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Virtual Reality kann mehr als reines Entertainment

26/06/2016 14:43 CEST | Aktualisiert 27/06/2017 11:12 CEST
Choreograph via Getty Images

Ja, ich gebe es (ungern) zu: Das Thema Klimawandel hat mich als jungen Schüler unfassbar gelangweilt. Irgendwo am anderen Ende der Welt schmilzt ein bisschen Eis - und darum macht mein Geografie-Lehrer so einen Aufruhr? Für mich war das schlichtweg zu weit weg, zumal die globale Erwärmung damals noch nicht diese große Aufmerksamkeit genoss wie heute.

Was mir fehlte, war die Anschaulichkeit - die Möglichkeit, mich in die Arktis zu „beamen" und mich dort selbst umzuschauen. Heutigen Schülern kann man genau das ermöglichen, natürlich ohne sie den Strapazen und Gefahren einer Polarexpedition auszusetzen. Vielmehr macht Virtual Reality künftig komplexe und abstrakte Unterrichtsthemen erlebbar und nachvollziehbar.

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©iurii @shutterstock.com

Die virtuelle Realität erlebt derzeit einen wahren Boom, denn die Technik wird immer ausgereifter, endlich auch massentauglich und ist schon längst kein reines Gaming- und Entertainment-Thema mehr. In den USA hat Google bereits begonnen, Virtual Reality in die Schulen zu bringen. Das Google Cardboard-Prinzip, bei dem eine Halterung aus Karton das Smartphone zur VR-Brille macht, ist kostengünstig und macht einen Wandertag nach dem anderen möglich - direkt im Klassenzimmer. „Expeditions" nennt Google sein Cardboard-Programm für Schulen, gemäß dem Motto: „Bring deine Schüler an Orte, an die sie der Schulbus nicht hinbringen kann." Dabei steuert und synchronisiert der Lehrer die Lerneinheit über ein Tablet, damit die VR-Erfahrung für die Schüler auch eine gemeinschaftliche wird.

Virtual Reality verspricht eine nicht gekannte Nähe und Unmittelbarkeit

Die Möglichkeiten für Lehrer aller Fachrichtungen, VR einzusetzen, erscheinen endlos. Im Biologie-Unterricht die Wasserwelt am Grund des Ozeans studieren? Künftig kein Problem mehr. In den 80er- und 90er-Jahren reisten Kinder in der Zeichentrickserie „Es war einmal das Leben" durch den Körper - schon bald werfen sie einen unmittelbaren Blick in die menschliche Körperzelle. Natürlich sind viele VR-Inhalte zu diesem frühen Zeitpunkt der Entwicklung längst nicht perfekt. Doch die virtuelle Realtiät in der Schule verspricht eine nicht gekannte Nähe und Unmittelbarkeit zum Stoff, die von anderen Medien bislang nicht geleistet werden konnte. Welcher Kunstlehrer war schon in der Lage, seinen Schülern die Ausdrucksstärke von Ausstellungen im Louvre oder Museum of Modern Art zu vermitteln? Die App Woofbert VR will schon bald Kunstgalerien aus aller Welt in der virtuellen Realität begehbar machen:

Natürlich sollen und werden Ausflüge in die virtuelle Realität tatsächliche Wandertage und Besuche vor Ort nicht gänzlich ersetzen - doch welche Schule kann es sich schon leisten, seine Klassen mehrmals im Jahr auf Exkursionen zu schicken? Mit der VR-Technik wäre aber genau das möglich, zumal bspw. Google bislang keine Anstalten macht, seine „Expeditions" kostenpflichtig und zum Produkt zu machen.

Höhenangst? Lässt sich mit VR bekämpfen

Darüber hinaus könnte VR dazu beitragen, dass wir uns schon früh in andere Menschen hineinversetzen können - in ein anderes Lebensumfeld, eine andere Hautfarbe - und so mehr Verständnis aufbringen werden. Die Stadt Aleppo komplett zerbombt zu erleben, zeigt uns die Auswirkungen des Syrien-Kriegs unmittelbarer als der nächste Nachrichtenbeitrag - denn in der virtuellen Realität kann ich nicht zur Seite schauen. Hier sehe ich auch links und rechts noch die scheinbar verlassene Geisterstadt. Auch erste Therapieversuche von Phobien im virtuellen Raum zeigen den Anspruch, den viele fernab von Gaming und Unterhaltung an die neue Technik stellen - wobei der Versuch, einen virtuellen Hund von einem Holzbrett in schwindelerregender Höhe zu retten, für Außenstehende schon etwas von gutem Entertainment hat:

Die Technik ist da, jetzt brauchen wir passende Inhalte

Unsere Gesellschaft wird naturgemäß über die Auswirkungen von Virtual Reality auf unser Verhalten und potentielle Gefahren diskutieren, gerade wenn es um den Einsatz der Technik in Schulen geht. Doch, wie auch bei Computerspielen, wird es auf die richtigen Formate und Inhalte ankommen. Wie lange wurden Computerspiele vorverurteilt, bis man in Deutschland langsam erkannte, dass sie - richtig eingesetzt und in Maßen konsumiert - sogar klug machen.

#VirtualReality in der #Bildung: Wir brauchen passende Formate und Inhalte!

Mit der Virtual-Reality-Brille wird es sich ähnlich verhalten. Sie soll das Schulbuch und den gemeinsamen Unterricht selbstverständlich nicht ersetzen. Doch sie kann vorhandenes Material sinnvoll erweitern - und Abwechslung in den Unterricht bringen, egal ob an Schulen oder Universitäten. Hierfür müssen nun passende, crossmediale Inhalte geschaffen werden - ein riesiger Markt für Schulbuch-Verlage wie Video-Produktionsfirmen gleichermaßen.

Das Bildungssystem mit all seinen Instanzen erkennt hoffentlich schnell das große Potential der virtuellen Realiät und beginnt dieses auch zu nutzen. Hätte ich als Schüler die Möglichkeiten von heute gehabt, ich hätte das Ausmaß des Klimawandels wohl schon gute 10 Jahre früher begriffen.

Virtual Reality in der Schule?

Die Macher der Simpsons haben es mal wieder kommen sehen:

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Die Erstveröffentlichung meines Beitrags finden Sie auf meiner Homepage: www.martinbaumannblog.de

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