BLOG

Wir brauchen mehr Dunja Hayalis in der Öffentlichkeit - und weniger Alexander Gaulands

28/09/2017 19:13 CEST | Aktualisiert 29/09/2017 07:10 CEST
RoosterHD via Getty Images

Wie hat eine ideale Frau in Deutschland auszusehen? Darum geht es doch, wenn alle über Kopftücher, Kinder und Quoten diskutieren.

Und letztlich kann man darauf eine knappe Antwort geben: Frauen sollen sein wie Schwäne.

Weiß. Schön. Elegant. Monogam. Sie sollen sich mit Brotkrumen füttern lassen, ohne zu beißen.

Die perfekten Kandidaten für eine Karriere

Konkret heißt das: Viele Bewerber in Deutschland sind hochqualifiziert. Gesellschaftlich engagiert. Haben einen beeindruckenden Lebenslauf. Sie sind die perfekten Kandidaten für eine Karriere.

Trotzdem sind sie unterrepräsentiert in den Jobs, in denen es um etwas geht. Sie müssen bis zu viermal so viele Bewerbungen schreiben wie andere. Weil sie Frauen sind. Und aus Einwandererfamilien stammen.

Workshops, die die Frauen in einer kompetenzorientierten Welt nie nötig hätten

Um diese Frauen kümmert sich die Gesellschaft viel zu wenig. Ich organisiere deswegen zusammen mit anderen Frauen Workshops für Studentinnen. Workshops, die diese Frauen in einer kompetenzorientierten Arbeitswelt niemals nötig hätten.

Wir haben unsere Initiative Swans genannt, des Schwanen-Bildes wegen. Wir wollen dieses Muster aufbrechen, das die Gesellschaft Frauen aufzwingen will.

Aufgeblasene Selbstdarsteller

Dass wir solche Kurse brauchen, wurde mir in meiner Zeit als Stipendiatin der Deutschlandstiftung Integration klar. Ich habe mich in dieser Zeit so geärgert, weil viele der Jungs in den Seminaren so aufgeblasene Selbstdarsteller waren und sich die Frauen davon haben einschüchtern lassen.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

Viele der Selbstzweifel betreffen alle Frauen, auch sogenannte Biodeutsche. Aber bei Frauen mit Zuwanderungsgeschichte kommen eben noch rassistische oder islamophobe Vorurteile dazu.

Mich selbst betrifft das ein Stück weit auch, wenn auch nicht mit der Wucht wie viele andere Frauen: Ich habe einen fremd klingenden Nachnamen, aber stamme aus einem EU-Mitgliedsstaat und habe weiße Haut.

Rassistische Fragen in allen Varianten

Wer zu unseren Seminaren kommt, hat oft schon Bewerbungsgespräche mit rassistischen Fragen hinter sich.

Offen rassistische, in denen es heißt "Leute aus Ihrem Kulturkreis sind immer so unpünktlich".

Manche Personaler schieben ihre eigenen Vorurteile auf andere "Wir haben ja kein Problem mit Ihrem Kopftuch, aber unsere Kunden ..."

Auch die Frage, wo der Name herkommt, ist nicht in Ordnung. In der Wissenschaft spricht man von Fremdmarkierung. Man deutet mit der Frage nach der Herkunft des Namens an, dass jemand nicht richtig deutsch sein kann.

Die Idealistinnen und die Pragmatikerinnen

Wie die Frauen damit umgehen und umgehen wollen, ist ganz unterschiedlich.

Es gibt die Idealistinnen, die zu recht nicht einsehen, warum sie ihren Namen und ihre Religion zum Thema machen oder erklären sollen.

Und es gibt die Pragmatikerinnen, die zu den Erklärungen zwar auch keine Lust haben, aber erst mal den Job bekommen wollen. Auch sie sind genervt von Rassismus oder Sexismus, sprechen ihn aber seltener an.

Die Sache mit der interkulturellen Kompetenz

Unsere Trainerinnen, zumeist selbst Frauen mit Zuwanderungsgeschichte, vermitteln unseren Teilnehmerinnen Wissen und Selbstbewusstsein, mit solchen Situationen umzugehen. Es steht uns nicht zu, ihnen zu sagen, was genau sie sagen sollen. Wir teilen da kein Vokabelheft aus.

Ob sie besondere Fähigkeiten wie zusätzliche Muttersprachen oder interkulturelle Kompetenzen thematisieren wollen, entscheidet jede Teilnehmerin unserer Seminare für sich.

Wir raten ihnen nicht, damit hausieren zu gehen. Erstens ist jeder Mensch anders, hat andere Fähigkeiten. Zweitens kann das so wirken, als müsse man den angeblichen Makel Abstammung durch besondere Fähigkeiten ausgleichen.

Unsere Treffen setzen unglaubliche Energie frei

Deswegen üben wir mit den Frauen Selbstpräsentation, netzwerken, produktive Gesprächsführung. Genauso wichtig ist die emotionale Komponente, es geht um Empowerment. Wir Frauen lassen uns nicht auseinanderdividieren, egal, wo wir herkommen.

Es ist unglaublich, welche Energie die Treffen freisetzen. Zum letzten Kurs etwa kam eine Studentin, die dachte, dass sie mit ihrem Studienfach keine Möglichkeiten hatte, ins Ausland zu gehen. Am Ende vom Seminar hat sie sich vorgenommen, sich für ein Auslandsstipendium zu bewerben.

Am liebsten würde ich drei Seminare pro Woche machen, nicht nur zwei im Jahr. Aber dazu fehlen uns die Kapazitäten - alle im Swans-Team machen das ehrenamtlich neben ihren Vollzeitjobs.

Wir brauchen mehr Fatimas in der Führungsetage

Unsere Teilnehmerinnen zeigen, wie viel Potenzial die Gesellschaft liegen lässt. Wir brauchen mehr Menschen an der Macht, die etwas können.

Wir brauchen mehr Fatimas in der Führungsetage. Mehr Dunja Hayalis in der Öffentlichkeit - und weniger Alexander Gaulands.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

2016-10-24-1477314417-8667323-image_1465815956.jpeg

Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.