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"Sie werden es auch für den Hartz-IV-Antrag brauchen" - Lehrerin warnt, dass immer mehr Kinder nicht mehr lesen lernen

11/12/2017 13:03 CET | Aktualisiert 11/12/2017 16:05 CET

Ich bin Lehrerin an einer Hamburger Brennpunkt-Schule und meine Schüler können in der dritten Klasse nicht alle lesen. Sie merken schon jetzt, wie sehr die Schule sie überfordert.

Die meisten verstehen nicht mal einfache Arbeitsanweisungen, geschweige denn längere Texte. Probleme haben sie deswegen nicht nur in meinem Deutschunterricht, sondern auch in anderen Fächern.

(Im Video oben: Der Philosoph Richard David Precht erklärt, warum wir keine Bildungsreform sondern eine Bildungsrevolution brauchen)

Dass meine Schüler keine Ausnahme in Deutschland sind, zeigt die kürzlich veröffentlichte Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu-Studie). Daraus ging hervor, dass 18,9 Prozent der deutschen Viertklässler nicht richtig lesen können.

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Normalerweise sollten Schüler das Lesen in der ersten Klasse gelernt haben. Ihre Voraussetzungen haben es ihnen jedoch schwer gemacht. Also muss ich es ihnen jetzt beibringen. Und ich merke: Es ist schwierig, aber es ist möglich.

3 Gründe für mangelnde Leseleistung

Damit das funktioniert, muss ich erst einmal verstehen, warum das Lesenlernen den Kindern immer mehr Schwierigkeiten bereitet. Meiner Erfahrung nach hat das vor allem drei Gründe:

1. Die Herkunft

Gerade in meiner Klasse kommen viele Kinder aus einkommensschwachen und bildungsfernen Familien. Zuhause wird meist nicht gelesen, weil zu wenig Zeit und Geld da sind. Bücher sind schließlich teuer.

Wie die Iglu-Studie bewiesen hat, macht es in der Leseleistung der Kinder einen großen Unterschied, ob in einem Haushalt viele Bücher vorhanden sind. Wie der Spiegel berichtet, haben Kinder, die zuhause mehr als 100 Bücher haben, einen Leistungsvorsprung von fast einem ganzen Lernjahr.

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Meinen Schülern Zugang zu Büchern zu verschaffen, hat für mich und meine Kolleginnen also oberste Priorität. In diesem Schuljahr gehe ich mit den Kindern regelmäßig in die Bibliothek und zeige ihnen Bücher, die sie dort ausleihen können. Jeden Tag müssen sie ihren Eltern jetzt daraus vorlesen.

2. Fehlende Konzentration

Kinder wachsen nicht mehr mit Büchern auf - dafür mit Fernsehen, Smartphone und Tablet. Bilder zu verarbeiten, ist für ein Kind so viel einfacher, als die Bilder beim Lesen erst im Kopf entstehen zu lassen. Dabei ist viel mehr Konzentration nötig.

Wenn sich Kinder daran gewöhnen, Medien mit niedrigem Konzentrationsaufwand zu konsumieren, sinkt ihre Konzentrationsspanne. Längere Texte zu lesen, wird dann schwierig.

Die Unterhaltungsangebote im Internet scheinen ihnen zudem so viel interessanter, als ein Buch mit banalem Papier und Bildern, die sich nicht einmal bewegen. Wenn die Eltern ihnen nicht zeigen, dass man auch in Büchern abtauchen kann, werden sich ihre Kinder nie aus eigenem Antrieb für das Lesen interessieren.

3. Die Kinder wissen nicht, wie essentiell das Lesen später ist

In der Grundschule merken Kinder noch nicht, wie wichtig das Lesen später einmal für sie sein wird. Sie wissen nicht, dass sie ohne diese Schlüsselfertigkeit nur schwer in der Arbeitswelt bestehen können.

Ihnen ist auch nicht klar, dass sie sie dann brauchen, um den Hartz IV-Antrag auszufüllen. Ja, tatsächlich träumen einige Kinder hartnäckig davon, später arbeitslos zu sein und ihrem Leben der Spielekonsole zu widmen.

Ich muss den Kindern klarmachen, warum sie es in der Zukunft immer schwerer haben werden, wenn sie nicht lesen können. Auch wenn sie erst 9 Jahre alt sind. Solch eine ehrliche Ansprache ist hart, aber das ist schließlich der Knackpunkt: Einen Bildungsnachteil, den die Kinder immer mit sich herumtragen werden, wenn sie die Lust am Lesen nicht finden.

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Wenn meine Schüler unmotiviert sind, sage ich ihnen manchmal ganz offen: "Kids, ihr werdet später immer kämpfen müssen, wenn ihr das nicht lernt."

Die wichtige Rolle der Eltern

Was ich nicht sage, aber weiß: Sie werden nach der Schulzeit in der freien Marktwirtschaft mit anderen Bewerbern aus bildungsnahen Haushalten nur schwer konkurrieren können. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich selbst habe die Grundschule in einem Bremer Brennpunkt besucht und als erste in meiner Familie einen akademischen Bildungsgrad erreicht.

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Und langsam verstehen sie es. Sie machen fleißig ihre Lesehausaufgaben und werden immer besser. Ein großer Dank geht dafür an die Eltern, die sich trotz wenig Zeit und auch mit mangelndem Verständnis der deutschen Sprache von ihrem Kind aus den Büchern unserer Schulbibliothek abends vorlesen lassen.

Untereinander beginnen manche Kinder, sich Kurznachrichten per Whatsapp zu schreiben und verstehen: Auch dafür muss ich lesen können.

So funktioniert es. Ich glaube daran.

Mittlerweile bin ich zuversichtlich, dass jeder meine Schützlinge am Ende dieses Schuljahres lesen kann. Und es vielleicht sogar gerne tut.

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