufwärts geht, Infrastruktur und Bildungsangebote stimmen. Nicht selten geht das mit einem Verdrängungsprozess einher, weil sich die Älteren und sozial Schwachen steigende Kosten und Mieten nicht mehr leisten können. Das gilt auch für Zuwanderer mit geringerer Ausbildung - und wird wohl auch die Asylbewerber und Flüchtlinge betreffen, die dauerhaft hierbleiben.

No-go-Areas könnte es auch bald bei uns geben

Droht also auch Deutschland ein „Ghetto-Problem", wie es in Frankreich mit seinen Banlieus, aber auch in manchen Vierteln englischer, belgischer, holländischer und schwedischer Großstädte längst offensichtlich ist? Wird es auch bei uns bald „No-go-Areas" geben, also Ortsteile, die man aus Gründen der persönlichen Sicherheit besser nicht betritt?

Mehr zum Thema: "Direkte Angriffe auf uns alle" - wie die Politik No-Go-Areas geschaffen hat

Denn während boomende Metropolen Menschen anziehen, die sich ein Leben dort auch leisten können, droht andernorts eine soziale Segregation, bei der die Postadresse Herkunft, Bildungschancen und sozialen Status verrät.

Längst gibt es auch in Deutschland Orte, an denen sich Abgehängten, Vernachlässigten der Gesellschaft zusammenfinden. Viele von ihnen haben einen „Migrationshintergrund", was auch daran liegt, dass Zuwanderer in Deutschland noch immer im Durchschnitt einen geringeren Bildungsgrad haben als Alteingesessene - und dementsprechend auch weniger verdienen und überdurchschnittlich häufig auf Transferleistungen angewiesen sind.

Migranten zieht es meist in Städte

Während von den sozial schwächeren Deutschen viele auch im ländlichen Raum leben, zieht es Migranten fast immer in die Städte. Dabei gehen Zuwanderer mit einer besseren Ausbildung in die Boomregionen, wo sie Arbeit, Auskommen und Zukunftsperspektiven finden, während die mit geringeren Chancen auf dem Arbeitsmarkt die Orte bevorzugen, in denen die Mieten billig sind und viele Landsleute wohnen. Dort bleiben sie dann häufig unter sich.

Verstärkt wird die Tendenz zur Ghettoisierung meist noch durch eine gegenläufige Entwicklung, nämlich dass jene, die es sich leisten können, wegziehen. So war es einst in den amerikanischen Großstädten des „Rust Belt", und so ist es inzwischen auch mancherorts im Ruhrgebiet, Bremerhaven, Südniedersachsen oder Offenbach.

Exemplarisch lässt sich das an den alten Industriestädten im Norden und Westen ablesen. Als die Zechen und Werften schlossen, blieben viele der gering ausgebildeten Einheimischen und Zuwanderer einfach vor Ort. Die besser Ausgebildeten zog es dagegen dorthin, wo es Arbeit gab.

Wer konnte, ging weg, und unter denen, die zurückblieben, machte sich Frustration und Perspektivlosigkeit, oft auch eine gewisse Apathie breit. Natürlich gedeihen unter diesen Bedingungen auch Gewalt und Kriminalität eher als in einer Umgebung, in der die Menschen etwas zu verlieren haben.

Was folgt, ist ein sich selbst nährender Prozess: Die betreffenden Regionen verlieren an Einwohnern, damit auch an Wirtschaftskraft und Steueraufkommen. Es kommt zum Rückbau, zumindest aber zu einem Qualitätsverlust der Infrastruktur.

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Attraktiv sind diese Orte nur noch für so genannte „Armutszuwanderer", die vor einigen Jahren - noch vor der großen Flüchtlingskrise - Schlagzeilen machten. Damals kamen plötzlich auffällig viele arme, ungebildete Menschen, unter ihnen auch Großfamilien, aus Bulgarien, Rumänien und vom westlichen Balkan nach Deutschland.

Billiger Wohnraum und Landsleute

Diese Menschen gingen nicht in die boomenden Ballungsräume, wo es Arbeit gab - für die es ihnen aber in der Regel an der Qualifikation fehlte -, sondern in Städte, wo sie billigen Wohnraum und Landsleute vorfanden.

Nicht selten machten findige „Unternehmer" und Vermieter sogar ein regelrechtes Geschäft daraus, indem sie die Leute unter Vorspiegelung falscher Tatsachen nach Deutschland lockten, um sie hier auszubeuten. Bevorzugte Ziele dieser Armutsmigration waren das Ruhrgebiet, andere im Niedergang befindliche Industriestädte Westdeutschlands und Offenbach.

Rückblickend betrachtet waren die alarmierenden Berichte über die Armutszuwanderung stark übertrieben. Spätestens nachdem die Länder des westlichen Balkans als „sichere Herkunftsstaaten" anerkannt wurden und bei illegaler Einwanderung von dort ein dauerhaftes Einreiseverbot nach Deutschland drohte, kam der Zustrom von dort zu erliegen.

Und auch aus den südosteuropäischen EU-Staaten kamen letztlich weit weniger Geringqualifizierte nach Deutschland als befürchtet. Dennoch sind die damaligen Ereignisse und Erfahrungen lehrreich, wenn es gilt, darauf Folgerungen für die Bewältigung der sogenannten Flüchtlingskrise zu ziehen.

Schließlich haben zuletzt weit über eine Million Flüchtlinge und Asylbewerber in Deutschland Zuflucht gesucht - und es werden, glaubt man den Prognosen, noch deutlich mehr. Viele von ihnen werden bleiben, nur wenige verfügen aber über ein Bildungsniveau, das ausreicht, um eine auskömmliche Beschäftigung zu finden.

Hinzu kommt, dass sie größtenteils aus einem anderen Kulturkreis stammen, was den Spracherwerb und die Integration erschwert. Schon jetzt zeichnet sich, dass die Herausforderung, sie erfolgreich zu integrieren, größer werden könnte als erwartet.

Die Ghettobildung wird deutlich zunehmen

Noch sind viele Asylbewerber im Anerkennungsverfahren, also nicht frei in ihrer Wohnortwahl. Sobald sie aber ihren Aufenthaltsort wählen können, werden sie sich vermutlich ähnlich verhalten wie alle Einwanderergenerationen vor ihnen.

Sie werden dorthin gehen, wo es günstig ist und sie eine Community eigener Landsleute vorfinden. Das dürfte auch hierzulande zu zunehmender Ghettobildung führen - und zwar in einem deutlich stärkeren Umfang als bisher. Dem müssen wir entgegenwirken. Nur wie?

Die Lösung lautet: Möglichst gleichmäßige und dezentrale Ansiedlung - und raus aufs Land. Wir müssen Anreizsysteme sowohl für die Flüchtlinge als auch für Kommunen und die lokale Wirtschaft schaffen, damit anerkannte Asylbewerber in den ländlichen Raum gehen.

Das wird nicht einfach, denn für viele der Betroffenen bedeutet das womöglich einen Verlust des vertrauten Umfelds. Es ist aber der einzige Weg, um Ghettobildung und in deren Folge der Entstehung von Parallelgesellschaften entgegenzuwirken. Immerhin haben wir bei Asylbewerbern - anders als bei „regulären" Zuwanderern - die Chance deren Wohnortwahl zu beeinflussen.

Aus meiner Sicht gibt es zur verstärkten Werbung für den ländlichen Raum schlichtweg keine Alternative, umso mehr als wir damit dort auch der Überalterung entgegenwirken und der Wirtschaft neue Impulse geben.

In Boomregionen würden die Flüchtlinge dagegen nur die Not auf dem Wohnungsmarkt verschärfen und - würde man sie durch Zuweisung von Sozialwohnungen gezielt fördern - Ressentiments bei der einheimischen Bevölkerung wecken.

In kriselnden Ballungsräumen wiederum drohen ein Scheitern der Integration, Ausgrenzung und Kontrollverlust. Und das ist das letzte, was wir brauchen können. Daher: Die Lösung liegt auf dem Land.

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